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Im Gespräch: Grandmaster Flash Dürfen Ihre Kinder Hiphop hören, Mister Saddler?

29.11.2009 ·  Er nennt sich Grandmaster Flash und hat vor dreißig Jahren den Hiphop und die DJ-Kultur mit erfunden. Ein Gespräch mit Joseph Saddler über seine Autobiographie, Rap, Labels und ein neues Album.

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Man solle, so wurden wir gewarnt, Joseph Saddler bloß nicht als „Rapper“ bezeichnen, er könnte ungemütlich werden. Aber dann ist der Mann, der sich Grandmaster Flash nennt, seit er vor dreißig Jahren den Hiphop und die DJ-Kultur mit erfand, doch ein angenehmer Gesprächspartner.

Sie haben gesagt, Ihre Autobiographie zu verfassen sei die schmerzlichste Erfahrung Ihres Lebens gewesen.

War es auch. Ich habe noch nie so viel am Stück geweint. Während der Interview-Sitzungen mit meinem Koautor David Ritz mussten wir immer wieder Pausen machen - weil mich alle Niederlagen meines Lebens eingeholt haben: die geplatzten Plattenverträge; die Drogensucht; die Enttäuschung, dass mich meine besten Freunde betrogen hatten. All das hatte ich in einer Art innerem Tresor weggesperrt. Erst als wir nach einigen Wochen durchwaren, habe ich gemerkt, dass eine große Last von meinen Schultern gefallen war.

Eine Autobiographie als Therapie?

Mir hat es geholfen. Das habe ich gemerkt, als ich das neue Album aufgenommen habe: Alles ging viel leichter von der Hand, weil ich die alten Schmerzen nicht mehr gespürt habe. David hat sie mir gezogen wie einen faulen, kaputten Zahn. Mit dem Buch gehört meine Geschichte nun allen. Ich habe nichts ausgelassen. Wenn jemand mich einen Ex-Junkie oder sonst etwas nennt, soll er das ruhig tun.

Mit den DJs Kool Herc und Afrika Bambaataa zählen Sie zu den Begründern des Hiphop. Reich geworden sind die Rapper - vor allem jene, die nach Ihnen kamen. Ärgert Sie das?

Ich kann mich nicht beklagen: Jeder im Hiphop begegnet mir mit Respekt - von den Fans bis zu Superstars wie Jay-Z. Ich finde auch nicht, dass mir irgendjemand irgendetwas anderes als Respekt schuldet. Genau das war ja mein Problem: Ich habe viel zu lange geglaubt, dass ganz viele Leute mir etwas schulden. Ich war verbittert. Ich kam nicht hinweg über falsche Freunde und fehlende Anerkennung. Sugar Hill Records hatte die Musik von Grandmaster Flash & The Furious Five millionenfach verkauft. Abgespeist haben die uns mit ein paar Autos. Ich fühlte mich vom Leben betrogen.

Wie sind Sie da wieder herausgekommen?

Indem ich gelernt habe, mich als jemanden zu sehen, der trotz allem unheimlich reich beschenkt wurde. Als DJ habe ich die Möglichkeit, Leute überall auf der Welt zum Ausflippen zu bringen - Leute, deren Sprache ich nicht einmal verstehe. Wenn das kein Geschenk Gottes ist, was dann? Und Geld verdiene ich dabei auch noch. Wenn jemand das machen kann, was er liebt, und das liebt, was er beruflich macht, regelt sich alles Weitere von selbst. Davon bin ich mittlerweile überzeugt.

Vor einem Interview mit Ihnen wird man davor gewarnt, Sie als "Rapper" anzusprechen. Kommt es wirklich vor, dass der Begründer des DJ-Wesens im Hiphop immer noch als Rapper bezeichnet wird?

Nicht mehr so häufig. Mittlerweile wissen die meisten Gott sei Dank, was ich mache und was einen Rapper von einem Hiphop-DJ unterscheidet. Aber den Ausdruck "Rap" als Synonym für Hiphop habe ich noch nie gemocht.

Warum nicht?

Weil er die drei anderen Elemente unterschlägt, die zusammen mit dem Rap den ganzen Hiphop ausmachen: das Breakdancing, die Graffiti und das DJ-Wesen. Wenn es nach mir geht, sollten live mindestens zwei dieser vier Elemente auf der Bühne vertreten sein.

Das kommt nur noch selten vor.

Leider. Immer mehr MCs rappen über ein Backgroundband. Sie glauben, sich den DJ sparen zu können, oder haben Angst, dass es mit einem DJ nicht so perfekt wie vom Band klingt. Das ist dann leider das Gegenteil von live. Das ärgert mich genauso wie jene, die so tun, als ob der Hiphop erst in den Achtzigern entstanden wäre, als hätten die Plattenfirmen angefangen, ihn aufzunehmen. Das ist so, als würde ich meiner Tochter zum Einschlafen ein Märchen erzählen, aber nicht mit "Es war einmal" beginnen, sondern irgendwo in der Mitte.

Blendet Grandmaster Flash, die DJ-Legende, Joseph Saddler, den Familienvater, bei der Arbeit aus?

Im Gegenteil. Meine Kinder sind meine schärfsten und besten Kritiker. Manchmal sagen sie: Dad, das klingt aber verdammt nach Old School, was du da machst. Dann muss ich mich rechtfertigen oder auf sie hören. Ich will schließlich auch die Jungen erreichen. Wenn ich einen neuen Track abspiele und meine neunjährige Tochter fängt zu tanzen an und mein achtzehnjähriger Sohn lässt seinen Computer links liegen, weiß ich, dass ich richtigliege.

Und wie halten Sie es als Vater mit all dem, was dem Hiphop so vorgeworfen wird - die drastische Sprache, Gewalt, Sex, Materialismus?

Klar, es gibt einen Konflikt: Einerseits finde ich, dass jeder über das singen oder rappen sollte, worüber er will. Andererseits entstehen manchmal Videos und Songs, von denen ich als Vater nicht möchte, dass das meine Tochter hört oder nachsingt. Aber dieses Problem gab es schon immer, seit es Medien gibt.

Und wie gehen Sie damit um?

Als Hiphop-Künstler, indem ich dafür sorge, dass eine Nummer von meinem neuen Album wie "Bounce Back featuring Busta Rhymes" nicht als Single veröffentlicht wird, damit sie kaum Chancen hat, im Radio gespielt zu werden. Und wenn ich als DJ auftrete, steht in meinem Vertrag, dass nur Leute, die älter als achtzehn sind, in den Club dürfen.

Und was machen Sie, wenn Ihre Tochter über einen Song einen deftigen Ausdruck oder Fluch aufschnappt?

Erst einmal gilt: In meinem Haus wird nicht geflucht. Außerdem will ich wissen, was meine Kinder hören. Wenn meine Tochter Songs nachsingt, achte ich immer auf den Text. Wenn diese merkwürdigen Lücken vorkommen, wo irgendwas oder irgendjemand "so und so" ist, weiß ich: Sie hört den richtigen Sender, den nämlich, der nur die jugendfreien Versionen spielt. Bei meinem Sohn ist das natürlich anders. Was soll ich dem noch vorschreiben?

Sehnen Sie sich manchmal in die analoge Zeit zurück, als es noch kein digitales Sampling gab und der DJ mit seinen Künsten der Einzige war, der einen spannenden Break ins Unendliche verlängern konnte?

Nein, auch weil ich weiß, dass ich und meine Vorgänger das Sampling erfunden haben. Danach hat man eben Maschinen gebaut, die genau das, was wir zuvor manuell gemacht haben, digital imitieren. Aber die Idee dahinter stammt von mir und ein paar Kollegen.

Sind Sie kein bisschen nostalgisch?

Nein. Ich möchte mit dem, was ich mache, immer am Groove der Zeit sein: I want to be now. Das Einzige, was immer gleich bleibt, ist das Vinyl. Alles andere - die Musik, die DJ-Sets, die Technik, der Hiphop - muss sich ändern. Deswegen mag ich auch nicht, wenn mich die Leute wie einen lebenden Mythos oder ein Stück Hiphop-Folklore behandeln. Das können sie lange genug, wenn ich tot bin.

Wie hat die Digitalisierung die Machtverhältnisse zwischen den Musikern und den Labels verändert?

Vollkommen. In den siebziger, achtziger Jahren gab es eine Handvoll Plattenfirmen, die wirklich zählten. Wenn dich davon keine unter Vertrag genommen hat, konntest du es gleich vergessen. Heute ist das anders: Ein Nobody, der bei sich zu Hause einen guten Song mit dem richtigen Groove zur richtigen Zeit aufgenommen hat, kann dank Internet innerhalb kürzester Zeit bekannt und erfolgreich werden. Dazu braucht er nicht einmal bei einem großen Label zu sein. Die Digitalisierung hat das Spielfeld eingeebnet.

Sie haben Ihr neues Album "The Bridge" auch bei sich zu Hause aufgenommen.

Für die Platte habe ich mir im Keller mein absolutes Traumstudio eingerichtet, mit jedem erdenklichen Schnickschnack. Meine Frau wirft mir immer noch vor, dass ich ein Vermögen dafür ausgegeben habe. Aber der Aufwand, den ich für das Album betrieben habe, wäre sonst niemals zu finanzieren gewesen. Über die meisten Songs bin ich dreißig Mal drübergegangen. Wann immer ich eine Idee hatte, konnte ich in den Keller gehen und daran arbeiten. Die besten Einfälle hat man ja oft, wenn man gerade in Unterwäsche oder im Schlafanzug steckt. Ich springe dann aus dem Bett, sage zu meiner Frau: "Schatz, ich muss ins Studio!"

Was steckt hinter dem neuen Album?

Ich wollte, dass man hört, woher ich komme: aus dem Old-School-Hiphop. Deswegen habe ich auch Weggefährten wie Grandmaster Caz eingeladen. Gleichzeitig wollte ich möglichst viele unterschiedliche Einflüsse, Sprachen und Kulturen haben, die ich höre und sehe, wenn ich als DJ um die Welt reise. Ich wollte über die amerikanische Szene hinaus. Auf "We Speak HipHop" rappen die heißesten MCs aus Japan, Frankreich, Spanien und Schweden zusammen mit KRS-One. Hiphop wird heutzutage eben überall gesprochen. Leider haben das viele Amerikaner noch nicht so richtig begriffen.

Akzeptiert DJ Grandmaster Flash mittlerweile auch Laptop-DJs?

Wenn die das Gleiche anstellen wie mit dem Vinyl, habe ich kein Problem damit. Ich bin mittlerweile selbst auf den Geschmack gekommen und kombiniere den Plattenspieler mit Musik aus dem Laptop. Am liebsten ist mir natürlich Vinyl. Aber so viel Vinyl kann man gar nicht mitschleppen, wie auf einen Laptop passt. Schon wegen der Gepäckkosten. Einmal musste ich am Flughafen zweitausendfünfhundert Dollar Zuschlag zahlen.

Braucht man wirklich so viele Platten?

Zu mir kommen die Achtzehnjährigen genauso wie die Vierzigjährigen. Ich muss dafür sorgen, dass alle ihren Spaß haben, tanzen und ausflippen. Am besten ist es natürlich, wenn alle gleichzeitig ausflippen - aber das schaffen nur ganz wenige Platten.

Wie viele Platten besitzen Sie denn?

Stellen Sie sich eine LP vor. Und dann hängen Sie ganz, ganz viele Nullen dran. Die genaue Zahl - keine Ahnung. Ich weiß nur, dass ich neben meinem Wohnhaus ein weiteres Haus gebaut habe. In dem einen Haus lebe ich mit meiner Familie, in dem anderen leben meine Platten.

Entdecken Sie überhaupt noch neue Musik, wenn Sie in Schallplattenläden herumstöbern?

Aber klar. Zuletzt hat mich ein Typ namens Strawinsky umgehauen.

Igor Strawinsky?

Genau der. Der unglaublichste Songschreiber, den ich je gehört habe. Im Hiphop produzieren wir lustige, wütende, traurige oder verliebte Nummern. Er steckt das alles in einen einzigen Song. Als ich "Rite of Spring" zufällig in einem Plattenladen angehört habe, fühlte ich mich wie in einem Karussell der Gefühle. Ich habe die Platte mitgenommen, um sie zu studieren.

Und haben Sie die Platte schon mal bei einem DJ-Set aufgelegt?

Das kommt noch. Erst einmal muss ich seine Struktur begreifen. Dann wird Grandmaster Flash eines Tages auch den richtigen Beat zu Strawinsky finden.

Die Fragen stellte Claus Lochbihler

Quelle: F.A.Z.
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