http://www.faz.net/-gqz-8byzu
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 05.01.2016, 21:33 Uhr

Lars Seniuk über neuen Jazz Gibt es illegale Akkorde?

Er ist sechsundzwanzig und leitet das „New German Art Orchestra“: Ein Gespräch mit dem Trompeter und Komponisten Lars Seniuk über jungen Jazz, Mikrotöne und ungültige Anfragen ans Notenprogramm.

von
© Esra Klein Kann man dem Blues-Schema einfach einen Takt wegnehmen? Ja, meint Lars Seniuk.

Herr Seniuk, Sie sind erst sechundzwanzig, leiten das Landesjugendjazzorchester in Hamburg, haben Ihr eigenes Quintett für Jazz und Neue Musik und jetzt auch noch das „New German Art Orchestra“ gegründet. Was ist das, und wer spielt darin?

Jan Wiele Folgen:

Es sind Musiker aus ganz Deutschland, die nicht nur sehr versiert im Zusammenspiel sind, sondern jeder für sich einen eigenen Stil als Solist entwickelt haben, den sie mit in die Bigband einbringen. Improvisation und Solos sind essentiell für den Jazz. Das birgt dann ungeheuer viele Möglichkeiten für mich als Komponisten, weil einem alle Mittel, alle Farben auf der Palette zur Verfügung stehen, und ist gleichzeitig auch eine große Inspirationsquelle.

© New German Art Orchestra Das New German Art Orchestra bei der Einspielung des Albums "Pendulum"

Als ich Ihr Album „Pendulum“ zum ersten Mal hörte, dachte ich: Diese Musik könnte auch etwas für Carrie Mathison aus „Homeland“ sein.

Von der Serie habe ich gehört, kenne sie aber leider nicht. Warum denn?

Nun, das ist eine Figur mit wahnhaften Schüben, die oft auch durch wilden Jazz im Soundtrack gespiegelt werden. Ich dachte daran etwa bei Ihrem Stück „Narziss“, in dem der Altsaxophonist manchmal so klingt, als stimme er mitten im Stück sein Instrument.

Ja, das ist ganz besonderes Tonmaterial, das Philipp Gerschlauer da anwendet und perfektioniert hat: Er spielt Mikrotöne, also beispielsweise Viertel- und auch Achteltöne, was selbst in moderner Musik bisher kaum vorkommt. 128 Töne pro Oktave, das ist ziemlich ungewöhnlich. Generell sind die Dissonanzen auf der Platte sehr ausgeprägt, deshalb wohl auch ihr Bezug zu Wahnvorstelllungen.

Empfinden Sie einen solchen Bezug als Klischee?

Natürlich sind Dissonanzen per se erst einmal etwas Unangenehmes. Aber es ist mit ihnen ein bisschen wie mit scharfem Essen - das ist manchmal wie eine Art Schmerz. Wenn man es mit der Schärfe übertreibt, stumpft man ab, aber ganz ohne Chili wäre es langweilig. Bei diesem Stück wird es dann auf die Spitze getrieben.

Lars Seniuk - Der Jazztrompeter spricht mit Jan-Christopher Wiele über seinen neuesten Musikideen in der Redaktion der FAZ in Frankfurt. © Esra Klein Vergrößern „Dissonanzen sind wie Chili im Essen.“

Wenden Sie sich mit dem Begriff „New German Art“ und der Betonung der Kunst auch gegen einen gewissen Mainstream des jüngeren Jazz? Wenn man an neuere Jazzmusik für Trompete aus Deutschland denkt, ist diese oft doch ziemlich glatt - Beispiel: Till Brönner.

Da werden Sie ihm vielleicht nicht ganz gerecht. Für seine eher Richtung Pop gehenden Alben stimmt das sicher, aber wer ihn im Konzert hört, wird überrascht sein, wie modern und virtuos er dort spielt. Und insgesamt bringt er mit seiner Musik auch Leuten, die weniger Ahnung vom Jazz haben, den Jazz näher. Das ist natürlich sehr begrüßenswert.

Sie selbst schreiben ja eher avantgardistische Musik.

Ich bin der Überzeugung, dass man den Zuhörern und Musikern mehr zutrauen darf und sollte. Musik sollte meiner Meinung nach nicht immer banaler und simplizistischer werden. Im Gegenteil - ich würde mir wünschen, dass Jazzmusiker voranschreiten und neue Felder und Klänge ausloten - für mehr Modernität und Komplexität in der Musik. Denn das Voranschreiten ist auch ein wichtiger Teil der Definition von Jazz. Heute spielen beispielsweise viele Musiker Bebop. Natürlich ist das großartige Musik. Aber wenn Charlie Parker so gedacht hätte, wie die Leute, die heute als einziges Ziel haben, Parkers Musik möglichst stilgetreu zu imitieren, wäre Bebop nie entstanden. Denn das war seinerzeit ja geradezu unerhört neu.

Hat der deutsche Jazz also Nachwuchsprobleme?

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Lebensmittel-Industrie Ernährung bekommt jetzt mehr Gewicht

Gegessen wird ja immer. Aber heute wollen die Verbraucher auch wissen, wo das Essen herkommt und was drin ist. Nun schlägt die Stunde der jungen Quereinsteiger. Der Kampf um den Konsumenten ist eröffnet. Mehr Von Melanie Mühl

23.07.2016, 21:31 Uhr | Feuilleton
Musikvideo Róisín Murphy: Ten Miles High

Offizielles Musikvideo zur Single von Ten Miles High Róisín Murphy aus dem Album Take Her Up To Monto. Mehr

18.07.2016, 15:28 Uhr | Feuilleton
Yamaha Disklavier Enspire Da spielt der Pianist nicht mit

Das Disklavier Enspire von Yamaha wird zum Alleinunterhalter. Es spielt autonom. Und die Begleitmusik strömt aus der vernetzten Stereoanlage. Mehr Von Marco Dettweiler

13.07.2016, 11:04 Uhr | Technik-Motor
Großbritannien Das Kabinett der Theresa May

Die neu ernannte britische Premierministerin Theresa May sorgt für Überraschungen. Für ihr neues Kabinett ernennt sie Brexit-Wortführer Boris Johnson zum Außenminister und David Davis zum Brexit-Minister. Davis war ebenfalls für einen Austritt Großbritanniens aus der EU. Mehr

14.07.2016, 14:44 Uhr | Politik
Album der Woche Ein Pop-Beat aus heißen Tagen

Gut möglich, dass er jetzt so cool ist, wie er immer sein wollte: Joseph Mount alias Metronomy hat mit Summer08 ein elektrisch-eklektisches Album aufgenommen. Mehr Von Alexander Müller

25.07.2016, 15:57 Uhr | Feuilleton
Glosse

Luther in Chrom

Von Andreas Kilb

Die evangelische Kirche will in Berlin ein Luther-Denkmal errichten. Doch die Ansprüche, die sie daran stellt, sind nicht einmal für den Reformator zu erfüllen. Mehr 1 6