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Laurie Anderson im Interview : Die Geige ist mein Tanzpartner

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Laurie Anderson beim Geigentanz Bild: REUTERS

Die New Yorker Künstlerin Laurie Anderson gibt eines ihrer seltenen Konzerte in Berlin. Ein Interview über festgefahrene Rollen und neue Muster, Cowboys und Geschäftsmänner und die Gefahr bei Multimediaarbeiten.

          Laurie Anderson, Sie haben mit fünf Jahren begonnen, Geige zu spielen, und besitzen ein großes Archiv mit persönlichen Notizen, Fotos, Briefen und Tagebüchern. Wenn man Ihre Arbeit betrachtet, stellt man fest, dass Sie vor allem Geschichten erzählen. Sehen Sie sich als Geschichtenerzählerin?

          Ich werde zwar immer als Multimediakünstlerin bezeichnet, aber wenn ich Medien einsetze – also Bilder, Video, Licht, Sound und Elektronik – dann tue ich das tatsächlich immer nur, um eine Geschichte zu erzählen. Meine Show „The End of the Moon“ war eigentlich ein langes Gedicht. Es dauerte neunzig Minuten. Als ich damit anfing, war es schwierig. Die Gefahr bei Multimediaarbeiten ist ja immer, dass es schnell zu viel wird: Zu viele Bildschirme, zu viele Videoleinwände, zu viele Soundeffekte. Das gehört heute zu unserem Alltag. Eine Autofirma bringt ein neues Auto heraus und was macht sie: eine Multimedia-Show. Modefirmen machen es nicht anders. Es ist also nichts Besonderes, wenn heute jemand auf einen Knopf drückt und etwas geht los. Ich aber nutze Medien nur auf solche Weise, dass sie einer Geschichte dienen. Wenn sie keinen Nutzen für die Geschichte haben, fliegen sie hinaus.

          In Ihren Arbeiten fallen zwei große Themen auf: Kommunikation und Alltag sowie ihre jeweilige Wechselwirkung.

          Ich habe sehr viele Themen, aber ich glaube, mein größtes Thema ist die Zeit. Das habe ich in „The End of the Moon“ bearbeitet. Ich zitiere hierzu gern Jean-Luc Godard, der gesagt hat: „Jede Geschichte hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Aber nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.“ Das gefällt mir. Auch mein Leben ist keine geradlinige Erzählung. Es kommen zwar eine ganze Menge Charaktere ständig darin vor, aber mein Leben hat keine eigentliche „Handlung“. Man kann es nicht mit einem Werk der Literatur oder mit einem Theaterstück vergleichen. Ich achte mehr darauf, wie wir im Moment leben, und nicht so sehr darauf, wie das in eine bestimmte Lebenserzählung hineinpasst, die irgendwelche Anfänge und Enden hätte. Kommunikation interessiert mich insofern, als sie unsere Zeit total bestimmt. Man hört überall nur noch „Ich, ich, ich“, „Ich denke“, „Ich finde“, kurz: „mein Auto, mein Haus, mein Beruf“. Das sind unsere Wurzeln. Dieses Ego muss sich heute permanent gegen die Massenmedien verteidigen.

          Haben Sie denn auch andere Erfahrungen gemacht?

          Ja, zum Beispiel in Japan, wo ich gearbeitet und gelebt habe. Da gibt es noch eine Kommunikation in Form der Schüler-Lehrer-Beziehung. Bei uns im Westen gibt es eigentlich nur die Liebesbeziehung. Die Lehrer-Schüler-Beziehung ist verschwunden. Als Solo-Performerin gestalte ich meine Beziehung zum Publikum als eine Art Kommunikation. Ich mache Angebote und sage zum Beispiel: „Es könnte so sein, es könnte aber auch so sein. Was meinen Sie?“ Am Ende sollte daraus eine Unterhaltung mit dem Publikum entstehen. Das hoffe ich jedenfalls.

          Sie beziehen bei Ihren Performances das Publikum ein, überraschen es mit Gedankenwendungen. Und es gibt bei Ihnen viele Brüche, die Sie „jump cuts“ nennen.

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