20.02.2005 · Kein Playback, keine Tricks, harte Arbeit: Für den Film „Keine Lieder über Liebe“ ist Jürgen Vogel zum Rocksänger geworden. Auch bei der Premierenfeier in Berlin stand er auf der Bühne.
Von Christoph Ehrhardt"Hör auf zu hüpfen, Jürgen!" Im Scherz haben sie ihm im Proberaum sogar mit körperlicher Züchtigung gedroht. Der Schauspieler Jürgen Vogel war immer dann besonders gut, wenn er den sympathischen Verlierer gab. Als Rocksänger sind andere Qualitäten gefragt. Vogel mußte lernen, daß man als Frontmann einer Band vor allem lässig zu sein hat. Für den Film "Keine Lieder über Liebe" ging er nicht nur deshalb durch eine harte Schule.
Der Film ist ein improvisierter, halbdokumentarischer Spielfilm, in dem Vogel den Hamburger Musiker Markus Hansen darstellt. Dessen Bruder Tobias (Florian Lukas) porträtiert den Sänger auf dessen Tour. Als Tobias' Freundin Ellen (Heike Makatsch) auf der Bildfläche erscheint, gerät der ohnehin auf tönernen Füßen stehende Frieden zwischen den Brüdern ins Wanken. Die Dinge geraten außer Kontrolle. Schon lange steht der unausgesprochene Verdacht zwischen den beiden, daß Markus einst eine Affäre mit Ellen hatte.
Tingeln wie im richtigen Leben
Regisseur Lars Kraume, mit dem Vogel die Idee zu dem Film entwickelt hatte, zeigte sich bei den Dreharbeiten unerbittlich: kein Playback, keine Komparsen, keine Einsicht ins Drehbuch für die Darsteller. Eigens für den Film wurde die "Hansen Band" gegründet, die Kraume auf eine Tingeltour durch die norddeutsche Provinz schickte. Thees Uhlmann, Markus Wiebusch, Max Schröder und Reimer Bustorff vom Hamburger Label "Grand Hotel van Cleef" schrieben zehn Lieder für das Projekt.
Im Sommer 2003 begannen die Proben. "Jürgen hat sich am Anfang bei den Proben nach jedem Lied bei uns bedankt. Das haben wir ihm aber schnell abgewöhnen können", sagt Thees Uhlmann über das erste musikalische Aufeinandertreffen von Mime und Musikern.
Die Tücken des Halbdokumentarischen
Als die Band nach den Proben auf Tour ging, verging kaum eine Minute, in der die Schauspieler nicht unter Beobachtung der Kamera standen. Vogel, Makatsch und Lukas trugen Ansteckmikrofone, so daß fast überall unbemerkt gedreht werden konnte. Letztlich improvisierten sie vier Wochen ohne Unterbrechung. Zudem waren ohne das Wissen der Hauptdarsteller Nebenrollen besetzt worden. "Nach einem Konzert sprach mich ein Mädchen an", erinnert sich Florian Lukas. "Sie war wirklich nett, und ich freute mich darüber - bis ich erfuhr, daß mein Regisseur sie dafür bezahlt hatte."
Die Dreharbeiten gerieten so streckenweise zur nervenraubenden Tortur. Die Ergebnisse - ein sehenswerter Film, ein hörenswertes Popalbum und ein Tagebuch, das Heike Makatsch derzeit aus der Sicht ihrer Filmfigur schreibt - entschädigen alle Beteiligten.
Nach fünf Liedern ist alles vorbei
Noch fünf Minuten bis zum Auftritt auf der Berlinale. Jürgen Vogel zieht in einem verlassenen Flügel des alten Grand Hotel am Kurfürstendamm einsame Kreise. Vor der kleinen Bühne, auf der anderen Seite des schwarzen Vorhangs, sammeln sich die Gäste der Premierenfeier in leicht angetrunkener Vorfreude. Erwartungsvolles Gemurmel mischt sich mit leiser Hintergrundmusik und dem Stimmen der Instrumente. Alles wie bei einem herkömmlichen Rockkonzert. Die Musik geht aus. Es geht los.
"Ich muß hier wohl niemandem sagen, wie nervös ich bin", sind Vogels erste Worte ans Publikum. Die ersten Akkorde werden gespielt. Vogel fängt an zu singen. Er singt hymnische Songs für ein dankbares Publikum. Er singt sie fehlerfrei, souverän und mit Charakterstimme. Regisseur Kraume und Filmpartnerin Makatsch tanzen ausgelassen. Schnell fällt die Nervosität ab. Vogel macht jetzt charmante Ansagen. Es scheint ihm langsam Spaß zu machen. Über sein Gesicht huscht ein breites Lächeln, als wäre er über sich selbst erstaunt. Nach fünf Liedern ist das Konzert vorbei. Seine Musikerkollegen werden Vogel hinter der Bühne gelobt haben - auch wenn er sich das Hüpfen am Ende nicht ganz verkneifen konnte. Aber den lässigen Rocksänger hätte ihm an diesem Abend ohnehin niemand mehr abgenommen.