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Kendrick Lamars Meisterwerk : Überall Mauern

  • -Aktualisiert am

Bild: Christian San Jose

Dieses Album ist schwarz. Dieses Album ist eine durchkomponierte Rap-Oper. Dieses Album ist eine Bombe. Bei Kendrick Lamars „To Pimp a Butterfly“ muss man erst einmal die Luft anhalten. Und zuhören.

          Dieses Album ist eine Bombe, und es ist eigentlich viel zu früh, um darüber zu schreiben, weil man als Hörer und Leser selbst nach drei Tagen intensiver Beschäftigung nicht das Gefühl hat, man habe es erfasst. Dieses Album gehört in Schulen, Universitäten und natürlich auf die Straße. Es ist das Buch und die Musik zu den Tötungen unbewaffneter Schwarzer, zu den Aufständen in Ferguson im August letzten Jahres, zu den Gangshoots, bei denen sich Schwarze gegenseitig umbringen. Zu Baltimore, zu Detroit, zu Compton, wo Kendrick Lamar, der Rapper und Chef dieses Albums, herkommt.

          Seine Eltern wohnten zunächst in Chicago und wollten sich vor den dortigen Gangfights in Sicherheit bringen, indem sie nach Compton, L. A. zogen, was tatsächlich nicht die nächstliegende Idee ist, denn Compton ist seit jeher dafür bekannt, dass man als junger, schwarzer Mann dort die besten Chancen hat, mit 26 entweder tot oder im Knast zu sein.

          Kendrick Lamar ist inzwischen 27 Jahre alt, und er hat es geschafft. Er gilt als unglaublich talentierter Rapper, der dem Rap, der gegenwärtig einen Wahnsinnserfolg erlebt und mit dem viel Geld verdient wird, die Seele und die Substanz zurückgibt, weil 2Pac und Biggie leider tot und Eminem und Jay-Z völlig geistesfaul geworden sind. Kendrick Lamar ist also gerade gewissermaßen the man, und er war es schon, bevor er sein drittes Album „To Pimp a Butterfly“ am vergangenen Montag überraschend eine Woche früher als angekündigt bei iTunes veröffentlichte.

          Kritiker sprechen von einem Meisterwerk, Meilenstein, Klassiker et cetera, und auch wenn es nicht schön ist, dass ein Werk durch die Rezeption bereits nach wenigen Tagen so highbrow-mäßig zugestellt ist, so kann man bei diesem Album nicht anders, als erst mal die Luft anzuhalten. Und zuzuhören.

          Dieses Album ist schwarz. Das heißt, jede mögliche Referenz kommt aus der afroamerikanischen Kultur. Die Musik (laut Lamar von Free Jazz und Funk der Siebziger inspiriert, beim Produzieren und Schreiben, sagt er, habe er viel Miles Davis und Parliament gehört), sämtliche literarische Bezüge führen ebenfalls zur afroamerikanischen Kultur (der Titel etwa ist eine Anlehnung an das Buch „To Kill a Mockingbird“, in dem ein schwarzer Farmarbeiter beschuldigt wird, eine Frau vergewaltigt zu haben), die Texte auch (Dr. Dre, 2Pac, Snoop Dogg, Kanye West, Busta Rhymes, Jay-Z, Ice-T und Michael Jackson werden zitiert, um nur einige zu nennen), und das große Thema jener Texte ist: der Rassismus gegenüber der schwarzen Bevölkerung in Amerika; und ob jener Rassismus ausschließlich ein strukturelles Problem ist oder auch dadurch fortgeschrieben wird, dass viele junge Afroamerikaner genau das tun, was über sie gesagt wird. Einander erschießen, Drogen dealen und Autos und Goldketten wollen, was dann durch die Texte der Rapper bestätigt und idealisiert und perpetuiert wird.

          Das große Thema Rassismus

          Und schließlich geht es um die Frage, ob und inwieweit sich Kendrick Lamar schuldig macht, indem er die Rap-Kultur weitererzählt und von ihr profitiert. Indem er diejenigen (weiße Industrie-Menschen) reich macht, die schon immer dadurch reich wurden, dass sie schwarze Ideen verkaufen, die wiederum von schwarzen Menschen gekauft werden, die von jenen Geld- und Erfolgsträumen begeistert sind und eben genau da bleiben, wo sie sind.

          „I wish somebody would look in our neighborhood knowing that it’s already a situation, mentally, where it’s fucked up. What happened to Michael Brown (der unbewaffnete Brown wurde letztes Jahr von einem Polizisten erschossen, Anm. d. Red.) should’ve never happened. Never. But when we don’t have respect for ourselves, how do we expect them to respect us? It starts from within“, sagte Lamar kürzlich gegenüber dem Musik-Magazin „Billboard“ und wurde dafür stark kritisiert. Das sei, schrieb die Rapperin Azealia Banks, „die dümmste Scheiße“, die sie je einen schwarzen Mann habe sagen hören.

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