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Jennifer Lopez auf Welttournee : Der Sturm, den die Maschine macht

  • -Aktualisiert am

Pose ist alles: Jennifer Lopez beim Auftakt ihrer Deutschlandtour in Berlin Bild: dapd

Jennifer Lopez weiß um ihre pophistorische Bedeutung. Bei einem Konzert in Berlin im Rahmen ihrer Welttournee beweist sie, dass sie als Vorturnerin in eigener Sache immer noch unschlagbar ist.

          Wind von vorn, die Mähne flattert, das Showkleid schwillt und wölbt. Die Thermik ist auf Drama eingestellt: Ein großer Star wird ja stets umbraust vom Atem der Geschichte. Für Jennifer Lopez heißt das: Verschärfung des Marktes, mehr Konkurrenz (Beyoncé, Lady Gaga), weniger Ressourcen auf Konsumentenseite. Noch vor drei Jahren sang sie ein Loblied auf ihre Louboutins, neunhundert Dollar teure Schuhe. Der Song floppte und lehrte die Sängerin: Produziere nicht an den Verhältnissen vorbei, schon gar nicht während einer Finanzkrise.

          Auch sie selbst hat bessere Zeiten gesehen. Modefirmen, Kosmetikreihen, Schmuckkollektionen, dreihundert Millionen Dollar Umsatz im Jahr. Aber das war 2005, jetzt ist sie Castingshowjurorin und malocht wieder auf der Bühne. Welttournee. Windmaschine. Und dann wird an diesem Abend in der zugigen Berliner O2-Arena, wo der Pommesdunst durch die Reihen wabert und die Akustik nach Flugzeughangar klingt, noch einmal deutlich, warum sie „La Lopez“ ist: Ihr Programm lautet Unterhaltung, nicht Kunst.

          Mitte der Achziger kam Lopez von der Bronx zum Tanzunterricht nach Manhattan. Ihre Choreographie ist ein Mix aus Salsa und Breakdance

          Deshalb eine Kulisse mit blinkenden Riesentreppen und Las-Vegas-Glitzer am Bühnenhimmel. Deshalb Tänzer mit Waschbrettbäuchen unter knappen Lackboleros, athletische Spaß-Versionen von Fred Astaire. Die Choreographie ist klassisch im Sinne von: etabliert in Tanzschulen von L.A. bis Luckenwalde. Salsa-Moves plus Breakdance-Zitate. Und die Chefin immer in der Mitte als Vorturnerin von einem Team, das im Schnitt zwanzig Jahre jünger ist als sie.

          Aber sie weiß von ihrer pophistorischen Bedeutung, das Songprogramm ist als Werkschau angelegt. „All I have, „Ain’t it funny“, „Love don’t cost a thing“: die Gassenhauer der neunziger Jahre, sportliche federnde Hymnen auf die Idee des Kapitalismus. Die Liebe kostet nix, das Geld verdien ich lieber selber - das war dem Einwandererkind aus Puerto Rico womöglich schon klar, als es Mitte der Achtziger von der Bronx zum Tanzunterricht nach Manhattan fuhr. Die meisten Hispanics enden in der Fabrik, auf dem Bau oder als Gärtner, selbst ist also die Frau.

          Federnde Hymnen auf den Kapitalismus: Lopez lieferte die Gassenhauer der neunziger Jahre

          So kommt wieder die Physis ins Spiel, nicht in der abstrahierten Version wie bei Lady Gaga und ihrem Alien-Look, sondern als Arbeitskörper. Der Begriff des Workouts ergab beim Konzert auch auf kulturindustrieller Ebene Sinn: In der Mitte der Bühne eine Art Turninsel, mit weißen Lederliegen, auf der alles möglich schien, nur nicht liegen, dazu chromschimmerndes Gestänge für Ab-, Auf- und sonstige Schwünge. Kieser-Training, ausgedacht von Gaultier. Hier tobt sie sich aus, wenn sie nicht, gleich einem Tennisprofi vor dem Aufschlag, breitbeinig und raubtierhaft pendelnd, das Publikum animiert.

          Dieser Sound, dieser Look, die ganze Inszenierung waren von größter Redlichkeit. Es ist ein im besten Sinne bescheidenes Artistentum, was Jennifer Lopez verkörpert. Das funktioniert in der Disco in Bielefeld, in Spanish Harlem, auf der Betriebsfeier oder im Robinson-Club. Da ist dann auch kein Platz für genderkritischen Buhei. Geschlecht ist eine Konstruktion? Ach, bitte. „Wo sind meine Chicas?“, ruft Lopez ins Publikum, und es krakeelt aus tausend Frauenkehlen. „Und meine Papis?“ Gejohle des Männerchors. Chicas, Papis, ein bisschen Cha-Cha und viel Sportsgeist - so erzeugt man ein Hochdruckgebiet. Und die Windmaschine besorgt den Rest.

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