Home
http://www.faz.net/-gsd-ve43
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Jasmin Tabatabai Starke Frau im Zickzackkurs

24.09.2007 ·  In ihren Filmen stellt Jasmin Tabatabai meist starke, rebellische Frauen dar, auf den Platten der singenden Schauspielerin aber geht es meist melancholisch zu. Der Titel ihres neuen Albums spielt auf ihre Wurzeln an: „I Ran“.

Von Julia Bähr
Artikel Bilder (9) Lesermeinungen (1)

„Even Cowgirls Get the Blues“: So hieß Jasmin Tabatabais rein weiblich besetzte Country-Band, mit der sie in den Neunzigern drei Alben aufnahm. Die Combo ist aufgelöst, aber den Namen stellt die Schauspielerin und Sängerin noch heute regelmäßig unter Beweis. Während sie in ihren Filmen meist starke, rebellische Frauen darstellt wie die knastflüchtige Luna im Musik-Roadmovie „Bandits“ von 1997, sagt sie über ihre Musik: „Ich habe schon immer nur Liebeslieder geschrieben, etwas anderes kann ich nicht.“ Dass die so oft melancholisch ausfallen, führt Tabatabai auf das persische Erbe ihres Vaters zurück. Er lernte ihre deutsche Mutter auf dem Oktoberfest kennen, gründete die Familie in Iran und war klug genug, sie wegen der Islamischen Revolution 1979 nach Deutschland zu schicken. Jasmin Tabatabai war damals zwölf.

Achtundzwanzig Jahre später lebt sie mit ihrer vierjährigen Tochter in Berlin-Pankow und wartet auf den Abschluss der Renovierungsarbeiten an ihrer Villa, die einst dem DDR-Ministerpräsidenten Grotewohl gehörte. Iran vermisst sie immer noch, wagt aber wegen ihrer öffentlich geäußerten Kritik an Ahmadineschad die Einreise nicht. Die Sehnsucht verarbeitet Jasmin Tabatabai auf ihre Weise: Sie setzt sich für eine lesbische Iranerin ein, die die deutschen Behörden ausweisen wollen - zurück in ein Land, in dem auf Homosexualität die Todesstrafe steht. Und sie hat ihr neues Soloalbum „I Ran“ genannt.

Ein paar Strophen auf Persisch

Darauf finden sich musikalisch wie qualitativ äußerst unterschiedliche Songs: Das Titelstück ist die Cover-Version eines Hits der britischen Achtziger-Synthiepop-Band „A Flock Of Seagulls“, bei dem Tabatabai ein paar Strophen auf Persisch singt. Dazu gibt es die sanfte Ballade „Anymore“, ein bisschen sphärischen Rock mit „On My Way“, ein bisschen Elektro. Außerdem das dezent erotische, chansoneske „Toi“ und die Single-Auskopplung „Let's Stay Together“, die an den Gute-Laune-Pop der „Corrs“ erinnert. Die sind zwar auch nicht gerade für enormen Tiefgang ihre Texte berühmt, aber Tabatabai unterbietet das Niveau der Iren noch: „Ding, dang, dong - dingelingelong“ lautet der Refrain.

Nun sind Nonsens-Texte in Babysprache schon bei siebzehnjährigen Popsternchen irritierend, bei einer erwachsenen Frau mit einiger Lebenserfahrung scheinen sie gänzlich unangemessen. Auch bei den anderen Stücken scheint sich Jasmin Tabatabai mit dem Zusammensetzen von üblichen Textbausteinen („I will never make you cry“) begnügt und mehr auf die Musik konzentriert zu haben. Die ist dafür in einem konventionellen Rahmen recht vielseitig. Das Klischee von der singenden Schauspielerin, das Tabatabai stets in offensiver Demut auf sich genommen hat, kann sie damit aber sicher nicht ablegen. Zu unausgereift wirkt das Album - ein Zickzackkurs durch alles, was der Künstlerin gefällt. Für eine Sängerin wäre das schrecklich. Für eine Schauspielerin ist es ganz in Ordnung.

Quelle: F.A.Z., 24.09.2007, Nr. 222 / Seite 44
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr