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Veröffentlicht: 18.06.2017, 12:23 Uhr

Kiefer Sutherland macht Musik Ein Mann singt sich neue Sterne in die kalte Nacht

Kiefer Sutherland kennt man aus Fernsehen und Kino, aber wäre er da nichts geworden, würden ihn zumindest radiohörende Trucker mit Country-Rock-Geschmack lieben – auch live in Frankfurt.

von
© Marcus Kaufhold Jetzt singt er auch noch – zum Glück! Kiefer Sutherland mit Hut und Gitarre im Frankfurter Club Gibson.

Zum Einheizen springt ein Stuttgarter Edelrabaukenduo (Severin Specht eher bärtig, Benjamin Nolle mehr kahl) mit Namen Kids of Adelaide auf die Bühne, zwischendurch wieder runter, dann wieder rauf und immer mitten zwischen die Ohren. Die zwei Buben peitschen ihre lebhaften Eigenkompositionen mit Fußpauke, Mundharmonika, Mandoline sowie Schmackes durch die zur Verfügung stehende halbe Stunde und zeigen aus reiner Freigebigkeit ihrer unüberhörbar vorhandenen Talente dem Publikum im Frankfurter Club „Gibson“, dass vorsätzliche Geschwindigkeitsüberschreitung beim Nachspielen von Bob Dylans „You Ain’t Going Nowhere“ durchaus rocken kann, und zwar (wie man bei Literaturnobelpreisens in Stockholm sagt): wie die Sau.

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Als Kiefer Sutherland nach diesem musikalischen Pointensprühregen mit Gitarre, breitkrempigem weißem Hut und einer erstklassigen Begleitband, deren Hauptstützen die mächtige Schlagzeugerin Jess Calcatera und der scharfschützengenaue Gitarrist Michael Gurley sind, an die Rampe tritt, wissen viele unter denen, die dem Star von der ersten Note an mit Klatschen und Johlen huldigen, für die Dauer des ersten Stücks „Can’t Stay Away“ zwar noch nicht, ob sie gekommen sind, einen Schauspieler zu feiern oder einen Sänger kennenzulernen.

Heftiger Typ mit Blessuren und Träumen

Sutherlands Gesichtsausdruck verrät während dieser Eröffnungsnummer noch die konzentrierte Anstrengung eines Künstlers, der sich selbst ein bisschen zu genau zuhört, weil er sich auf seine ganze Kunst überhaupt erst einsingen muss. Mit dem Lied beginnt auch Sutherlands überraschend durchdachte, tatsächlich als richtiges Album mit plausiblem musikalischem Stimmungserzählverlauf angelegte aktuelle Platte „Down in a Hole“. Über deren Bekanntheitsgrad im Saal macht er sich, wie er später häufiger zu erkennen geben wird, sympathischerweise keinerlei Illusionen. Schon auf dem Album wirkt die Nummer, als zögere der Mann, allzu sehr nach seiner Sprechstimme zu klingen, die man aus Fernsehen und Kino kennt: rauchig, süffig, am schönsten und feinsten und zartesten immer da, wo sie bröckelt, ohne zu brechen.

© Vevo/Youtube Kiefer Sutherland – Shirley Jean

Die transparente, fast ein bisschen sterile und allzu berechenbare Melodieführung von „Can’t Stay Away“ dient auf dem Album wie live offenbar als Anlaufstrecke für die Hauptarbeit, nämlich die hochmusikalische Beweisführung zugunsten der These, dass bei Kiefer Sutherland die ganze Unterscheidung zwischen Sänger und Schauspieler danebenschielt und -hört, insofern wir es hier mit einem Schauspieler zu tun haben, der erstens die gefährdeten Gestalten, durch deren Darstellung er bekannt wurde, so ernst nimmt, dass er zwischen Dreharbeiten auch schon mal in der Ausnüchterungszelle saß, und der sich zweitens als Sänger dem idealen Genre für diesen existentiellen Ansatz („heftiger Typ mit Blessuren und Träumen“) verschrieben hat. Der Mann schreibt (zusammen mit seinem Klangtrainer Jude Cole), spielt und singt nämlich weder Chansons noch Personality-Pop, sondern eine (manchmal ganz behutsam angeblueste) Rockmusik, die aus der Country-and-Western-Sphäre herkommt.

Das alte Gespenst zu Lebzeiten gibt keine Ruhe

Schon kurz nach Konzertbeginn, beim Stück „Truth in Your Eyes“, das vom Verlust eines geliebten Menschen durch frühen Tod handelt, ist Sutherland auf der Höhe der Gattung, und auch seine Bewegungen um mimischen Mittel am Mikro verbinden sich im Laufe des Abends immer überzeugende mit den Gemütswerten, die er zum Klingen bringt – mal leidende Augen, dann wieder gereckte Faust, ein Schritt weg vom Bühnenrand, einer wieder vor, Gitarre hoch, runter, Gitarre zum Schmusen umarmt, „you in my arms, dancing with me“, wie’s in Sutherlands countrytypischer Strafgefangenen-Moritat „Shirley Jean“ heißt. Sichtlich und ausdrücklich erfreut darüber, dass die Leute emotional mitgehen, während sie sich etwas anhören, was sie großenteils nicht kennen, taut der Sänger einerseits zusehends auf, bleibt dabei aber andererseits zugleich prima trocken und verliert nie die Grunddistanz des einsamen Country-Herzens von der mal ergriffenen, mal belebend durchgeschüttelten Hörerschaft. In gemütlichen oder versonnenen Zwischenansagen erzählt er Anekdoten aus seiner Kindheit (mit dem bärtigen Lederjackenvater und der Schwester unterwegs im Rennauto, während Dylan aus den Boxen näselt) und gibt nebenbei seiner Verwunderung Ausdruck, dass erstaunlich viele seiner Stücke vom Alkohol handeln.

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Im Archivteil der Veranstaltung führt Sutherland respektvolle Coverversionen von Tom Petty (den er als „badass songwriter“ lobt), Merle Haggard und abermals Dylan auf (das alte Gespenst zu Lebzeiten gibt an diesem Abend keine Ruhe) und verschweigt nicht, wo er sein Text- und Soundverständnis her hat: von Haggard und Kollegen eben, Kris Kristofferson, Johnny Cash, also jenen Stimmen und Gesichtern, die der Countrymusik weiträumige und tiefe Dunkelheiten erschlossen haben, schmerzlich wahre Bekenntnisse und Geständnisse.

Auf dieser Linie liegt auch das stärkste eigene Stück in Sutherlands Repertoire, das schwere, finster unheimliche „All She Wrote“, das die angebissenen Gestalten, die er so oft spielt, und die Stimme, mit der er sich sein Herz erklärt, beeindruckend zusammenführt: „Come the night it gets so cold / but I’m all you need, baby I’m all she wrote.“ Das wäre als Rollendialogsatz für diesen Kerl schon nicht übel. Als sein bester Song ist es perfekt.

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