08.12.2006 · Die beiden Rap-Schwergewichte Jay-Z und Snoop Dogg haben ihre neuen Alben veröffentlicht. Die Klischees, die mit ihnen verbunden werden, sind nicht gerade positiv. Mit ihren neuen Platten wollen sie diesen Eindruck revidieren.
Von Jonathan FischerKaum jemand wurde so häufig für den angeblichen Ausverkauf des Hip-Hop zitiert wie Jay-Z. Die Vorwürfe: Der Hedonismus des Rappers - „If you ain't in it for the money, then get out of the game“ - inspiriere junge Menschen kaum dazu, sich für einen sozialen Wandel zu engagieren.
Als Unternehmer treibe er die Vereinnahmung des Hip-Hop durch die Unterhaltungskonzerne voran - auf Kosten der Menschen und communities, die diese Musikform einst inspirierten. Kurz: Jay-Z sei der Prototyp des profitsüchtigen, egomanen Aufsteigers. Ein typischer „Hustler“ eben. So heißt im Ghetto die mythologische Figur des schwarzen selfmademan, der sich allein dank Straßenwitz, krimineller Energie und geschickter Machtausübung nach oben kämpft.
So viele Millionen wie Jahre auf dem Buckel
Mit seinem Album „Kingdom Come“ möchte Jay-Z nun dieses Bild relativieren und zum Hustler den Humanisten hinzufügen. Eigentlich hatte er ja schon 2003 mit Trompetenfanfaren seinen Rücktritt als aktiver Rapper bekanntgegeben. Als frischernannter Vorstandsvorsitzender wolle er sich fortan nur noch um die Geschäfte der Plattenfirma Def Jam kümmern, unter dessen Dach sich auch sein eigenes Roc-A-Fella-Label befindet. Aber wer hatte ihm das schon geglaubt? Als Rap-Debütant schon hatte sich Jay-Z auf seinem Plattencover mit Krawatte als angehender Manager verkauft - jetzt wurde es ihm auf dem gepolsterten Vorstandssessel schlicht und einfach langweilig.
Geld hat er zwar genug. Aber mußte er nicht seinen Thron als „King of New York“ verteidigen? Die Fahne des Ostküsten-Raps gegen die aus den neuen Hip-Hop-Epizentren Atlanta, Houston, New Orleans kommenden Party-Plattheiten hochhalten? Und das Image des saturierten Frührentners widerlegen? „I used to think rapping at 38 was ill“, tönt er nun, „but last year alone I grossed 38 mill.“ Er habe ebensoviel Millionen verdient, wie er Jahre auf dem Buckel hat (sogar mehr, er ist gerade erst 37 geworden).
„Publikum verblöden, um die Dollars zu verdoppeln“
Tatsächlich machte Jay-Z gerade sein eigenes Potential zu schaffen: In einem Genre, in dem jede Menge selbsternannte „Gangsta“ mit Dollarbündeln wedeln, Stripperinnen für ihre Videos engagieren, über Mord und Drogenhandel deklamieren und dabei die traditionelle Doppelbödigkeit schwarzer Sprachkultur auf dem Altar einer platten Massentauglichkeit opfern, hätte er alle Chancen zum sensiblen Dichterfürsten gehabt: Zu einem, der über die bekannten Ghetto-Realitäten hinausschaut und dem Mantra des „Keepin' it real“ wilde Poesie und surrealistische Freiheitsträume entgegensetzt. Aber wie Jay-Z einmal rückblickend bekannte: „Ich verblödete mein Publikum, um meine Dollars zu verdoppeln.“
Der 1969 als Shawn Corey Carter geborene Rapper wuchs in der rauhen Welt der Marcy Projects in Brooklyn auf. Obwohl oder gerade weil er ein schüchternes Kind war, bewunderte er den selbstbewußten Stil der lokalen Hustler. Seine Lehrer attestierten ihm einen überaus scharfen Verstand. Doch Carter entschied sich für die Straße, verkaufte Crack. Zwischendurch aber feilte er an Reimen, goß er seine Alltagsbeobachtungen in raffiniert gedrechselte Zeilen und Wortspiele, die er mangels Stift und Papier so lange memorierte, bis er sie auswendig konnte.
Großer Wert auf Wortwitz und narrative Details gelegt
Auf seinem Debüt „Reasonable Doubt“ von 1996 kam Jay-Z zwar inhaltlich wie ein weiterer Gangsta daher. Aber sein Stil ließ aufhorchen: Er hatte keine lyrischen Exzesse in puncto Gewalt, Sex und Glamour nötig, um seine Botschaft rüberzubringen. Er betörte vielmehr durch cooles Understatement, legte größten Wert auf Wortwitz und narrative Details und erzählte auf seinen folgenden Alben immer wieder glaubhaft von der Psyche, den Freuden und der Paranoia des Hustlers. Doch so sehr Jay-Z auch den grimmigen Kampf auf der Straße porträtierte: Seine Ambition, daran ließ er keinen Zweifel, galt dem Luxusleben als Geschäftsmann.
Heute vermarktet Jay-Z seinen Erfolg auch über die eigene lukrative Kleidermarke Roc-A-Wear, die Film- und Videofirma Roc-A-Film, eine für die Schuhfirma Reebok entworfene Turnschuhkollektion namens „S. Carter“ und die weltweite Sports-Bar-Kette „40/40“. Haben wir schon erwähnt, daß der Mann auch noch die Wodkamarke Armadale vertreibt? Er außerdem Anteile an den New Jersey Nets, einer seiner Lieblings-Basketballmannschaften, besitzt?
Eine legale Aufstiegschance aus dem Ghetto
Wenn der Sozialhistoriker Robin D. G. Kelley argumentiert, daß der Kapitalismus gleichzeitig der größte Freund und größte Feind der schwarzen Jugend ist, dann kann Jay-Z diese These bezeugen: Als Kind besaß er gerade mal drei zerschlissene Hosen. Als Erwachsener macht er allein mit Roc-A-Wear über zweihundert Millionen Dollar Umsatz im Jahr. Hip-Hop, das zeigt seine Karriere, bietet eine der wenigen legalen Aufstiegschancen aus dem Ghetto - und zwar selbst denjenigen, die das kapitalistische System implizit zu „menschlichem Ballast“ erklärt hat.
Jay-Zs neues Album versucht nun die Balance. Den Ausgleich zwischen Gangsta-Vergangenheit und einer Gegenwart als Arbeitgeber, leuchtendem Vorbild und - pardon! - Verantwortungsträger. Musikalisch verläßt er sich auf die bewährten Starproduzenten: Dr. Dre, Kanye West, Just Blaze haben ihm einmal mehr mitsingtaugliche Hip-Hop-Hymnen à la „Show Me What You Got“ mit seinem orientalisch anmutenden Saxophon-Groove oder von Soulsängern wie John Legend (“Do U Wanna Ride“) und Usher (“Anything“) umrahmte Rhythm-'n'-Blues-Nummern geschrieben.
Jay-Zs neuer Job: als UN-Botschafter durch Afrika
Überraschend ist höchstens das melancholische „Beach Chair“ aus der Feder des „Coldplay“-Sängers Chris Martin. „Life is but a beach chair“, rapt Jay-Z da über einem Geigen-Teppich in Moll. Tatsächlich ist an die Stelle der früheren Gewalt- und Rausch-Chroniken eine lakonische, lebenserfahrene Nachdenklichkeit getreten. So schreibt Jay-Z mit „Lost Ones“ einen Brief an einen hinter Gittern sitzenden Jugendfreund. Und gesteht in „Minority Report“, sich nicht genügend für die Opfer von Katrina engagiert zu haben, um gleichzeitig die untätigen Politiker ins Visier zu nehmen. Dazu paßt auch Jay-Zs neuer Job: Gerade ist er als UN-Botschafter für eine Trinkwasserkampagne durch Afrika gereist.
Wohnen wir auf „Kingdom Come“ also der politischen Bewußtwerdung des Ex-Hustlers bei? Wenn Jay-Z auch ein wenig an seiner alten corporate identity rüttelt: Ganz brechen will er nicht mit ihr. Warum auch? Er fährt eine Maybach-Limousine, hat den R'n'B-Star Beyoncé Knowles zur Freundin, und muß als Rapper niemandem mehr etwas beweisen. Darüber hinaus lebt Hip-Hop von Projektionsfiguren für die unausgelebten Phantasien der Konsumenten. Deshalb ist es in diesem Umfeld verdammt schwer, erwachsen zu werden - oder auch nur einen Rollenwechsel anzustreben.
Snoops lakonischer Flow als Genuß des Hip-Hop
In diesem Sinne muß man auch das neue Album von Jay-Zs Westküsten-Pendant Snoop Dogg lesen. Mit „The Blue Carpet Treatment“ will der Mittdreißiger zu seinen Wurzeln zurück. Also vom Vater, Kinostar und Unternehmer zum „Pimp“, wie es seit fast fünfzehn Jahren seine Erfolgsmasche ist. Die Pornofizierung des Rap hat Snoop schon längst vollbracht. Und weil Zoten wie „I Wanna Fuck You“ kaum noch überraschen, geht es vor allem um: Stil.
Tatsächlich gehört Snoops lakonischer Flow zu den größten Genüssen des Hip-Hop überhaupt. Erst recht wenn er wie auf „10 Lil' Crips“ seinen verschrobenen Gangsta-Klamauk zum besten gibt - über jaulenden Synthesizern, feinsten Funk-Samples und Bässen, die selbst einen Hummer-Jeep zum Wackeln bringen würden. Zusammen mit seinem Mentor Dr. Dre hat Snoop ein Meisterwerk des Funk-Minimalismus eingespielt. Auf „Imagine“ gibt er überdies eine Apotheose der eigenen Sex-und-Drogen-Lyrik: „Imagine if rap wasn't out yet / Imagine all this pain with no outlet“. Nein, es geht im Hip-Hop nicht sosehr darum, was man sagt. Sondern wie man es sagt. Für solche Einsichten verzeihen wir Jay-Z und Snoop selbst die gröbsten Klischees.
Nicht schlecht!
Marvin Killing (MarvinK)
- 09.12.2006, 17:54 Uhr