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Cypress-Hill-Konzert : Mit Selbstironie im optimierten Wiehern

  • -Aktualisiert am

B-Real, ein Drittel von Cypress Hill, verwandelt die Spandauer Zitadelle mit dezenter Geste in einen einzigen Partyleib. Bild: POP-EYE

Wann fing Hip-Hop an? Wer das herausfinden will, sollte ein Konzert der Gruppe Cypress Hill besuchen. In Berlin war jetzt Gelegenheit zur Ahnenforschung, ohne jegliche Staubschicht entfernen zu müssen.

          Unterzeichnender bekennt: Bei Cypress Hill am Montag, in der Zitadelle in Spandau, das war das erste Hip-Hop-Konzert seines Lebens. Aufgewachsen als guter weißer Junge mit den Beatles, Abba und höchstens noch AC/DC, behütet in die Welt des Pop eingeführt, hielt unterzeichnendes Weißbrot sehr lange etwas pikierten Abstand von dem, was irgendwann als Hip-Hop ins alte Europa herüberzurollen begann, eine Art purer Rhythmus mit ein bisschen Gekratze und ohne Melodie! Körper ohne Geist, mit der Zeit gern auch gewaltbereit als Gangstarap firmierend. Zaghaft erst begann das unterzeichnende Weißbrot sich nach und nach Teilen des Hip-Hop zu öffnen, und entscheidenden Anteil daran hatte ein wieherndes Pferd.

          In den späten Sechzigern und den frühen Siebzigern hatte das Soulduo Mel And Tim zwei bis drei Hits, der bekannteste davon war „Backfields in Motion“, das in den amerikanischen Charts Platz 10 erreichte, auch der spätere kleinere Hit „Starting All Over Again“ mag noch in dem einen oder anderen Gehörgang nisten, da er 1990 von Hall And Oates für ihr Album „Change Of Season“ gecovert wurde. Mel und Tim hatten ihre Zeit, so sollte man meinen; sie tauchten kurz auf im ewigen Werden und Vergehen der Popsternchen, und man wünscht ihnen noch im Nachhinein nur Gutes. Verdient haben sie es nämlich. Auch wenn zu vermuten steht, dass die nachhaltigste Errungenschaft ihrer Karriere gar nicht von ihnen selbst stammt, sondern nur von einem Produzenten eingebracht wurde: Eingangs ihres zweiten Hits nämlich, „Good Guys Only Win In The Movies“, galoppiert ein Pferd vorbei. Zunächst hört man es laut herantrappeln, dann, in Sekunde vier, hört man das Tier, wiewohl offenkundig im vollen Tempo, wiehern. Zu vermuten ist, dass hier bereits getrickst wurde, dass zwei Sounds zusammengelegt wurden, die im wirklichen Leben nie so zusammengehört hatten: Aus dem erzählenden, linearen Sound einer authentischen Ablaufaufnahme war hier ein Material geworden, wie mit kubistisch gebrochenen Perspektiven war hier das Bild „Pferd“ entworfen worden, mit akustischen Mitteln. Der Klang der Welt hatte aufgehört, Schatten und Abbild zu sein, er hatte begonnen, sein Eigenleben zu führen: Die technischen Voraussetzungen auch für die musikalische Nutzung gab es nun, Sample und Loop lagen in der Luft, und es würden eher weniger die intellektuellen Weißbrote sein, die diese Möglichkeiten dann erkundeten.

          Schräge Töne

          Dieses Wiehern hat viele Jahre später dem hier Unterzeichnenden die Tür zum bis dahin verschlossenen Hip-Hop geöffnet, und er würde keine Sekunde zögern zu behaupten: Millionen von weiteren kaukasischen Mittelschichtskindern ging es nicht anders. Denn hatte der Hip-Hop, aus fern entlegenen Subkulturen kommend, größer werdend, zu viel Gewaltschilderung und zu viel scheinbar ungebrochenes Machotum anzubieten, als dass man sich damit hätte wohl fühlen wollen, so brachte das lange verstorbene Pferd aus dem Lied von Mel And Tim, zumindest für die weniger Hip-Hop-Kundigen, eine neue Ebene in den Westcoast Gangstarap. Für ihr zweites Album „Black Sunday“ nahmen „Cypress Hill“ den eingängigen Hit „Insane In The Brain“ auf, dessen akustischer Clou eine hypnotisch repetierte, seltsame Art von nerviger Alarmpfeife ist, die einen hinreißenden Kontrapunkt zum schleppend-dumpfen Beat des Stücks bietet und auch die verspielt-neurotische Überdrehtheit spiegelt und verstärkt, mit der B-Real seine Lyrics zum Vortrag bringt.

          Das Stück wurde ein Welthit und die schräge Tröte zu einem der einprägsamsten Sounds der Popgeschichte: Hinter ihr verbirgt sich, extrahiert und poliert, das Pferd aus „Good Guys Only Win In The Movies“, eine augenzwinkernd Gangstarap-taugliche Ansage ja im Übrigen, und hier eröffnete das Pferd Millionen von bislang Unbeleckten einen Zugang zu einer der prägenden Musikrichtungen der vergangenen Jahrzehnte. In diesem optimierten Wiehern war die Selbstironie erfahrbar, die im besseren Hip-Hop steckt, und mindestens erahnbar waren die postmodernen Collagefertigkeiten, die Neugier und die intelligenten und vielfältigen Bezüge, die im Sample-Zitat stecken können und neben denen die klassische Rockformation mit ihrem eitlen, prolligen pseudoauthentischen Gegniedel doch erst mal so wirklich dumpf aussah.

          So konnte man sich aussöhnen, ja, nahezu anfreunden mit einigen Spielarten des Hip-Hop, und so konnte Unterzeichnender am Montagabend sogar eine Verbindung spüren mit der großen weißen beglückten Crowd, die den Innenraum der Spandauer Zitadelle in einen wogenden Partyleib verwandelte sowie auch mit Cypress Hill, die mit Hits nicht geizten und dabei immer wieder ihr Gespür für den richtigen Mix nachwiesen, ihre Fähigkeit zum Wandel in Maßen, ihre Fähigkeit auch, Massentauglichkeit mit Glaubwürdigkeit zu vereinen. Da war kein langweiliger Moment im Konzert, von „Hand On The Pump“ über „When The Shit Goes Down“, „How Can I Just Kill a Man“ und natürlich „Roll it up, light it up, smoke it up“ arbeitete man sich langsam aber sicher zu „Insane In The Brain“ vor, das doch aber bei all seiner Eingängigkeit nur einer von vielen Höhepunkten war, eine der vielen überzeugenden Einladungen, den Kopf doch bitte einfach auch mal auszuschalten und den Beat übernehmen zu lassen.

          Quelle: F.A.Z.

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