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Jan Delay in Köln : Es ist Funk – na und?

  • -Aktualisiert am

Der Funk ist seine Ware: Jan Delay Bild: AP

Keiner feiert so stilvoll und hysterisch wie er: In Köln treibt der Rapper Jan Delay den offenen ideologischen Widerspruch und den Funk auf gleichermaßen hohes Niveau.

          Die Erwähnung Jan Delays zieht beim halbwegs popkulturell geschulten Gegenüber in der Regel den sofortigen Versuch einer Stimmenimitation nach sich. Das ist sonst allenfalls bei Grönemeyer oder Lindenberg so, das muss man erst mal schaffen. Überhaupt hat der dreiunddreißigjährige Hamburger so einiges geschafft. Neben Peter Fox ist er der einzige hiesige Solostar, auf den sich unterschiedlichste Publikumsgruppen – vom Indiemädchen bis hin zum Stefan-Raab-Gucker – einigen können.

          Gelungen ist ihm dies nicht trotz, sondern gerade aufgrund einer offen zur Schau getragenen linkspolitischen Attitüde und der daraus resultierenden Inkonsequenz: In seinen Stücken wettert Delay gegen die Macht großer Konzerne, gibt sich aber gleichzeitig als Markenfetischist mit Turnschuhfimmel; regelmäßig hackt er auf deutschen Verklemmtheiten herum, engagierte sich aber für eine Radioquote für deutschsprachige Popmusik; immer wieder predigt er das Recht auf Abgrenzung und Anderssein und macht sich doch regelmäßig in den einschlägigen Unterhaltungsshows mit einem Umfeld gemein, das ihm eigentlich zuwider sein müsste. Wie kein zweiter deutscher Musiker lebt Delay offen einen ideologischen Widerspruch – und wirkt dadurch letztlich äußerst sympathisch, weil er so das große unperfekte „Trotzdem“ abbildet, mit dem man selbst den ganzen Tag zu tun hat.

          Wofür mein Name steht

          Der erste Widerspruch zeigt sich beim Konzert am Sonntagabend im Kölner Palladium gleich im Foyer: Gegenüber dem kleinen Attac-Infostand (Slogan: „Die Welt ist keine Ware“) prangen die übergroßen Logos von Delays Tourpräsentator, einem Mobilfunkkonzern, der mit „Make believe“ für sich wirbt. Da könne Delay gar nichts gegen machen, das sei ja nicht seine Entscheidung, gibt einer der Attac-Herren, ein junger Mann im St.-Pauli-Kapuzenpulli, zu Protokoll, aber „wir sind auf ausdrücklichen Wunsch von Jan Delay hier“. Drinnen ist es heiß – heißer als sonst bei Konzerten in dieser Halle. Das liegt daran, dass die Leute tanzen – nicht einfach nur mitklatschen und dezent wippen. Sie könnten auch gar nicht anders, denn der Star auf der Bühne gibt keine Ruh’: In pink-blauen Designerklamotten des Labels Herr von Eden springt er vom ersten Moment an unentwegt herum und betreibt ausgiebig Saalhochkochen. Gleich zu Anfang erklärt er sich: „Und sie kommen und sie fragen / ,Ey sag mal, wofür steht dein Name?‘ / Ich sag: ,schwarze Mucke, schwarzer Block, schwarzer Humor und schwarze Zahlen‘.“

          Die Texte – meistens gegen Gleichmachung jeder Art – sind an diesem Partyabend eher egal, aber sie haben die Leute mit hierher geholt. Und auch das muss man sagen: Auf diesem kommerziellen Niveau textet sonst niemand so böse Zeilen wie diese aus der sarkastischen Medien-Abrechnung „Showgeschäft“: „Gestern saßt du noch auf Chef immer im Taxi hinten rechts / Ab heute sitzt du allerdings nurmehr im Taxi vorne links.“ Die Musik dazu klingt vielen Kritikern wie ziemlicher Besserverdiener-Funk, aber wer dies als ernsthaften Vorwurf erhebt, kritisiert im Grunde das ganze Genre und hat sich wohl lange nicht mehr für zeitgenössische Standards in der schwarzen Musik interessiert. Auch international wird, sobald es groovebetont werden soll, heute stets ordentlich herumgemuckt.

          Flache Sache auf hohem Niveau

          Die häufig gehörte Kritik, Delays Band musiziere allenfalls auf dem Niveau einer zusammengemieteten Late-Night-Showband, ist unbegründet: Die Musiker von Disko No. 1 zitieren vielmehr die hibbeligen Funk-Routinen von Altmeistern wie The Meters und würzen mit Prince, James Brown und Disco. Nein, es ist eine echte Freude zu erleben, wie Delay eine so flache Sache auf so hohem Niveau und mit so viel Begeisterung erledigt. Seine oberste Mission lautet „Party“, und kein Bühnenkünstler feiert so stilvoll und hysterisch wie er. Wenn man ihm denn unbedingt etwas will, könnte man das ein oder andere animateurhafte Publikumsspielchen als zu viel empfinden, und auch das ständige Inkorporieren leergedudelten Party-Liedguts (von „Final Countdown“ über „Everybody“ von den Backstreet Boys bis hin zu „U Can’t Touch This“) stellt keinen echten Gewinn dar.

          Am Ende ist er klatschnass geschwitzt, im Saal riecht es schon. Dann strömt alles nach draußen, mancher macht noch Halt bei Attac, und im allgemeinen freudigen Gemurmel auf der Schanzenstraße sind auch schon wieder die ersten Stimmenimitatoren zu vernehmen.

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