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Leonard Cohen Ich trage meine Maske für euch alle

27.07.2008 ·  Eigentlich spielt er nur noch für seine Alterssicherung, und dann so ein glanzvoller Auftritt: Der große Leonard Cohen trat in Lörrach bei seinem einzigen Konzert in Deutschland auf. Er begeisterte mit sinnlicher Würde.

Von Rose-Maria Gropp
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Lörrach im südlichen Dreiländereck hat jedes Jahr ein Festival, das „Stimmen“ heißt und die Leute scharenweise anlockt. Am Freitag abend aber sahen auch die „Stimmen 08“ einen ungeahnten, nie dagewesenen Höhepunkt. Leonard Cohen kam auf den Marktplatz des Städtchens zu seinem einzigen Konzert in Deutschland, während seiner ersten Tournee in Europa seit fünfzehn Jahren. Die Karten waren seit Monaten ausverkauft. Viele der gut fünftausend Leute, die da unter freiem Himmel standen, waren noch nicht einmal geboren, als die ersten Alben des Dichtersängers Ende der sechziger Jahre erschienen.

„Dance Me to the End of Love“ – Cohen betritt die Bühne, noch immer ein schöner Mann mit grauweißem Haar, in schwarzer Hose und Weste, mit grauem Hemd und dunklem, weichem Hut, den er den ganzen langen Sommerabend über immer wieder ziehen und in courtoiser Geste vor sein Herz halten wird, um seinem Publikum die Ehre zu erweisen. Denn er wird in den folgenden drei Stunden, ohne ein einziges Missverständnis, genau unterscheiden zwischen der Achtung vor den lauschenden Leuten und vor seinen phänomenalen Musikern und Sängerinnen – und der wunderbaren Ironie, die er, der am 21. September vierundsiebzig Jahre alt wird, seinen Liedern einzuflößen weiß.

Ein Glanz von innen

Mit einem Song also, der auch schon bald ein Vierteljahrhundert alt ist, ruft er die Gemeinde einer Sommernacht zusammen. Das muss man schon so nennen; denn Leonard Cohens Konzerte ähneln ohne jede Blasphemie dem Ritus und Rhythmus einer Messe. Er, der kanadische Jude, amalgamierte seine melancholischen Prophetien früh mit dem Erlösungsversprechen des Katholizismus – „now the flames they followed Joan of Arc“. In langer klösterlicher Zurückgezogenheit hat er vor einigen Jahren zum Zen-Buddhismus gefunden. Leonard Cohen ist ein Mann, den Spiritualität wie ein Glanz von innen umgibt.

Seine so charakteristische Stimme hat nichts von ihrer Kraft eingebüßt; es ist im Gegenteil so, dass ihre Tiefe und Weichheit und vollkommene Sicherheit noch gewonnen haben und diejenigen vor allem staunen machen, die Cohen schon früher live gehört haben: früher, als er noch the ladies’ man war (und genau der sein wollte), um die Zerbrechlichkeit der Welt in manchmal heiserem Flüstern zu intonieren, die Ferne von Gott und die Nähe zum Sex, als lasziver Untergeher, stets im Frauendienst stehend. Aber an diesem Abend holt er sich mit seiner Band – neben jenen eben, die in ihm den Vorsäger ihres juvenilen Blues vor gut einer Generation feiern – all die Nachgeborenen auf den Marktplatz in Lörrach.

Erfahren im Genuss

Er vermag das, weil über der Adoration der frühen Jahre angesichts seiner Texte, die allzu oft als gehobene Befindlichkeitslyrik dienten, die Bedeutung seiner Kompositionen übersehen wurde. Nun trägt ihn seine enorme Musikalität, diese unglaubliche Leichtigkeit der scheinbar so simplen Tonfolgen. Sie haben seine Songs in die Ohren gebohrt, mit ungezählten Cover-Versionen, vom frühen Joe Cocker bis zu Jennifer Warnes, von Nick Cave, John Cale oder R.E.M., Rufus Wainwright bis bin zum späten Johnny Cash. Zwischen dem ersten Album „Songs of Leonard Cohen“ und heute liegen mehr als vierzig Jahre – der Verehrung einer nächsten und übernächsten Generation ist das offenbar ein Nichts; sie hat ihren godfather in ihm. Und immer wieder geben Cohens Musiker lange, umjubelte Soli auf dem Saxophon und der Mundharmonika (Dino Soldo), auf der Bandurria (Javier Mas) oder dem Kontrabass (Roscoe Beck): dramatische und witzige, sentimentale und harte, elektrisch-stählerne (Bob Metzger).

Der feine Stil erlaubt dem Sänger wirklich jedes Lied, ohne den geringsten Anflug von Lächerlichkeit; denn Cohen amüsiert sich selbst. „I’m Your Man“, dieses ultimative Unterwerfungsangebot vom Ende der achtziger Jahre, als Cohen schon einmal zurückkam, singt er mit der Gelassenheit und mit dem wissenden Charme eines, der den Genuss erfahren hat – „if you want another kind of love, I’ll wear this old mask for you“. Cohen lässt auch die großartigen düsteren Lieder seines Albums „The Future“ von 1992 nicht aus, den harten Marsch von „Democracy is Coming to the U.S.A.“ oder das beschwörende „Anthem“. Er klimpert zum berühmten „Tower of Song“ ein bisschen auf einem kleinen Keyboard, er nimmt seine schwarze Gitarre, um den unsterblichen „Sisters of Mercy“ zu huldigen, und das, noch immer und immer wieder, atemraubende Pathos seines „Hallelujah“ unterwandert er selbst, indem er in den Text „Lörrach“ einfließen lässt. Es heißt ja, dass Cohen nur deshalb wieder auf Tournee gehe, weil seine langjährige Managerin ihn um die Dollarmillionen für sein Alter betrogen hat. Doch der Endzeitpoet präsentiert sich in unglaublicher Spiellaune; er ist sichtlich angerührt und inspiriert vom warmen Empfang seines Publikums, dessen Ausdauer.

Sinnlich und würdevoll

Wer Leonard Cohen zuletzt 1993 auf der Bühne gesehen hat, kann diese Transformation erkennen, die jedoch nicht Selbstentfremdung ist. Die unkaschierte schiere Erotik der früheren Jahre ist einer Vergeistigung gewichen, sinnlich und voller Würde. Immer wieder kniet er nieder auf der Bühne, er distanziert sich von sich selbst; immer wieder verweist er den brandenden Applaus an seine Musiker und seine Begleitsängerinnen Sharon Robinson und Charley und Hattie Webb – Ausdruck der Demut auch. Am Ende ist es elf Uhr nachts, am Himmel stehen die Sterne, und unten stehen noch seine Tausende Zuhörer, er sagt: „And here’s a man and he’s still working for your smile.“

Das Lächeln aller hat er an diesem südlichen Abend; nicht mehr nur das der Frauen zählt für ihn, das ihn stets getragen hat. Er verlässt die Bühne mit einem Segensspruch fürs Publikum, nach der andächtigen Stille begleitet ihn Jubel. Es ist das glückliche Gefühl eines unwiederbringlichen Moments. Es ist der große Leonard Cohen.

Die Erotik der frühen Jahre ist einer würdevollen Vergeistigung
gewichen: Der Sänger Leonard Cohen feiert in Lörrach heilige Messe, mit Hallelujah und allem Drum und Dran.

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Jahrgang 1956, Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

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