Madison Square Garden. MSG. Der Name ist auch im Internet-Zeitalter noch pure Magie. Dort haben die Großen ihre Feuerprobe bestanden: Elvis, die Rolling Stones, John Lennon, Led Zeppelin. Einmal erleben, wie sich auf der Bühne einer mit rasendem Puls und zitternden Händen der Masse stellt, Scharfrichter sein oder Starmacher - gegen diese Droge sind die You-Tube-Clips, die uns jedes Idol ins Haus bringen, Methadon. Justin Bieber, seit einigen Tagen reale siebzehn, doch immer noch gefühlte und geschminkte vierzehn Jahre, hat es 2010 im MSG geschafft.
Binnen zwanzig Minuten waren die 22.000 Plätze verkauft, und als sein Stab einigen leer ausgegangenen Mädchen Freikarten in die Hand drückte, juchzkreischten sie so, als wäre eben ihr Todesurteil aufgehoben worden. Eine zerbrechliche Blonde dagegen schluchzte, als hätte man ihres gerade gefällt.
Sie tat es auf der Bühne des MSG, wohin Biebers Mannen sie gelotst hatten und er sie als „One less lonely Girl“ ansang. Ihre Nerven versagten nicht wie die ihrer Freundin, die paralysiert „ich kann nicht“ gewimmert hatte und zurück in die Menge geschubst wurde, wo ihresgleichen, die Gesichter zu Schmerzensmasken verzerrt, sich die Seele aus dem Leib schrien. Das Wort Menschenwürde wog an diesem Abend so viel wie die glitzernden Stanniolstreifen, die von der Decke rieselten.
Schulter an Schulter mit dem Pop-Derwisch
Zu sehen ist das alles im Justin-Bieber-Film „Never Say Never“. Sein roter Faden ist, bestehend aus Biographiesplittern und Ausschnitten vorangegangener Konzerte, der Countdown bis zum MSG-Auftritt; Gelegenheit, Biebers Hits unterzubringen, die alle so austauschbar sind wie der Titelsong „Never say Never“, der wiederum an das gleichnamige Lied anknüpft, das Michel Legrand als langweiligstes seines Schaffens 1983 für den ebenfalls titelgleichen Bond-Film komponierte. Und doch bezeugt der Film Bieber als Ausbund an Musikalität. Man sieht ihn vierjährig auf einem Hocker komplizierte Rhythmen trommeln, um die ihn erwachsene Schlagzeuger beneiden dürften, sieht den Zehnjährigen, der sich selbst Gitarre beigebracht hat, den Zwölfjährigen, der Otis Reddings „Respect“ mit so phänomenaler Präzision singt, dass man die sterile Leidenschaft und die schrille Kinderstimme in Kauf nimmt.
Letztere ist ihm als geschlechtsloser Grundton geblieben. Im Film wird daraus dank dröhnenden Verstärkern und 3D-Effekten der Magnetismus einer Peter-Pan-Welt, die keine Grenze zwischen Leinwand und Kinosaal duldet. Man tanzt Schulter an Schulter mit dem Pop-Derwisch auf der Bühne und wird einen Sekundenbruchteil später zurückgeschleudert in die zuckende Masse der Fans. Solche Schocks sind ein Grundelement von „Never say never“. Einer beamt einen in ein Reihenhaus des kanadischen Nests Stratford, Biebers Geburtsort. Verwackelte Bilder, eine billige Küchenzeile: Justin Biebers YouTube-Video.
Die besten Simulationen liefert Bieber selbst
Sofort fallen einem die zwanzig Millionen Klicks ein, die ihn 2009 in den Idolstatus katapultierten. Im selben Moment belegt eine Konzertkaskade, was das heißt. Gleich darauf wieder Stille. Lebendig gewordene Familienalben vergegenwärtigen das Vorleben: Die Eltern, selbst noch Kinder von achtzehn und neunzehn Jahren, die Großeltern, Spielkameraden, Lehrer. Die Mutter, Manager Scooter Brown und Mentor Usher erzählen eine typische Kindheit von heute, mit früher Trennung der Eltern, dem Großvater als vergöttertem Vaterersatz, Biebers musikalischer kindlicher Besessenheit.
Bieber trägt Kapuzenshirts und Baseballkappen wie alle Jungen seines Alters. Doch sie sind von einem Designer ausgesucht, der stolz berichtet, wie er die Normalität seines Schützlings perfektioniert und simuliert. Die besten Simulationen liefert Bieber selbst: Nachlässig schüttelt er den seidigen Tom-Sawyer-Schopf, sein Markenzeichen, in dem der Waisenjunge Timmy Martin der amerikanischen Lassie-Serie von 1957 auflebt. Zu Hause spielt er Baseball mit seinen Kumpels, klatscht ab, reckt die Schultern wie sie - und wiederholt all dies auf der Bühne. Wie Timmy in der Sonntagsschule, betet Justin inbrünstig vor dem MSG-Auftritt. Doch was immer er tut, er scheint zu fragen: „Das macht man doch in meinem Alter so, oder?“
Eine sonderbar prüde Obszönität
Regisseur Jon M. Chu präsentiert mit seiner Hochglanzcollage aus White Trash, Roadmovie und Starkult unfreiwillig eine Studie der Wunderkindtragödie, wie wir sie von Mozart bis Menuhin, Judy Garland bis Michael Jackson kennen. Letzterer startete seine Solokarriere im MSG. Und etwa ein Jahr vor Justin Bieber begann Britney Spears nach zahllosen Zusammenbrüchen dort ihren Wandel vom zerrütteten Teenie-Idol zur Pop-Rock-Lady, Ausgang ungewiss. So wie bei Justin Bieber: Bisher skandallos, bewies er im MSG und beweist nun auf der Leinwand, dass er bestens funktioniert. Autosuggestion lässt ihn wirken wie einen computeranimierten Spielzeugautomaten, der vom ersten bis zum letzten Ton sein Programm abschnurrt. Ein hyperaktives Kind, das nun den Weg gefunden hat, sein Übermaß an Energie zu kanalisieren - und ein vergeudetes Talent, das, tritt keine Wende ein, im rasenden Leerlauf enden dürfte.
Das allein aber erklärt noch nicht, warum im Lauf des Films der Eindruck zunimmt, Zeuge einer sonderbar prüden Obszönität zu werden. Eigentlich bündelt er nur Bekanntes: Massenekstasen kennt man seit den Schwarzweißfilmen der Beatles-Konzerte, in Dutzenden Starporträts haben wir Idole auf Kinderbeinen wackeln und in Garderoben vor Lampenfieber fast vergehen sehen, täglich liefern Klatschmagazine die Seelenverheerungen des Starseins ins Haus. Aber „Never Say Never“ treibt all das auf die Spitze. Die Schlüsselszene ist in einer HNO-Praxis gefilmt: Hautnah sieht man den Arzt dem würgenden Jungen ein metallenes rohrförmiges Untersuchungsgerät in den Rachen schieben, um seine entzündeten Stimmbänder für den alles entscheidenden Auftritt zu präparieren; so hat noch niemand das Innerste nach außen, Intimsphäre ins Öffentliche gekehrt.
Man möchte davonlaufen
Derselbe Junge, den kürzlich noch das Titelbild von „Vanity Fair“ zum bildschönen Androgynen entrückte, bietet nun jede Pore und jeden mit Abdeckstift getarnten Pickel seiner Gesichtshaut dar. „Never Say Never“, und das macht diesen schäbigen Film fast epochal, schließt das Triviale und das Erhabene, das Öffentlichste und das Intimste kurz, amalgamiert routinierten Starkult mit dem scheinbaren Dilettantismus der privaten Videoclips, die inzwischen YouTube überschwemmen. Die Apotheose des Justin Bieber ist die des Social Network. Imitation of life: alles ist abrufbar, durchdringt einander - Küche und Bühne, Gebet und Gesang, Morgenschweiß und Bühnenduft.
Im Sperrfeuer des Jederzeitigen verliert das Idol Justin Bieber jedes Geheimnis. Irgendwann, wenn ein 3D-Effekt ihn uns wieder einmal berühren lässt, möchte man davonlaufen. Nicht, weil er einem so gespenstisch nahe kommt, und auch nicht, weil der Halbwüchsige als Automat der Ausbeutung und Selbstausbeutung kenntlich wird. Man möchte fliehen, weil er unser künftiges geheimnisloses Network-Dasein verkörpert.