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Lars Seniuk über neuen Jazz : Gibt es illegale Akkorde?

Kann man dem Blues-Schema einfach einen Takt wegnehmen? Ja, meint Lars Seniuk. Bild: Esra Klein

Er ist sechsundzwanzig und leitet das „New German Art Orchestra“: Ein Gespräch mit dem Trompeter und Komponisten Lars Seniuk über jungen Jazz, Mikrotöne und ungültige Anfragen ans Notenprogramm.

          Herr Seniuk, Sie sind erst sechundzwanzig, leiten das Landesjugendjazzorchester in Hamburg, haben Ihr eigenes Quintett für Jazz und Neue Musik und jetzt auch noch das „New German Art Orchestra“ gegründet. Was ist das, und wer spielt darin?

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Es sind Musiker aus ganz Deutschland, die nicht nur sehr versiert im Zusammenspiel sind, sondern jeder für sich einen eigenen Stil als Solist entwickelt haben, den sie mit in die Bigband einbringen. Improvisation und Solos sind essentiell für den Jazz. Das birgt dann ungeheuer viele Möglichkeiten für mich als Komponisten, weil einem alle Mittel, alle Farben auf der Palette zur Verfügung stehen, und ist gleichzeitig auch eine große Inspirationsquelle.

          „Dissonanzen sind wie Chili im Essen.“

          Als ich Ihr Album „Pendulum“ zum ersten Mal hörte, dachte ich: Diese Musik könnte auch etwas für Carrie Mathison aus „Homeland“ sein.

          Von der Serie habe ich gehört, kenne sie aber leider nicht. Warum denn?

          Nun, das ist eine Figur mit wahnhaften Schüben, die oft auch durch wilden Jazz im Soundtrack gespiegelt werden. Ich dachte daran etwa bei Ihrem Stück „Narziss“, in dem der Altsaxophonist manchmal so klingt, als stimme er mitten im Stück sein Instrument.

          Ja, das ist ganz besonderes Tonmaterial, das Philipp Gerschlauer da anwendet und perfektioniert hat: Er spielt Mikrotöne, also beispielsweise Viertel- und auch Achteltöne, was selbst in moderner Musik bisher kaum vorkommt. 128 Töne pro Oktave, das ist ziemlich ungewöhnlich. Generell sind die Dissonanzen auf der Platte sehr ausgeprägt, deshalb wohl auch ihr Bezug zu Wahnvorstelllungen.

          Empfinden Sie einen solchen Bezug als Klischee?

          Natürlich sind Dissonanzen per se erst einmal etwas Unangenehmes. Aber es ist mit ihnen ein bisschen wie mit scharfem Essen - das ist manchmal wie eine Art Schmerz. Wenn man es mit der Schärfe übertreibt, stumpft man ab, aber ganz ohne Chili wäre es langweilig. Bei diesem Stück wird es dann auf die Spitze getrieben.

          Wenden Sie sich mit dem Begriff „New German Art“ und der Betonung der Kunst auch gegen einen gewissen Mainstream des jüngeren Jazz? Wenn man an neuere Jazzmusik für Trompete aus Deutschland denkt, ist diese oft doch ziemlich glatt - Beispiel: Till Brönner.

          Da werden Sie ihm vielleicht nicht ganz gerecht. Für seine eher Richtung Pop gehenden Alben stimmt das sicher, aber wer ihn im Konzert hört, wird überrascht sein, wie modern und virtuos er dort spielt. Und insgesamt bringt er mit seiner Musik auch Leuten, die weniger Ahnung vom Jazz haben, den Jazz näher. Das ist natürlich sehr begrüßenswert.

          Sie selbst schreiben ja eher avantgardistische Musik.

          Ich bin der Überzeugung, dass man den Zuhörern und Musikern mehr zutrauen darf und sollte. Musik sollte meiner Meinung nach nicht immer banaler und simplizistischer werden. Im Gegenteil - ich würde mir wünschen, dass Jazzmusiker voranschreiten und neue Felder und Klänge ausloten - für mehr Modernität und Komplexität in der Musik. Denn das Voranschreiten ist auch ein wichtiger Teil der Definition von Jazz. Heute spielen beispielsweise viele Musiker Bebop. Natürlich ist das großartige Musik. Aber wenn Charlie Parker so gedacht hätte, wie die Leute, die heute als einziges Ziel haben, Parkers Musik möglichst stilgetreu zu imitieren, wäre Bebop nie entstanden. Denn das war seinerzeit ja geradezu unerhört neu.

          Hat der deutsche Jazz also Nachwuchsprobleme?

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