06.09.2010 · 6. September 1970: Vor vierzig Jahren hat Jimi Hendrix auf Fehmarn sein letztes Konzert gegeben. Unser Autor, Leiter der evangelischen Akademie in Tutzing, ist bis heute ganz aus dem Häuschen.
Von Jochen Wagner„Hey Joe I said where you're goin' with that gun in your hand / I'm going down to shoot my old lady“. Von der ersten Single 1966 an spielte er sein Spiel. Gewaltlos, angetan mit Plektrum und elektrischer Gitarre. Sie war ein Organ seines Leibes, intim, exhibitionistisch. Anfangs hat er die Gitarre auf der Bühne abgefackelt. Aber zuvor hat er sie mit Händen und Füßen, Haut und Haaren, Lippen, Zunge und Zähnen genommen.
Er schockierte die Szene, als er 1966 im New Yorker „Café Wha?“ mit seinen Wah-Wah-Effekten debütierte. „With the power of soul, anything is possible“. Drogen nahm er üppig im schnell zuschnappenden Tourneestress, zur Inspiration auf Kommando, und bot, ohne Hegel und Adorno, ästhetische Theorie pur. Er zitierte ihre antike Urform, zerrte, katapultierte sie on stage: theoria, Schau, Spektakel und Aufklärung, Sensation und Reflexion in einem. Wie in Woodstock, draußen in den jüdisch besiedelten Cat Skills. „The New York State Thruway is closed, man!“, jubelte Arlo Guthrie. Vietnam versus freedom, love and peace. Gewiss, Töne sind auch Zeichen, Signifikanten. Aber zur ontologischen, eschatologischen und psychischen Leere, der nominalistischen, medialen, politisch wie religiös korrekten Referenzlosigkeit geölter Sprachspiele, waren seine blue notes sinnlicher real stuff.
Der vorweggenommene Karfreitag des Kapitalismus
Rückkopplungen, Feedbacks als übersteuerte Dekonstruktion von Ideologie und Schein. Ein naiver, sensibler Freak, Resonanz in Person, durch den wirklich Wirkliches hindurchklingt. Profane Erleuchtung, der wilde Liturg und seine Ministranten, Röhrenamplifier, Cry-Baby-Fußpedal, Arbiter-Fuzz-Pace-Verzerrer, luden zur Rumpelmesse. Vielleicht 24 Marshalltürme à 200 Watt hintereinander geschaltet, da war sie schon zu hören, die Fender Stratocaster. Ein paar Mikros noch und Strom, viel Strom, in allen Leitungen, Kabeln, Adern, Nerven und Sehnen.
Woodstock, ein tönendes Triptychon. Musik als bilderlose Ahnung der Versöhnung? Von wegen. Jeder Ton ein Film, im Hirn, im Herz, auf der Straße. Blues, auch was vom Soul, ein Hochamt. Zufällig ähnlich dem Dreierschema alttestamentlicher Propheten: Kritik, Umkehrpredigt, schwache Hoffnung - Tonika, Subdominante, Dominante, wer es so lesen mag, ein göttliches Bluesschema als citation à l'ordre du jour: didedidelledabb, didedidelledabb als Intro, anschwellend, zum Warmspielen, dann Stille. Wah-Wah-Perlen, die das Griffbrett zum E7 hinabstürzen. „Star-Spangled Banner“, die Hymne der Vereinigten Staaten, kracht im E7/#9, einem seiner Lieblingsgriffe zusammen. Maschinengewehrsalven wie auch in „Machine Gun“, Handgranaten, Bomben, Napalmhubschrauber. Transzendentale Akustik macht die traumatischen Ferne nah.
Dann „Purple Haze“: Dadedidaa, dödadödöö, dadedida, dödadödöö, dadödadödöiäi, dödadadaa: dann rollt die Linke von diesem erdig-metaphysischen E7/#9 über G7 hinauf zum A7. „Purple Haze“, all around. Das dröhnt wie der vorweggenommene Karfreitag des Kapitalismus. Mit dem Oktav-E oben, dem Zwölften im Bunde, donnert er sein Kerygma über Yusgars Farmland hinaus in die Welt: „S'cuse me while I kiss the sky“. Stark, sein schwaches Denken, ohne letzte Gewissheiten, ohne Netz als Artist von Ausnahmezustand zu Extremsituation zu touren. Ihm war die Kraft zu Glück und Verzweiflung, Ekstase und Trauer die gleiche. Schließlich zum Abschied - und bis heute endet der Woodstock-Film mit dieser Fuge in a-Moll, wenn die Kamera über den verwaisten schlammigen Festivalhügel schwenkt, wo noch ein paar Verlorene nach Verlorenem stochern wie Lumpensammler im Morgengrauen der Revolution - eine kleine, feine, unnachahmlich sanft abtropfende Improvisation „Villanova Junction“. Über die Sexte anstelle der Dominante, einen verkappten F-Barré, schwebt die visionäre Stadt, sein amerikanisches Napoli wie das himmlische Jerusalem, heute noch ein Höhenluftkurort für Engel, über der Trümmerlandschaft: „Angel came down from heaven yesterday / She stayed with me just long enough to rescue me“.
Er war die Gitarre der Neuzeit
Schon der erste Akkord. Ein Anschlag auf alle Partituren, die gehorsam reproduziert werden. Ein Attentat aufs Leben nach Noten. Sein kategorischer Imperativ: improvisiere! Dann knallt der Pfropfen vom verstopften Leben. Ein akustischer Blitz war dieser H-Sept und das Lied sein lang nachhallender Donner. Er rollte nur drei Sommer lang. Aber er rollte alles auf, was bis dahin auf Gitarren zu hören war. Er rollte alles nieder, zuletzt sich selbst.
Was wurden wir gewarnt vor diesem Struwwelpeter des Pop, seiner magischen Mischung, diesem Mischling, in dem Sex, Drogen und Rock'n'Roll Fleisch geworden waren. Ohne Schulabschluss und geregelte Arbeit. Sünde, so die Pietkongs, Taugenichts, so die Spießbürger der Nürnberger Kindheit im 20. Jahrhundert. Es half nichts. Das animal rationale in uns hatte Lunte gerochen. „The Wind Cries Mary“ übten wir bis die Fingerkuppen grüne Hornhaut trugen. Er verglühte, und wir begannen Gitarre zu spielen, ohne zu wissen, wer da starb. Er war kein Hypertechniker und Tempodudler. Zuletzt nippte er bei Miles Davis noch am Jazz und sogar an der Zwölftonmusik. Er war die Gitarre der Neuzeit. Sein Sound hat die antiken Sirenen wieder zum Leben erweckt. Nicht die Sinnenlust, ihre Austreibung aus der natürlichen Geschöpflichkeit ist die Sünde. Seine Musik ist die Apologie der Libido.
Glück gibt es, und sei es nur als Erfüllung eines Kinderwunsches. Die Ballade „Castles Made of Sand“ ist ein Gebot. Sandburgen bauen, eine Sandburg sein, der Mensch ist auch nur eine Komposition aus Luft, Wasser und Sand, ein fragiles Gemenge und Gemisch aus Bläschen, Tröpfchen und Körnchen, das am Meeresstrand zu verschwinden droht. Zuvor also sich zurückbinden, religio, ans Diesseits. Sich verausgaben im Potlatsch der blue notes.
Die Illusion von erlösender Musik
Wie er sich dabei bewegte, ein bacchantisches Arkanum vom Menschen, wie er gut, wahr, schön sein könnte. Noch im New Yorker Studio Electric Lady galt seine Musik dem Draußen, der letzten Transzendenz von Zeichen, Virtuellem und Artifiziellem. Keine psychedelische Himmelfahrt. Über den Rainbow auf die Welt. Ob er sie als ausweglos verdichtete Immanenz empfand? „Is it tomorrow or just the end of time?“ Der Refrain von „Purple Haze“ nimmt die letzte Komposition vom Vortag seines Todes vorweg. „The story of life“ von dir und mir, das ist die „story of Jesus, the story of love is hello and good-bye until we meet again“. Kein Unterhaltungsgeseiche. Aufrichtige Musik, professionell, aber auch voll Demut, Dezenz, Zartheit und - Humor. „Wann stehen Sie auf?“, fragte ihn der Showmaster. „Oh, ich bin froh, wenn ich überhaupt aufstehe“.
Er, der Walter Benjamin, Pelé und Giacomo Agostini des Blues hat nicht nur oben am Hals der Gitarre hingelangt und unten am Schallloch gezupft. Er langte hinein ins Fleisch, das lebendige Kapital. Das tote, das Geld, haben andere an ihm verdient.
Heute vor vierzig Jahren hat Jimi Hendrix letztmals gespielt: auf der Insel Fehmarn. Es war ein Scheißwetter, aber mit ihm, per Hubschrauber aus Puttgarden eingeflogen - „Fly on, my sweet Angel“ -, kam die Sonne. Pinkfarbene Seidenhose und blaues Stirnband in den Locken, linkshändig die Rechtshand-Strato zur Sirene erweckt, wird Fehmarn zur Insel Utopia. Feeling - ein leibhaftes Können statt einem Bildungswissen zwischen den Ohren. Artistik - eigenhändige Geschicklichkeit, sich zu artikulieren, musisch gelenkig zu sein, um aus stummem und blindem Schicksal ein eigenes Geschick zu machen: He did it. So bleibt er als Rentner bis heute unvorstellbar.
Denn der Ikarus des Blues, der sogar einmal Fallschirmspringer bei der Armee war, ist bei seinem Hochgeschwindigkeitsleben vorzeitig, kurz vor seinem 28. Geburtstag, abgestürzt. Mit ihm als Ikone erstickte auch die Illusion von erlösender Musik. Er kam von einem andern Stern am 27. 11. 1942 zur Welt, auf der er nur bis zum 18. 09. 1970 blieb, zu spielen, wie am 6. September 1970 - ohnehin das Jahr vom Mythos aus WM in Mexiko - auf Fehmarn, zu spielen wie niemand zuvor, niemand danach, der homo ludens, das messianische Kind, zusammenzufügen „the broken pieces of yesterday's life“ in der Ballade „The Wind Cries Mary“: Jimi Hendrix.