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Lana del Rey auf Tournee : Sie seufzt den amerikanischen Traum

  • -Aktualisiert am

Sommerzeit-Traurigkeit? Damit kann Lana del Rey leben und singen. Bild: dpa

Morbide Mädchenhymnen als Perfektions-Pop: Lana del Rey becirct während ihrer Deutschland-Tour die Berliner mit Retro-Charme. „Summertime Sadness“ gibt es erst zum Schluss, dafür entfällt die Zugabe.

          Das Bühnenbild: ein Barocksalon in schwüler Kalifornien-Nacht. Lana del Rey wandelt in schimmernd weißem Babydoll-Kleid zwischen Palmen und Tierskulpturen wie ein Mädchen, das, aus dem Schlaf gerissen, in einen Zaubergarten läuft und noch nicht recht weiß, ob es sich freuen oder ängstigen soll. Rehaugen unter tiefschwarzen Klimperkunstwimpern. Das taillenlange Haar à la sechziger Jahre drapiert. „Done my hair up real big / Beauty Queen Style“: So beschreibt Lana del Rey ihre Frisur in einer von insgesamt siebzehn Balladen, die sie im Berliner Velodrom vorträgt.

          Ihre Lieder feiern die schiefe Bahn, handeln von unstillbarem Liebeskummer, bösen Jungs, wilden Mädchen und Tänzen unter bleichem Mondlicht in der süßen Hölle des Kapitalismus. Eine achtköpfige Band - vier Streicher, Piano, Gitarre, Bass und Schlagzeug - sorgt für Klangopulenz. Die Videoclips, die im Hintergrund in Ornamentrahmen flackern, vermitteln den Eindruck, als hätte im Think Tank, der das Gesamtkunstwerk Lana del Rey ersann, Film-Noir-Spezialist David Lynch das entscheidende Wort gesprochen. Zu sehen sind: nächtliche Highways, Sternenbanner, Streifenwagen, flammendrote Firmamente, Hausfrauen und Kinderspiele in Super 8, Glitzerlichter der Großstadt, Brooklyn Bridge, Jesus am Kreuz und eine Stripperin an der Tanzstange (eine interessante visuelle Analogie), Kirchengewölbe, schwarze Raben, Lana del Rey im Prostituiertenkostüm von Julia Roberts aus „Pretty Woman“, Lana del Rey als entsetzte Jackie Kennedy beim Attentat.

          Ihr Singen ist Seufzen

          Ihren „Hollywood Sadcore“ getauften Stil hat die Sängerin jedoch selbst erfunden. Faszinieren könnte die 26 Jahre alte Amerikanerin auch ohne die Popspektakelkulissen, mit denen sie seit dem Hype um das Album „Born To Die“ vor knapp anderthalb Jahren vermarktet wird. Man höre sich ihre durchweg hervorragenden, teilweise nur mit Akustikgitarre eingespielten Songs an, die zu Dutzenden inoffiziell durchs Internet geistern.

          Das Charisma von Lana del Rey beruht im Wesentlichen auf ihrer hypnotischen Stimme. Ihr Singen ist Seufzen, mit interessanten Modulationen. Meist grollt das Seufzen dunkel und langsam, als bräche tiefe Traurigkeit durch eine Wattewand aus ruhigstellenden Medikamenten. Mit ihm kontrastiert wimmerndes Seufzen, das sich zart-kunstvoll in die Höhe schraubt. Rund 9000 Menschen hängen in Berlin an Lana del Reys übernatürlich üppigen Lippen, skandieren ihre perfekt verknappten, in Stein meißelbaren Verse mit: „Kiss me hard before you go“, „We’re are born to die“, „My Pussy tastes like Pepsi Cola“, „Money is the anthem of success“.

          Eine neuartige Ästhetik

          Erstaunlich, dass diese morbiden Hymnen so großen Erfolg haben. Lana del Reys zwischen entrückter Diva und nettem Nachbarsmädchen oszillierende Erscheinung zieht weibliche Teenager ebenso wie Familienväter an. Schon während des Eröffnungsstücks „Cola“ steigt die New Yorkerin in den Bühnengraben, schüttelt Hände, gibt Autogramme und phrasiert zugleich ihre anspruchsvollen Gesangslinien. Oben auf der Bühne versucht Lana del Rey dann den elegischen Ernst zu wahren, der ihren todessehnsüchtig klingenden Werken angemessen wäre, zumindest während der ersten Konzerthälfte. Aber schon bei den Ansagen hört man sie kichern und kieksen. Der Star freut sich ganz ungekünstelt über die Begeisterung, die ihm entgegenschlägt.

          Das Programm beschränkt Lana del Rey auf das Material ihrer zwei offiziell erhältlichen Alben. Zwei Coverversionen bilden die Ausnahmen: Nirvanas „Heart Shaped Box“ und Dylans „Knockin’ on Heaven’s Door“. Lana del Reys Retro-Inszenierung ist oft kritisiert worden. Doch die Verbindung ihres unverwechselbaren Gesangs mit Pop im Klanggewand der fünfziger und sechziger Jahre, Zitaten jüngerer Rockmusik und schleppenden Hiphop-Beats erschafft eine tatsächlich neuartige, interessante Ästhetik.

          Gegen die Kaufverdrossenheit und das Aufmerksamkeitsdefizit der Musikkonsumenten haben Lana del Rey und ihr Produzententeam ein probates Mittel gefunden: Alle Songs haben Hitqualität. Daher kann die Newcomerin es sich leisten, ihre Singles erst am Ende des Abends zu spielen: „Summertime Sadness“, „Burning Desire“ „Video Games“ und „National Anthem“ folgen en bloc. Eine Zugabe gibt es nach diesem Poperlebnis in Perfektion nicht.

          Weitere Tourdaten

          Mittwoch, 17. April: Düsseldorf
          Freitag, 19. April: Wien
          Samstag, 20. April: Frankfurt am Main
          Donnerstag, 25. April: München-Freimann
          Dienstag, 30. April: Esch Alzette / Luxemburg
          Mittwoch, 29. Mai: Amsterdam

          Quelle: F.A.Z.

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