03.05.2010 · Sie sieht aus wie eine Lichterscheinung und ist mindestens genauso eindrucksvoll. Das „Time“-Magazin hat Lady Gaga zu der wichtigsten Künstlerin der Welt gewählt. Doch ist sie das wirklich?
Von Tobias RütherJetzt zählt sie zu den hundert wichtigsten Menschen der Welt. Jedenfalls steht die amerikanische Sängerin Lady Gaga auf der alljährlichen Liste des „Time“-Magazins, die jetzt veröffentlicht wurde, als Erste in der Sektion „Künstler“. Angela Merkel fehlt diesmal, aber da besteht wahrscheinlich kein Zusammenhang.
Für diese Karriere hat Lady Gaga, die gerade erst vierundzwanzig Jahre alt wurde, nur eine einzige Platte gebraucht. Und ungefähr fünf Millionen Kostüme, Perücken und Sonnenbrillen. Diese eine Platte aber, „The Fame“, in Amerika erschienen im August 2008, hat Lady Gaga seitdem in verschiedenen Versionen herausgebracht - also im Grunde genauso wie sich selbst. „The Fame Monster“, die erste Version, hatte ein paar Stücke mehr, bei der „Super Deluxe Edition“ waren dann ein bisschen Spielzeug, eine DVD und eine Haarlocke und ein Bildband dabei. Auf den USB-Stick der „Limited Edition“, der ab heute im Handel ist, hat Lady Gaga alle ihre bisherigen Videos gepackt und auch das neueste, den Kurzfilm zum Song „Telephone“, bei dem Beyoncé Knowles mitmacht. Gedreht hat ihn Jonas Åkerlund, der auch schon für Madonna und Rammstein gearbeitet hat. Parallel erscheint „The Remix“, siebzehn Bearbeitungen ihrer Hits wie „Just Dance“ oder „Paparazzi“ von Produzenten wie Stuart Price oder den Pet Shop Boys, von lauter vernünftigen Leuten also. Mitte Mai gibt Lady Gaga, die auf Welttournee ist, auch drei Konzerte in Deutschland. Und wie es heißt, schreibt sie an neuen Liedern.
Ein wunderschönes außerirdisches Insekt
Man hat Lady Gaga mit Madonna verglichen, was die schlaue Lady Gaga wollte, sonst hätte sie sich anders angezogen. Oder mit dem früh verstorbenen deutschen Kostümkünstler Klaus Nomi, der als elektronischer Opernsänger vor dreißig Jahren fast Amerika erobert hätte. Aber wenn Lady Gaga im Video zu „Bad Romance“ auf den Armadillo-Stiefeln von Alexander McQueen dahergelaufen kommt, die hauptberufliche Models in die Knie gezwungen haben, wirkt sie eher wie ein wunderschönes außerirdisches Insekt. Die Frau, die vom Himmel fiel. Ihre Zeit ist nicht unsere Zeit.
Oder doch? „Die Aufgabe von Künstlern ist es, einen Schnappschuss zu machen“, schreibt Cyndi Lauper im aktuellen „Time“-Heft, „der erklärt, wie es ist, gerade am Leben zu sein. Lady Gagas Kunst fängt die Epoche ein, in der wir uns befinden.“ Cyndi Lauper selbst hatte 1983 mit ihrem Song „Girls Just Want to Have Fun“ die Popformel der Emanzipation gefunden, mit der sich damals schon Madonna und heute noch Lady Gaga erklären lassen, ohne dass man dafür eine Seite feministische Theorie gelesen haben muss. Weil es eher um Praxis geht.
Sie selbst ist Kunst
Es beginnt zum Beispiel damit, von sich selbst möglichst viele Schnappschüsse zu machen, damit es schwer wird zu sagen, wer das ist, der da singt. Männliche Popstars haben meistens darauf geachtet, ihre eigene Position in der Hierarchie durch ein einziges klares Image zu festigen: der Dichter Dylan, der Abfahrer Springsteen, der Retter Sting. Und was sie auf der Bühne dazu trugen, war Mode. Lady Gagas Kostüme sind Lady Gaga. Die außerirdischen Schuhe. Der Kopfschmuck, aus dem nur noch ein Auge herausschaut. Die nackte Haut. „Ich finde es sehr beruhigend, neben jemandem zu sitzen und mir keine Sorgen machen zu müssen, dass ich wie ein Freak aussehe“, schreibt Cyndi Lauper in ihrer Würdigung dann noch. „Sie ist kein Pop-Act, sie ist eine Performancekünstlerin. Sie selbst ist die Kunst. Sie ist die Skulptur.“ Und zum Glück kann man ganz toll zu ihren Liedern tanzen!
Aber noch besser kann man zu ihren Liedern ihre Bilder anschauen. Es ist kein Zufall, dass Lady Gagas größter Hit „Paparazzi“ heißt. Wie viel langweiliger und leerer wäre die Welt ohne sie, ihre Verkleidungen und Verrenkungen, selbst wenn es nur darum geht zu zeigen, dass man in solchen Schuhen laufen kann.
Und ja, es stimmt, Lady Gaga kann Klavier spielen und Rilke zitieren. Aber das gilt auch für Helmut Schmidt.
Tobias Rüther Jahrgang 1973, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
Jüngste Beiträge