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Im Gespräch: Tocotronic Sind Sie im Reinen mit sich selbst, Tocotronic?

Berlin, Münzsalon. In weichen Sesseln sitzen Jan Müller, Dirk von Lowtzow und Rick McPhail von Tocotronic. Arne Zank kommt später. Eine neue Platte steht an, aber vor allem das Jubiläum der Band.

© Burkhard Neie/xix

Tocotronic gibt es jetzt seit zwanzig Jahren. Es fing an mit Cordhosen und Trainingsjacken und süßen Punkliedern wie „Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit“, die schnell zu Slogans wurden. Dann wurde es immer opulenter und kunstfertiger: Die neue, zehnte Platte „Wie wir leben wollen“ kommt jetzt mit 99 Thesen zum Thema daher. Die optimale technische Umsetzung der Musik einerseits und ihre künstlerische Bedeutsamkeit andererseits scheint für Sie immer zentraler geworden zu sein. Das ist ein weiter Weg vom Cordhosenpunk zu den Arrangements von heute. Wie kam es dazu?

Jan Müller: Eigentlich waren wir daran immer schon interessiert. Natürlich auch mit einem gehörigen Maß Faulheit am Anfang. Wir hatten bei unserer ersten Single schon Aufnahmen im Studio angefertigt, uns dann aber entschieden, mit einem Cassettenrecorder aufzunehmen, weil dieser trashige Sound uns als Band mehr entsprach.

Rick McPhail: Es ist auch eine Frage der Logistik, weil zwei von uns in Berlin und zwei in Hamburg wohnen. Wir können nicht mehr einfach in den Probenraum gehen.

Dirk von Lowtzow: Man kann es nicht so linear beschreiben, dass sich das professionalisiert hätte. Es ging uns immer darum, den adäquaten Zugang zu finden zum Material.

Dann waren diese Cordhosenaufnahmen schon bewusste Entscheidungen? Und gar nicht so authentisch, so lebensgefühlig, wie es damals immer hieß, sondern eine Stilfrage?

Lowtzow: Ja, weil wir eben immer gleichzeitig eine Rock- und eine Popband waren. Wir haben uns für Rockstilmittel interessiert, aber auch für Sophistication, für Image. Komischerweise konnten wir uns zwischen diesen Polen nie so richtig entscheiden. So kam auch die Mischung der ersten Platte „Digital ist besser“ zustande, die zwar eindeutig von amerikanischem Grunge beeinflusst war, unser Outfit war eher so eine Popuniform, wie bei Human League in den achtziger Jahren.

Müller: Aber in blöd. (Alle lachen.)

Es war blöd als Entscheidung?

Müller: Genau.

Und dann tragen Milliarden plötzlich auch Cordhosen und Trainingsjacken und singen „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“.

Müller: So viele waren es dann doch nicht. Es spielt auch immer der Zufall eine Rolle. Bei den Aufnahmen für die erste Single war ein Mikro kaputt, wir mussten einen Kopfhörer nehmen. Bei den Klamotten war es genauso.

Lowtzow: Der konzeptuelle Ansatz hat uns einfach immer Spaß gemacht. Man braucht das gar nicht so hoch zu hängen.

Müller: Wo andere geschwitzt haben im Probenraum, haben wir eher beisammen gesessen und geredet. Schwätzen statt schwitzen, so kann man es sagen.

Aber man hat schon das Gefühl, dass die Frage, wer oder was Tocotronic ist, immer wichtiger wurde bei Ihnen.

Lowtzow: Ach, das würde ich so auch nicht sagen. Schon als wir uns kennenlernten, lief das auf einer Metaebene ab: Was ist das für eine Band? Macht die Musik über Rockmusik? Da hat man sich eben auch schon wahnsinnige Gedanken über das Cover gemacht: Was hat man da an? Wie soll dieser Schriftzug aussehen? Man hat so ein Branding betrieben, bevor man selbst gebrandet wird.

Müller: Wenn man älter wird, werden die Einflüsse mehr, deshalb scheint es vielleicht komplizierter zu werden. Aber wenn man sich neue Lieder wie „Ich möchte nüchtern bleiben“ oder „Im Keller“ anhört, ist das doch eigentlich auch ganz klein und einfach, oder?

Das Gefühl von Künstlichkeit bleibt aber. Ein bisschen habe ich bei Ihnen den Eindruck, dass Sie nicht im Reinen damit sind, eine Band zu sein, und davon nicht loskommen, dass und vor allem wie andere auf diese Band schauen.

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