14.09.2007 · Ihr Debütalbum wurde von der Musikpresse frenetisch gefeiert: „Justice“ nennt sich das Elektro-Duo Gaspard Augé und Xavier de Rosnay, deren Welttournee gerade durch Deutschland führt.
Von Oliver JungenAbend des Jüngsten Gerichts in Köln. Wer noch Ohren hat, dem fallen sie ab. Da hilft keine homerische Schlaumeierei, denn die Sirenen flüstern nicht mehr, sie heulen und peitschen. Uralte Rave-Sirenen sind es, welche jüngst auch den Durchbruch der „Klaxons“ ins Zwischenreich - „Atlantis to Interzone“ - begleitet haben, doch wirken sie jetzt viel drängender. Bis das akustische Geschwulst ein ums andere Mal aufbricht und sich komprimierter Weltenlärm über die Menge ergießt, unbegreiflich, aber getaktet, ein stampfender, eigentümlich gebremster Rhythmus, die mächtigen, den Grund erschütternden Schritte des apokalyptischen Tieres. Auftritt der finalen Kakophonie.
Wo kommt diese übers Land wälzende Lärmwelle her? Das ist das Kuriose: aus Amélies Paradies. „Justice“ nennt sich das Elektro-Duo Gaspard Augé und Xavier de Rosnay, deren Welttournee gerade durch Deutschland führt, französisch ausgesprochen mit vorgestülptem „ü“: mit achtundzwanzig respektive fünfundzwanzig Jahren vielleicht nicht das allerjüngste, aber doch ein ziemlich junges Gericht.
Vergleiche mit „The Prodigy“
Aufmerksamkeit erregte „Justice“ erstmals vor vier Jahren mit dem noch poplastigen Remix von „Never Be Alone“, einem großartigen Titel der englischen Band „Simian“, dem die Franzosen mehr Nachdruck verliehen. Fröhliche Partylöwen aber wollten sie nicht sein, sondern düster und orakelhaft. „Waters of Nazareth“, 2005 nachgelegt, war ein ungeschliffenes, dröhnendes Eingeweidestück. Darauf schien die Szene gewartet zu haben: Von „Neuerfindung“ war die Rede, Vergleiche mit „The Prodigy“ wurden gezogen. Die Musik von „Justice“ hat etwas Nachzeitliches an sich: Es muss eine gewaltige Explosion gegeben haben. Hymnenfetzen hängen in der Luft, Überbleibsel funkiger Gitarren, Retro-Orgeln, knarzende Synthesizer, deren Loops einsam vor sich hin kreiseln, weil niemand mehr da ist, der sie abschalten könnte. Immer wieder aber auf diese Verwüstungen einprügelnde Rhythmen, unerhörter Bombast.
Das kürzlich erschienene, in seiner Komplexität - von der im Kölner Prime Club zugunsten saftiger Bässe weniger zu hören ist - beeindruckende Debütalbum der beiden Gerechten wurde von der Musikpresse frenetisch gefeiert. Symbolisch scheint es arg überdeterminiert: Statt eines Titels prangt auf dem Cover ein christliches Kreuz. Auch die Stücke von „Genesis“ über „Let There Be Light“ zu den Wassern von Nazareth folgen offenbar exegetischen Schlingpfaden. Oder ist das anagogisches Geflunker? Schlichte Angeberei? Xavier de Rosnay jedenfalls tritt gerne als Jesusfreak auf und antwortete auf die Frage, welches gute Buch er zuletzt gelesen habe: „Die Bibel (und das ist kein Witz).“ Was wäre das auch für ein Witz?
Das zugänglichste Stück fehlt
Pariser Härte ist nicht ganz neu: Das House-Duo „Daft Punk“ macht seinen wacker getragenen Robotermasken seit Mitte der neunziger Jahre verzerrte und lichtblitzende Ehre. Die Filiation ist echt: Das Label „Ed Banger“, das neben „Justice“ auch angemeldete Künstler wie SebastiAn oder die niedlich näselnde Rapperin Uffie produziert, wurde von „Daft Punk“-Manager Pierre Winter gegründet. Auf dem „Justice“-Debüt ist denn auch Uffie mit von der Partie. Beim Auftritt aber fehlt „The Party“, das wohl zugänglichste Stück, ganz bewusst.
Das Kalkül, so wird immer deutlicher, zielt auf Überwältigung durch Wucht ohne menschliche Blöße. „Das Erhabene muss jederzeit groß, das Schöne kann auch klein sein. Das Erhabene muss einfältig, das Schöne kann geputzt und geziert sein“, sagt Kant. „Hammer“, sagt mein schulpflichtiger Nachbar zu seiner festgehaltenen Freundin, meint aber dasselbe. Das Publikum allerdings rast: Ça suffit! War Rock 'n' Roll nicht immer auch Pathos und Theater? Statt Luftgitarre nun also abgeklärte Weltuntergangspose. Dazu passt das Bühnenbild dieses Kreuzzugs. Die beiden Reglerregler sind bei ihren Auftritten kaum zu sehen, weil sie sich hinter einer Wand aus blinkendem Elektronikkrempel verschanzt haben, in der Mitte ein großes leuchtendes Kreuz.
Ein Altar, lautet die erste Assoziation, aber es scheint doch eher eine Chorschranke zu sein. Hüben die Laien, drüben die Erwählten. Wenn es nun vielleicht doch ernst wäre? Das Ende der Welt, ausgerechnet im schrammeligen Prime Club? Matthäus 13,41: „Sie werden aus seinem Reich alle zusammenholen, die andere verführt und Gottes Gesetz übertreten haben, und sie werden sie in den Ofen werfen, in dem das Feuer brennt. Dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen.“ Und fürwahr, das Feuer brennt. „Do the D.A.N.C.E. - one - two - three - four - fight!“, brüllen die Verdammten. Matthäus: „Dann werden die Gerechten im Reich ihres Vaters wie die Sonne leuchten. Wer Ohren hat, der höre!“ In der Tat: Da stehen die beiden Jünglinge in ihrer Gloriole, von hinten angestrahlt. Nach einer Stunde ist alles vorbei. Ohren hat niemand mehr. Das Gericht zieht sich zurück. Warten auf das Urteil.