Home
http://www.faz.net/-gsd-zfm0
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

„Kraftwerks“ Elektropop Kennzeichen D

 ·  Musik als Kunst der Zeit: Kraftwerk aus Düsseldorf gelten als die wichtigste deutsche Popgruppe. Ihre elektronischen Hymnen wie „Autobahn“ oder „Das Model“ haben seit den Siebzigern Generationen von Musikern beeinflusst, bis heute wirken sie unverändert neu und modern. Woran liegt das?

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (1)

Popmusik beschäftigt sich mit Zeit. Sie kann gar nicht anders. Denn Popmusik ist untrennbar verbunden mit der Zeit, die sie hervorbringt, aber mehr noch mit der Zeit, die sie dauert. Ein Popsong dauert so lange, wie er dauert. Mit einem Buch ist das schon etwas anderes: Wie lange man braucht, seine Seiten zu lesen, hängt vom Leser ab, und genauso frei kann man gestalten, wie ausgiebig man ein Gemälde betrachtet. Es dauert aber immer gleich lang, die erste Strophe von „Yesterday“ der Beatles zu hören. Das ist kein Schicksal, kein Diktat, es ist auch gar nicht schlimm, es ist einfach so.

Ralf Hütter, Kopf von Kraftwerk und letztes verbliebenes Gründungsmitglied der Elektronikgruppe aus Düsseldorf, hat Musik einmal als „Kunst der Zeit“ bezeichnet. Das war in einem Interview mit der Zeitschrift „Keyboards“, es ging damals, im Juli 1987, um die Frage, warum manche der Stücke von Kraftwerk wie „Trans Europa Express“ so ewig dauern. „Wir finden es total beschränkt in der Popmusik, dass alles in drei Minuten zu geschehen hat“, antwortete Ralf Hütter. „Das ist völlig künstlich und zielt nur darauf ab, dass so und so viele Songs in eine Rundfunkstunde passen.“ Kraftwerk, erklärte er dann noch, könnten, wenn sie wollten, natürlich auch in drei Minuten abliefern, was sie abzuliefern hätten (stimmt, denn „Das Model“, ihr berühmtestes Lied, zählt ja kaum länger). Aber ein Stück wie „Autobahn“ bräuchte nun mal, je nach Verkehr, seine Zeit: In der Originalaufnahme sind es mehr als zweiundzwanzig Minuten. „Das fließt ja alles“, sagte Hütter. „Wie kann man Musik, die Kunst der Zeit, einordnen oder stoppen wollen. Das hat uns immer geärgert.“

Pop inszeniert die Gegenwart am intensivsten

Seit 1970 gibt es Kraftwerk, in wechselnden Besetzungen. Ralf Hütter selbst ist 1971 kurzfristig nicht dabei gewesen. Florian Schneider, sein Partner von Anfang an, verließ die Gruppe vor einem Jahr. Er wurde geräuschlos ersetzt, so wie vor ihm Wolfgang Flür und Karl Bartos, die in der wichtigsten Phase der Band ab 1974 das elektronische Schlagzeug spielten, bis der eine 1986 und der andere 1991 ausstieg. Vierzig Jahre sind seit 1970 vergangen, in denen Kraftwerk zu Repräsentanten der Idee wurden, dass Musik die Kunst der Zeit ist. Und Pop unter allen Künsten die eine, die unsere Gegenwart vielleicht am intensivsten inszeniert.

Jetzt ist eine Box mit acht CDs der Elektronikmusiker erschienen: „Der Katalog“ beginnt mit „Autobahn“ aus dem Jahr 1974, geht über „Mensch-Maschine“ (1978) zu „Techno Pop“ alias „Electric Café“ (1986) und endet mit „Tour de France“ von 2003, dem letzten halbwegs neuen Material. Alle Stücke wurden digital überarbeitet. Wenn man genau hinhört und vergleicht, dann klingt aber eigentlich schon das analoge Material der frühen Kraftwerk, als noch keine Computer die Rhythmusspuren errechneten, wie eben erst aus der Folie gerissen, makellos, unbestechlich und neu.

Wie kommt es nur, dass Kraftwerks Musik nicht zu altern scheint? Dass man die Lieder der Gruppe so hört, wie man die Architektur von Bauhaus betrachtet? Als sei sie zeitlos, als stünde sie ohne Abstand zur Gegenwart, als sei sie dieser Gegenwart vielleicht sogar immer noch einen Schritt voraus? Beim Bauhaus liegt es an der puren Form, ihrer Komprimierung und Reduktion. Bei Kraftwerk auch. „Der reine Klang“, erzählten sie schon 1975 dem amerikanischen Autor Lester Bangs, „ist das, was wir erreichen möchten.“ Ralf Hütter redet in den wenigen Interviews, die es mit ihm gibt, oft von „Konzentration“, um die Methoden seiner Band zu erklären.

Die Suche nach der „reinen Effizienz ihres Sounds“

Und so streiften Kraftwerk von ihren Kompositionen, die in den vier Jahren vor dem „Autobahn“-Album noch verspielt und frei waren, Hippiemusik, wie sie damals viele deutsche Rockbands spielten, alle Improvisationen ab. Sie kühlten die Melodien aus, strafften die Struktur, bis nichts mehr über die Ränder stand und die Lieder klangen, als könnten sie nur so und nicht anders aufgenommen worden sein. Kraftwerk suchten nach der „reinen Effizienz ihres Sounds“, wie ihr Biograph Pascal Bussy schrieb, nach der klaren Essenz. Und machten sich die Welt zum Reinraum. Dabei wirkten die vier Bandmitglieder mit ihren strengen Scheiteln und starr-freundlichen Mienen, als würde sie schon ein zufällig vorbeischwebendes Staubkorn aus der Fassung bringen, sie wirkten wie Laboranten, Nerds, wie viermal Homo Faber. „Musikarbeiter“, so haben Kraftwerk sich selbst stoisch immer wieder genannt, oder „Menschmaschinen“.

Ihren Elektropop konnte die Gegenwart nicht einholen. Und das, obwohl andere elektronische Bands wie Depeche Mode das Stylebook von Kraftwerk längst erfolgreich für ihre Zwecke verwandelt haben, obwohl Techno undenkbar wäre ohne das elegante Stampfen von „Trans Europa Express“ oder die endlosen Schleifen der „Autobahn“. Die Computermusik der achtziger und neunziger Jahre reihte sich in diesen Strom nur ein. „Du stehst nicht im Stau“, lautet ein Autoaufkleber, „du bist der Stau.“ Genauso verhält es sich mit dem Fortschritt und Kraftwerk.

Vor zehn Jahren, an der Schwelle zum Jahr 2000, produzierte die Band einen Jingle für die Weltausstellung in Hannover. Damals wurde das zum Politikum. Weil dieser Jingle, nicht mehr als eine elektronische Stimme, die in verschiedenen Sprachen „Expo 2000“ sagt, vierhunderttausend Mark gekostet hat, was der damalige Bundeskanzler Schröder mit den unnachahmlichen Worten „Ich hätte dafür nicht so viel Geld ausgegeben“ kommentierte. Über dieses Politikum wie im Grunde die ganze Expo ist schon bald danach nicht mehr viel gesprochen worden. Und auch über Kraftwerk hieß es damals, sie seien zwar als Innovations- und Zukunftsband wie keine andere dazu prädestiniert, das neue Jahrtausend und das, was es bieten könnte, einzuläuten, es dürfte aber im Grunde dann auch ihr letztes Wort gewesen sein in der Angelegenheit Zukunft und Innovation.

Das Subjektive verschwand im Kollektivsound

Aber jetzt, genau zehn Jahre später, ist kein Wort mehr davon. Kraftwerk sind immer noch da - mit den acht überarbeiteten CDs, deren Artwork reich ergänzt und aufpoliert wurde, und dem Gerücht, im nächsten Jahr könnte sogar ein neues Album folgen. Hütter ist inzwischen dreiundsechzig Jahre alt, neben ihm gehören Fritz Hilpert, Henning Schmitz und seit Schneiders Ausstieg auch Stefan Pfaffe zur Band. Kraftwerk treten in der Autostadt Wolfsburg und bei der Biennale in Venedig auf, bei Techno-Festivals, sogar im Fernsehen reden sie jetzt (wenn auch als Roboteravatar), sie sind fast ein bisschen zu oft zu sehen, gemessen daran jedenfalls, dass sie in ihrer obskuren Seltsamkeit zeitweilig auf dem besten Weg waren, zu den Thomas Pynchons der Popmusik zu werden: Raketenforscher, die man nicht zu Gesicht bekommt. Der Abgang von Florian Schneider, dem David Bowie 1977 sein Lied „V 2 Schneider“ widmete, wurde ungefähr so formelhaft wie der eines Konzernvorstands kommuniziert - obwohl Schneider ja genauso sehr wie Hütter verantwortlich war für die Konzeption der Geräte und der Musik, für die Erfindung jener elektronischen Popgruppe, die von 1974 an aus Düsseldorf die Welt erobert hat. Ob Schneider heute fehlt, lässt sich kaum sagen, weil zu dieser Pop-Erfindung das Serielle der Arbeit im Kraftwerk eben immer dazugehörte. Das Subjektive verschwand im Kollektivsound.

Und dieses Subjektive, Intuitive, der menschliche Zufall fehlt auch im „Katalog“, weil er eben nicht weiter zurückreicht als ins Jahr 1974. Die ersten drei Platten von Kraftwerk, allesamt schon im legendären Klingklang-Studio in der Düsseldorfer Mintropstraße 16 eingespielt, die ersten schlicht numeriert, das dritte „Ralf und Florian“ betitelt, sind noch nie auf CD erschienen. Als sollte man Kraftwerk erst von „Autobahn“ an für Kraftwerk halten, von dem Augenblick an also, wo sie ganz auf Elektronik umstiegen. Die war zwar noch handgemacht, weil das elektrische Schlagzeug und die „sprechende Schreibmaschine“ selbstgebastelt waren, die Synthesizertechnik stand damals noch am Anfang - aber eben nicht so handgemacht wie ein Solo auf der Gitarre oder der Flöte, was man auf den ersten drei Platten noch hören konnte: Etwa beim Stück „Ruckzuck“, das zeitweilig die Titelmelodie des ZDF-Politikmagazins „Kennzeichen D“ war.

Leider lässt der „Katalog“ damit nicht nur einen Teil der Geschichte von Kraftwerk aus: Im digitalen Archiv des bundesrepublikanischen Pops fehlt so auch ein wichtiger Eintrag aus den frühen siebziger Jahren, als Musik aus Deutschland sich von angloamerikanischen Konventionen wie Strophe und Refrain löste und auf Improvisation und Wiederholung setzte. Damit wirkte sie wiederum so stark auf angloamerikanische Musiker zurück - David Bowie ist sicher der berühmteste unter ihnen -, dass Kraftwerk und andere deutsche Neutöner wie Can oder Neu! in England und Amerika einflussreicher sind als in ihrer Heimat. Bis heute: Coldplay haben die Melodie von Kraftwerks „Computerliebe“ gecovert. Sogar Oasis schrieben Songs im Geiste von Neu!, wie die Kompilation „Brand Neu!“ zeigt, die ebenfalls in diesem Jahr erschienen ist. Überhaupt war 2009 das Jahr der Neuauflagen avantgardistischer deutscher Popmusik: Nicht nur Kraftwerk, auch die Atmosphäriker Harmonia, die Mitte der Siebziger mit Brian Eno arbeiteten, und der Elektroniker Klaus Schulze haben alte Aufnahmen wieder herausgebracht.

„Allein, wie er Auto fuhr! Man musste um sein Leben fürchten“

Einer der Musiker von Neu! und Harmonia, der neunundfünfzigjährige Gitarrist Michael Rother, war 1971 für ein halbes Jahr Mitglied bei Kraftwerk. „Es fühlte sich an wie drei Jahre“, sagt Rother heute, augenblicklich bereitet er übrigens für das nächste Jahr eine Vinyl-Edition aller Neu!-Alben vor. Rother stieß zu Kraftwerk, kurz bevor Ralf Hütter vorübergehend ausschied. Mit seinem späteren Neu!-Partner Klaus Dinger am Schlagzeug und Florian Schneider an der Querflöte spielte er im „Beatclub“ bei Radio Bremen, was man immer noch bei Youtube bewundern kann: Die Stücke hießen „Kakteen, Wüste, Sonne“ oder „Truckstop Gondolero“, und so fremd und anders klangen sie auch, jedenfalls nicht nach Radio oder Bremen. „Sehr frei, sehr roh, sehr aufregend“ sei ihre Musik gewesen, erinnert sich Rother, und dass sie ihn „an guten Abenden sehr berauscht“ habe. Persönlich aber sei es geradezu schmerzhaft gewesen in der Gruppe. „Florian war ein zerrissener Mensch damals“, sagt Rother. „Allein, wie er Auto fuhr! Man musste um sein Leben fürchten, es war alles sehr ungeschmeidig und kantig. Er war das Gegenteil eines entspannten Menschen.“ Das habe zu Konflikten geführt, „aber auch zu dieser wunderbaren Ergänzung in der Musik“.

Schon bald aber tat sich Schneider wieder mit Hütter zusammen, um sich ganz der Elektronik zu widmen, Rother gründete mit Dinger Neu! und zog auf eigener Umlaufbahn weiter. Wenn er heute irgendwo auf Kraftwerk stößt, denkt er dann, dass sei seine Band? Ja, sagt Rother, „aber nicht mit Nostalgie oder Wehmut - es ist ein historisches Faktum“. Spricht er noch mit den alten Kollegen? „Den letzten Kontakt hatten wir 1974.“ Vor einer Ewigkeit also. Aber Rother redet von alledem, als wäre es gestern gewesen. Wohl, weil er ausländischen Journalisten ständig von dieser Wundermusik erzählen muss.

Und wie erklärt sich Rother die Zeitlosigkeit Kraftwerks? „Vielleicht liegt es an den archaischen Strukturen ihrer Musik. Ralf und speziell Florian hatten eine Neigung zur indischen und türkischen Musik, und wenn man die destilliert, bleiben Basisrhythmen über. Die vergehen nicht, weil sie keine Mode sind. Auf jeden Fall“, fährt Michael Rother fort, „hat man es leichter zu überdauern, wenn man nicht das Echo einer existierenden Idee ist.“ Kraftwerks eigenes Echo aber hallt nach, wie eine Sequenz aus einem ihrer Lieder, immer noch, immer noch. Immer noch.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1973, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

Jüngste Beiträge

150 Jahre Seit’ an Seit’

Von Nils Minkmar

Die spröde, Camus düsteren „Mythos des Sisyphos“ verehrende Partei ist irgendwie Kult geworden: Die SPD feiert sich. Und die CDU-Vorsitzende Angela Merkel ist dabei ganz in ihrem Element. Mehr 9 5