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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

„Kramms Hits“ Wie ich meine Musik befreite

Seit Anfang Juni präsentiert meine Kolumne „Kramms Hits“ alle vierzehn Tage fünf legal erhältliche Musiktitel aus dem Internet. Und sie zeigt: Es geht auch ohne Gema.

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© F.A.Z.

Es war eine dunkle und stille Zeit. Der Verschränktheitsbegriff der Physik war reine Theorie, die Unschärfe hingegen greifbare Realität. Das Netzwerk der Welt bestand einzig aus Telefonleitungen und Funksendern. Das öffentlich-rechtlich finanzierte Programm der wenigen Fernsehstationen verbreitete den kleinsten gemeinsamen Geschmacksnenner dessen, was eine Unterhaltungsindustrie in den Chefetagen beschlossen hatte.


Kommunikation im Zeitalter der Massenkultur war noch eine Einbahnstraße, an deren Gehsteig man vergeblich auf ein Stocken des Kulturverkehrs hoffte, um nur einmal die Straßenseite zu wechseln. Geflügelte Wörter wie „Unwissenheit schützt vor Strafe nicht“ waren nur zur Hälfte wahr, denn außerhalb öffentlicher, den Öffnungszeiten unterworfenen Bibliotheken war Wissen ein eingehegtes Gut, das nur wenigen vorenthalten war.

So erfuhren die an den Wochenenden debattierten Fragen meiner gerade gegründeten Band kaum Antworten, dafür umso mehr gefährliches Halbwissen vom Hörensagen semiprofessioneller Bands, die bereits außerhalb unseres Landkreises gastiert hatten.

Die Verpackung ist der halbe Deal

So nahm alles seinen Lauf. Mit der größten finanziellen Anstrengung wurden unsere Songs im örtlichen Studio unter der Ägide des überforderten Technikers auf ein rauschendes, kratzendes Tape gebannt. Den Leitspruch „Die Verpackung ist der halbe Deal“ im Kopf, wurden dann Fotos ausgeschnitten, Rubbelbuchstaben aufgeklebt, erneut abfotografiert und mit der kunstvoll verzierten Musikkassette an die Adressen verschickt, die wir auf unseren Lieblingsalben fanden.

Als sich dann eines Tages ein Verlag aus dem fernen Niedersachsen meldete, schien der Durchbruch greifbar nah und der Vertrag war nur noch Formsache. Auch jene folgenschwere Zeile: „Der Auswertungszeitraum des Verlagsvertrages ist an die gesetzlichen Schutzfristen gebunden, und die Urheber verpflichten sich, einen Wahrnehmungsvertrag bei der Gema abzuschließen.“

Das Wort „gesetzlich“ ließ uns in vermeintlicher Sicherheit wiegen und bescherte uns erst viele Jahre später die Einsicht, dass wir dadurch große Teile der uns zustehenden urheberrechtlichen Gema-Tantiemen zum damaligen Zeitpunkt bis fünfzig Jahre nach unserem Tod an einen Verlag übertragen hatten. Bei Banken hätte man solche Kreditkonditionen als unlauteren Wettbewerb anfechten können, denn der verrechenbare Vorschuss kam in seiner zeitlichen Relation einem Almosen gleich; die abgetretenen Rechte hingegen schmerzen uns noch heute. Übrigens wurden die Schutzfristen dank TRIPS und Konzernen wie Disney Mitte der neunziger Jahre von fünfzig auf siebzig Jahre nach dem Tod verlängert.

Für jeden Tonträger eine Gebühr

Da wir ohne Plattenfirma unsere LPs und CDs selbst herstellen mussten, stellte uns die Gema als Urheber und Lizenznehmer in Personalunion eine Rechnung für die mechanische Lizenz, aber auch für selbst organisierte Konzerte. So bezahlen wir bis heute für jeden Tonträger eine Gebühr an die Gema, wovon wir bestenfalls nach Jahren die Hälfte vergütet bekommen. Verlagsanteil und Gema-Administration verschlingen ihren Teil.

Von den Tantiemen aus öffentlichen Aufführungen und Konzerten werden übrigens bestenfalls Anteile im Promillebereich ausgeschüttet, während Veranstalter regelmäßig Zigtausende Euro an die Gema abführen müssen, die dann bei Inhabern von Standardwerken landen.

Viel größere Probleme bereitete uns aber der Vertrieb unserer Musik, denn wie sollte man je über den lokalen Fankreis hinausreichen, wenn eine elitäre Verbandsstruktur die Vergabe der überlebenswichtigen Labelcodes kontrollierte, die damals mindestens genauso wichtig für die Listung im Handel waren wie die Gema-Mitgliedschaft selbst.

Und auch der Zugang zum Markt wurde allerorts behindert. So war es vor allem kleinen Independentvertrieben wie der unter Mithilfe des Ton-Steine-Scherben-Saxophonisten und Tischzerstörers Nikel Pallat gegründeten EFA Medien zu danken, die die Grundvoraussetzungen für eine wirklich offene Vertriebsplattform schufen.

Erfolg spornt an

Als Anfang der Neunziger das Internet seinen schleichenden Siegeszug von den Universitäten an die Öffentlichkeit antrat, wollten wir Teil dieser Revolution sein. Über den Universitätszugang meiner Schwester richteten wir eine erste kleine HTML-Seite zu unserer Band ein, die prompt zu unserem ersten Tournee-Engagement in Amerika führte.

Angespornt vom Erfolg dieser neuen universellen Plattform, war es für uns nur ein logischer Schritt, unsere Musik dort ständig verfügbar zu machen. Die restriktive Auslegung des Verlags- und des Gema-Wahrnehmungsvertrages holte uns schnell auf den Boden der Realitäten des Urheberrechtes zurück, die uns die unlizensierte Weitergabe unserer eigenen Musik untersagte. Zum ersten Mal wurde uns die selbst auferlegte Begrenzung bewusst, aus der es bis heute keinen Ausweg gibt, denn der Wahrnehmungsvertrag der Gema ist für bereits registrierte Werke unkündbar.

Bis heute haben das Internet und seine Gemeinde unzählige neue Stile und Kunstformen begleitet, erdacht und in eine ungekannte Dimension unmittelbarer Kommunikation geführt, die vielen Künstlern des vergangenen Jahrhunderts unangenehm erscheinen mag. Die Vielfalt des angebotenen Long Tails fast erdrückender Angebote ist Schuld an der Stagnation der alten Kulturindustrien.

Die Konkurrenz zu einem neuen und jungen Ideal, das zuerst dem Inhalt und dann der Möglichkeit einer Honorierung verpflichtet ist, wird mit den Waffen der Einhegung geführt und beschädigt dabei nicht nur das Urvertrauen zwischen dem Künstler und seinem Rezipienten.Diese Konkurrenz behindert das Experiment, das so reiche Früchte trägt und jeden Tag auf unzähligen Portalen ohne Gema-Wahrnehmungsverträge und unter einem neuen offenen Standard die nichtkommerzielle Nutzung erlaubt.

Vielfalt der Schöpfungen

Wer heute mit wahnwitzigen Schöpfungen ein Zuhause sucht, findet im Internet nicht nur unendliche Möglichkeiten, seine Werke einem weltweiten Publikum vorzustellen, sondern mittlerweile auch vielfältige Möglichkeiten der Finanzierung und langfristigen Auswertung.
Kein Wunder, dass eine wachsende Schar junger Künstler längst begriffen hat, dass ein Wahrnehmungsvertrag mit der Gema nicht nur zusätzliche, kaum abschätzbare Risiken für eine Selbstvermarktung darstellt, sondern im Internet einer Karrierebremse gleichkommt.

Sicher: Heute drängt eine unverhältnismäßig größere Zahl der Veröffentlichungen auf den schmalen Wahrnehmungshorizont und erschwert die Einkommensbildung etablierter Künstler. Aber war eben das nicht schon immer schwer? Das Dilemma unseres Lebens als Musiker lag schon immer zwischen unseren Ideen und ihrer Vermarktbarkeit. Wenn wir heute von der Freiheit der Kunst sprechen, haben wir gegenüber den dunklen Achtzigern einen Grad erreicht, der nicht nur das Urheberrecht der Vergangenheit in Widersprüche verstrickt, sondern diese grundlegende Neudefinition der Beziehung zwischen Schöpfer und Rezipient fordert. Wer dies nur rechtlich und monetaristisch lösen möchte, übersieht die Schönheit und Vielfalt neuer Schöpfungen und das Modell der Zukunft: Creative Commons.

In den alle vierzehn Tage erscheinenden „Kramms Hits“ stelle ich meine Entdeckungen, meine Top 5 aus dem Internet vor, über die Sie abstimmen können. Die am häufigsten geklickten Künstler werden wir nach einem Jahr auf FAZ.NET näher vorstellen.

Bruno Gert Kramm, Autor der vierzehntägigen Kolumne „Kramms Hits“

Der 1967 in München geborene Musiker gründete bereits Ende der Achtziger seine eigene Plattenfirma Danse Macabre. Mit seiner Band Das Ich veröffentlichte er kontroverse Songs wie „Gottes Tod“, aber auch Gottfried-Benn-Vertonungen wie „Morgue“. Seine Band gilt bis heute als Urgestein der weltweiten Gothic-Bewegung und führte ihn auf zahllose Tourneen um die Welt. Im Tierschutz engagierte er sich als Gründer und Organisator des Greentunes Festival für einen besseren Umgang mit den Tieren und den Ressourcen unserer Welt. Er engagiert sich als aktiver Gegner von Handelsabkommen wie Acta. Früher politisch aktiv bei Bündnis 90/Die Grünen, ist er seit 2011 Mitglied in der Piratenpartei und fungiert dort als Beauftragter für das Urheberrecht. Er schreibt in seiner Kolumne nur als Musiker.

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