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Kettcar auf Tour : Neue Deutlichkeit

Drängender und politischer: Die Band Kettcar in ihrer aktuellen Besetzung nach der Veröffentlichung des Albums „Ich vs. Wir“ Bild: dpa

Die Band Kettcar geht nach fünf Jahren künstlerischer Pause mit einem neuen Album auf Tour. Es ist politischer als die bisherigen. War das nötig?

          Diese Schwermut, diese zwischen den Zeilen baumelnde Unruhe. Das Gefühl, das sich einstellt, ist dasselbe wie vor fünfzehn Jahren, als Marcus Wiebusch mit verkniffenem Gesicht und seiner Gitarre dastand, seltsam kehlig von den Landungsbrücken sang, dem Hamburger Sehnsuchtsort, und den Erinnerungssplittern, in die tritt, wer dorthin zurückkehrt. Und wie er da so stand und in die Kamera blickte, sah er damals schon sehr oldschool aus. Ein Musikvideo, das wie die Musik selbst nur das Nötigste tat; es reichte, um Jahre später jemanden zu einem hingeseufzten Youtube-Kommentar zu animieren: „Ich will die Zeit zurück.“ Geht natürlich nicht.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Für die, deren Erinnerung nicht so weit zurückreicht: Kettcar, das waren die sperrigen Typen mit den poetischen Texten und den simplen, aus dem Punk mitgebrachten Akkorden. Die Zyniker aus einer Zeit, in der die digitale Welt noch mit Misstrauen erkundet und wenig über sichtbare und unsichtbare Grenzen, dafür viel über den Sinn und Unsinn von Kriegen gesprochen wurde. Aus einer Zeit, in der Musikgruppen Namen wie Tomte und Hansen Band hatten, die so unprätentiös klangen, dass kindliche Frechheit und Freiheit in ihnen mitschwangen. Wer damals glaubte, Kettcar seien einfach nur Pop, hatte keine Ahnung.

          Jetzt sind sie zurück

          Kettcar wurden Anfang des neuen Jahrtausends zu einem Stück Hamburger Schule, so wie die Hamburger Bands Die Sterne und Tocotronic vor ihnen: intellektuell und gesellschaftskritisch, privat und politisch, Stimme der Jugendkultur an der Schnittstelle von Mainstream und Punkrock. Weil sich kein Plattenlabel fand, gründete der Sänger Marcus Wiebusch mit seinem Bandkollegen Reimer Bustorff und dem Tomte-Sänger Thees Uhlmann das Plattenlabel „Grand Hotel van Cleef“. Wegen ihres Hangs zum Hymnischen hatten Kettcar immer auch etwas Indiehaftes. Zur Stimme einer linken Szene wurden sie nie. Aber die Anspruchsvollen, Kritischen und Empfindsamen, die Emily Brontës und Laurence Sternes unter denjenigen, die sich mit deutschsprachiger Musik anfreunden konnten, hörten ihnen aufmerksam zu.

          Seit 2013 war von Kettcar nichts mehr zu hören, jetzt aber sind sie wieder da. Wiebusch, Bustorff, der Gitarrist Erik Langer und der Schlagzeuger Christian Hake gehen mit einem neuen Album auf Tour.

          Was Kettcar immer ausmachte, war das unbequem Lyrische. Sie nannten ihre EPs „So lang die dicke Frau noch singt, ist die Oper nicht zu Ende“, reimten „So eine Chance kommt nie wieder“ auf „Du gehst tränenreich in eine höhere Liga“ und rieten: „Mach immer, was dein Herz dir sagt, und begrab' es an der Biegung des Flusses“. Es klang sehr echt und sehr richtig, dass sie sich an die blinden Propheten und stolzen Versager wandten und sie einluden in einen Club, in dem jeder Mitglied werden kann, der Eintritt frei, aber nicht umsonst. Was heute mancher als naiv abstempeln würde, war damals einfühlsam und idealistisch, und so hören es die Fans noch immer.

          Ein wenig subtiles Statement zur Flüchtlingskrise

          Das im Oktober veröffentlichte Album „Ich vs. Wir“ klingt anders. Kettcar sind politischer geworden, drängender, direkter. „Sommer 89“, die fünfminütige ausgekoppelte Single, erzählt von einem Fluchthelfer, der mit einem Bolzenschneider an die ungarische Grenze fährt und drei Familien aus der DDR hinüber nach Westdeutschland holt, was als ein wenig subtiles Statement zur Flüchtlingskrise gelesen werden kann. Nach dem ersten Hören ist klar: Subtil will Kettcar diesmal ganz offensichtlich nicht sein. Im Musikvideo wird die Geschichte sicherheitshalber untertitelt, und die Strophen singt Wiebusch nicht, er spricht sie. Keine Ablenkung. Darüber hinaus ist vieles kettcaresk geblieben: die unaufgeregten, zurückgenommenen Riffs, die Hamburg-Metaphorik, der hymnische Ton.

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