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Samstag, 11. Februar 2012
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Im Gespräch: Ry Cooder Macht Musik die Welt gerechter, Mr Cooder?

20.03.2010 ·  Oft wurde er als Entdecker fast versunkener Klangkulturen gefeiert. Ry Cooder selbst sieht sich bloß als jemand, der gern Musik macht. Mit Peter Kemper spricht er über sein neustes Projekt, das Musik aus der ganzen Welt vereint.

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Gerade hat er mit den „Chieftains“; in Dublin sein neuestes Musikprojekt vorgestellt: alte irisch-mexikanische Musik. Ry Cooder, mit dunkler Brille und breitkrempigem Hut getarnt, ist von der Reaktion des Publikums sichtlich gerührt.

Sie wurden oft als Entdecker fast versunkener Klangkulturen gefeiert. Verstehen Sie sich selbst als eine Art musikalischer Goldgräber?

Nein, das ist lächerlich, weil es vermessen wäre! Ich bin bloß jemand, der gern Musik macht, zu Hause sitzt, Geschichten sammelt und dazu Gitarre spielt. Ich warte dann, dass das Telefon klingelt oder jemand mit einer Idee vorbeikommt. Manchmal kommt mir selbst ein Einfall, der all die verstreuten Empfindungen, Gefühle und Erinnerungen zusammenbringt. In meinem Alter lässt man die Dinge auf sich zukommen und hofft, dass man die Rechnungen bezahlen kann.

Aber ist es Ihnen nicht immer wieder gelungen, traditionelle Musiken vor dem Vergessen zu bewahren? Ich denke an den „Buena Vista Social Club“, Ihren Mali-Blues mit Ali Farka Touré oder die Aufnahmen von alten, hawaiianischen Slack-Key-Gitarristen.

In Wahrheit ist das ein aussichtsloses Unterfangen. Ich weiß um die Vergeblichkeit meines Tuns, und trotzdem versuche ich es immer wieder. Mit der Musik ist es schon komisch: Eine Zeitlang wird sie von ihrer Zeit getragen, dann verändert sich der Geschmack. Die traditionelle mexikanische Musik ist beispielsweise höchst gefährdet. Sie wird gerade von angloamerikanischen Popmusikformen ins Abseits gedrängt. Alles, was ich als Musiker dagegen tun kann, ist zu sagen: Moment mal, ich liebe diesen Musikstil, ob das nun ein Akkordeonsound ist oder ein wundervoller Bolero-Rhythmus - und ich mache damit weiter, egal, ob der Rest der Welt den Weg des Mittelmaßes geht!

Das klingt so, als wäre für Sie der Mainstream per se eine korrumpierte Musik?

Bezogen auf die Vielfalt der Weltmusik, stimmt das auch. Einmal für den Markt entdeckt, werden die ethnischen Musiken auf Tempo getrimmt, mit den Segnungen der Elektronik ausgestattet und zu billigem Plastikmüll gemacht. So ist das Geschäft. Ich glaube deshalb nicht, dass man Musikstile wirklich vor ihrer Ausbeutung und dem anschließenden Vergessen schützen kann; das klappt allenfalls mit Musikkonserven, aber nicht in gelebten Musikkulturen. Wir müssen dankbar sein für die Gnade all dieser Schallplatten, die man uns geschenkt hat: Milliarden von Artefakten der Erinnerung. Man kann regelrecht in diese altertümlichen Aufnahmen eintauchen, quasi darin leben, sie immer wieder hören - so, wie ich es mache. Dabei ist das Plattengeschäft heute kaputt, das gibt's ja gar nicht mehr!

Und doch erscheint das „San Patricio“-Projekt gerade als Album. Welche Bedeutung hat es für Sie persönlich?

Der Mexikanische Krieg von 1848 war, wie es so schön heißt, das Jahr der Entscheidung: Würde das Land die Sklaverei abschütteln können, würde es frei sein? Und wie würde die amerikanische Nation nach der Okkupation von Kalifornien aussehen? James K. Polk, der damalige Präsident, war ungeheuer ehrgeizig, paranoid und intrigant - eine Art Nixon des neunzehnten Jahrhunderts. Den Kongressabgeordneten hat Polk damals gesagt: Wenn ihr den Mexikanischen Krieg nicht unterstützt, seid ihr unpatriotisch! Damit hatte er eine extrem effektive Form von Einschüchterung gefunden: frömmelnden Amerikanismus. Das begann alles mit ihm.

Sehen Sie also Parallelen zwischen dem Mexikanisch-Amerikanischen Krieg und dem militärischen Engagement im Irak?

Absolut! Auch damals unterstützten weder Öffentlichkeit noch Kongress den Krieg. Polk konnte kaum das nötige Geld aufbringen, um ihn zu führen. Auch die Generäle standen mehrheitlich nicht hinter ihm. Also versuchte er, die widerspenstigen Offiziere und den aufmüpfigen Kongress loszuwerden. Er wollte zum Beispiel den mexikanischen Ex-Präsidenten Santa Anna kaufen, der in Amerika im Exil lebte. Aber der wollte nicht nur viel Geld haben, sondern auch die offizielle Rückendeckung der Amerikaner - wenn er nach Mexiko zurückginge. Polk erschien das zunächst zu provokant, aber dann fand er doch einen Weg, auf dem Santa Anna im geheimen Doppelspiel von Mexiko aus die Vereinigten Staaten unterstützen konnte.

Aber welche Verbindung gibt es zwischen den San Patricios und der heutigen Situation in Amerika?

Vor zehn Jahren kam Paddy Moloney von der irischen Musikgruppe Chieftains zu mir und erzählte mir von den San Patricios. Ich hatte noch nie etwas von dieser Episode gehört und habe gleich angefangen, die Hintergründe zu recherchieren. Als Paddy mich dann fragte, ob wir das Album nicht gemeinsam machen sollten, war ich sofort Feuer und Flamme. Die Dinge an der mexikanischen Grenze hatten sich inzwischen verschlimmert: die Mauer, die Militarisierung, der Drogenhandel, die Ausbeutung von mexikanischen Arbeitskräften, die Billiglöhne, ohne Kündigungsschutz, ohne gewerkschaftliche Rechte. Die Geschichte der San Patricios bot mir die Chance, ein musikalisches Schlaglicht auf die Gegenwart mit ihrer Konfusion und endlosen Propaganda zu werfen. In Amerika geht es heute mit der Bildung bergab, die wirklich relevanten Informationen fehlen dem Durchschnittsamerikaner. Jeder fragt sich: Was läuft hier schief? Wir haben einen neuen Präsidenten gewählt, warum wird es nicht besser? Die Mehrheit der Menschen scheint orientierungslos.

Kann diese Konfusion überwunden werden, indem man sich an historische Ereignisse erinnert und aus der Geschichte lernt?

Ich denke schon. Ein Hauptgrund für die aktuelle Verwirrung liegt meiner Meinung nach darin, dass die meisten Menschen ihre Geschichte nicht kennen. Sie wissen kaum etwas über die Vergangenheit der Nation, des Ortes, an dem sie leben, über die politische Geschichte. Sie verstehen deshalb auch nicht, wie Politik funktioniert. Natürlich ist das alles ungeheuer schwer zu durchschauen. Gerade jetzt werden die Leute von ihren Alltagsproblemen beherrscht, von der Gefahr des Arbeitsplatzverlusts, des Wohnungsverlusts. Wir kennen den Begriff Solidarität nicht mehr, das Gefühl der Zusammengehörigkeit, den Glauben an ein gemeinsames Ziel. Mir fällt der schwarze Schriftsteller und Bürgerrechtler James Baldwin ein, der die Idee der Demokratie als Aberglauben bezeichnete. Dieser Aberglaube mache den Leuten weis, ihre Stimme hätte irgendeine Bedeutung, sie hätten in der Regierung ein Mitspracherecht. Der aufrechte Abraham Lincoln konnte noch an dieses demokratische Ideal glauben, heute scheint es sich zu einer Wahnvorstellung verflacht zu haben.

Wie kann Musik unser historisches Gedächtnis stimulieren?

Ein Vorteil populärer Musik besteht darin - das hat Pete Seeger immer betont -, dass man in ein Zimmer voller Menschen gehen und mit einem vierminütigen Song praktisch jedes Thema erhellen kann. Man kann Menschen durch ein Lied vereinen, es kann sinnstiftend sein und ein Verstehen aus gegenseitiger Betroffenheit anregen. In Mexiko gibt es die Band Los Tigres del Norte, die auch auf dem San Patricio-Album zu hören ist. Diese Musiker sind epische Botschafter einer Musik der Gerechtigkeit, ganz im Sinne Pete Seegers.

Sie sind ein leidenschaftlicher Liebhaber der mexikanischen Musik-Tradition.

Seit meinen Anfängen habe ich mich damit beschäftigt. Im Übrigen ist Los Angeles heute fast eine mexikanische Stadt, das spürt man an allen Ecken. Deshalb sagte ich Paddy Moloney auch, ich würde ihm bei dem Album gern helfen, die mexikanische Musik in die irische Soundpalette zu integrieren. Es funktionierte wunderbar. Nicht zuletzt deshalb, weil Paddy, wenn er sich einmal in eine Sache verbissen hat, nicht mehr loslässt. Obwohl er wie ein kleiner, alter Mann wirkt, ist er noch immer ein Energiebündel.

Es gibt aber nur ein einziges Lied auf der Platte, das sich direkt mit dem Thema des San-Patricio-Bataillons beschäftigt. Warum?

Mein Lied The Sands of Mexico handelt von dem Brief eines irischen Soldaten, der nach Hause an seine Liebste schreibt. In der Fremde ist er zum Prediger, zum frommen Mann geworden, der nach Halt und Richtung sucht. Die Bibel wurde für ihn so etwas wie die Straßenkarte seiner Seele. Er fühlte sich in keiner Gemeinschaft mehr aufgehoben, es fehlten ihm die Freunde, die vertraute Umgebung. Die San Patricios waren allesamt sehr einsam und verlassen - so weit weg von zu Hause. Ihnen ging es wie heute den amerikanischen Soldaten im Irak: von allen Sicherheiten abgeschnitten. Ich fand, ein solcher Schlüsselsong gehörte auf das Album, damit die restlichen Stücke sich kaleidoskopartig um ihn herum gruppieren konnten. Andernfalls hätten wir zwar die atmosphärische Umgebung der San-Patricio-Episode hörbar gemacht, aber der Mittelpunkt des Ganzen hätte gefehlt. Es existiert ja keine Musik mehr aus der damaligen Zeit. Wir können nicht genau wissen, was die irischen Soldatenmusiker damals mit ihren mexikanischen Waffenbrüdern gehört und gespielt haben. Deshalb haben wir versucht, eine musikalische Impression der damaligen Zeit zu erschaffen, eine Art situatives Klangbild. Ich musste aufpassen, dass mein Song nicht didaktisch klang, wie ein College-Kurs. Ein Lied muss ein Lied bleiben, es darf nicht zu einem Buch werden.

Nun sind Sie ja in erster Linie ein begnadeter Gitarrist und erst in zweiter Linie Sänger.

Ich habe deshalb versucht, diesen Song eher wie eine Rezitation klingen zu lassen. Ich musste versuchen, das Lied so zu singen, wie es ein Soldat in seiner Isolation damals vielleicht auch getan hätte. Mein Gesang durfte keine komplizierten Schnörkel und Verzierungen enthalten. Es ging nur darum, die Geschichte zu erzählen. Das traute ich mir als Sänger gerade noch zu, ich bin ja kein toller Stimm-Performer.

Sie haben gesagt, das Album sei keine Studio-, sondern eine „Erfahrungsplatte“.

Man muss diese Musik erfühlen. Sie schlägt den Bogen von der irischen Musik mit ihren Tänzen, ihrer Bewegungsenergie und ihren historischen Bildern - all das ist ja in den wunderbaren Melodien enthalten - zur mexikanischen Musik, die eine Form gemeinschaftlichen Erlebens ist, keine klassische Form, sondern ein soziales Ereignis. Zwischenmenschliche Kommunikation durch musikalischen Ausdruck, darum geht es! Diese soziale Komponente verleiht der Musik einen Realitätsgehalt, den man sich bildlich vorstellen kann.

Am bekanntesten dürfte in Europa die Mariachi-Musik der mexikanischen Folklore sein.

Die Musik der Mariachi, wie wir sie heute kennen, ist eine vom Staat produzierte Form. Ein Mariachi-Ensemble hat nicht nur unterschiedlichste Folklorestile im Programm. Die schwarzen Charro-Anzüge der Musiker, ihre großen Sombreros, ihre reich verzierten Stiefel - all das wurde sorgsam entworfen. Auch die Rancheras, die von Marachi-Gruppen gespielt werden, hat der Staat kodifiziert und vereinheitlicht. Original-Mariachis dagegen, in weißen Anzügen, berufen sich auf die Campesino-Ursprünge ihrer Musik, und die haben viel mit Improvisation zu tun.

Warum hatte die mexikanische Regierung ein Interesse am dieser Standardisierung?

Sie wollte die Musik von ihrer Indio-Vergangenheit befreien. Dieses Indio-Image schien nicht gut fürs Geschäft zu sein. Deshalb hat man sich eine Tradition mit größerer Ausstrahlung und nationaler Geltung zusammengebastelt. Mariachi-Musik repräsentiert in der Regel gutes Handwerk. Aber als kommerzielle Variante einer viel älteren Tradition ist sie nicht besonders stark verwurzelt.

Sie verarbeiten auf dem „San Patricio“-Album verschiedenste musikalische Einflüsse: aus Mexiko, aus Irland, aber auch aus Kuba, Afrika und Südamerika.

Die große Spannweite der Musik auf diesem Album - von Linda Ronstadt über Lila Downes, Los Folkloristas, Carlos Núñez und Van Dyke Parks bis zur einundneunzigjährigen Ranchera-Sängerin Chavela Vargas - erklärt sich aus dem Fehlen eines festen Plans. Diese Platte muss ja nichts beweisen. Es geht allein um die Überzeugungskraft der Musik. Die Hörer sollen die Lieder akzeptieren, im besten Fall sogar lieben können.

Die Fragen stellte Peter Kemper.

Quelle: F.A.Z.
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