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Im Gespräch: Franz Ferdinand Haarscharf am Krawall

14.01.2009 ·  Alex Kapranos und Bob Hardy von der schottischen Band Franz Ferdinand über das Abenteuer, in fremden Städten auszugehen, das Risiko, vorm Konzert Curry zu essen, und über die Songs ihres neuen Albums

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Die Hedi-Slimane-Oberhemden, akkuraten Scheitel und die leichte Überheblichkeit ihrer Bühnenpersönlichkeiten hängen wohl noch in der Garderobe: Im Interview zeichnen sich der Bassist Robert Hardy, 28, und der Sänger Alex Kapranos, 36, der wohl bekanntesten europäischen Indie-Band Franz Ferdinand durch stilvolle Nachlässigkeit und Freundlichkeit aus. Auch ihr drittes Album „Tonight: Franz Ferdinand“ untermauert ihren Ruf als bestes Mod Revival der letzten Jahre. Ende 2003 hatten Franz Ferdinand - ihr Name geht auf den Thronfolger Österreichs zurück, dessen Mord als Auslöser des Ersten Weltkriegs gilt - gerade mal eine Single veröffentlicht und waren schon in aller Munde. Den eleganten, lässigen und zugleich fiebrigen Kunsthochschulen-Pop verdichtet das schottische Quartett nun auf seinem neuen Album. Obwohl insgesamt elektronischer, fällt der markante Bass von Hardy noch prominenter aus als zuvor. Und der ehemalige Koch und Universitätsdozent Kapranos, der in der Zwischenzeit seine wöchentliche Kolumne über die kulinarischen Tourabenteuer im „Guardian“ als Buch veröffentlicht hat, klingt nasal und sexy wie eh und je.

Wie liefen die drei Jahre seit der Bandgründung Ende 2001, bevor Sie über Nacht zum Liebling von Fans und Medien wurden?

Kapranos: Als wir zum allerersten Mal tourten, stand ein Konzert in Sheffield auf dem Programm. Im indischen Lokal nebenan konnten wir auf Rechnung des Veranstalters so viel essen, wie wir wollten. Wir hatten alle kaum Geld und dachten: „Großartig, wir füllen uns für die nächsten drei Tage ab.“ Später an jenem Abend, als ich versuchte zu singen, stand mir das Curry bis zum Anschlag im Hals.

Hardy: Seitdem essen wir nach Konzerten, nicht davor.

Seitdem haben Sie auch sehr viele Konzerte gegeben. Welches war das skurrilste?

Kapranos: Unser wildestes war auf alle Fälle in Neuseeland, in einem Theater. Eine wahre Invasion der Stagediver: Unablässig strömten Zuschauer auf die Bühne, um dann wieder zurück ins Publikum zu springen. Manche kletterten sogar an den Haltemasten der Lichtanlage hoch und ließen sich baumeln; weit und breit kein Sicherheitspersonal in Sicht. Das war wie die totale Anarchie.

Hardy: Es ist immer großartig, wenn ein Konzert haarscharf an einem Krawall vorbeischlittert.

Kapranos: Aber einmal, in São Paulo, mussten wir tatsächlich ein Konzert beim zweiten Song abbrechen: Mit „Do You Want To?“ hatten wir einen Riesenhit in Brasilien gelandet. Live schlug der Song ein wie eine Bombe: Das Publikum flippte total aus, eine Wand von Menschen drückte gegen die Absperrung vor der Bühne und gegen die Zuschauer in den ersten Reihen. Das war das einzige Mal, dass eine richtig böse Atmosphäre auf einem unserer Konzerte herrschte. Aber nach einer kurzen Pause beruhigte sich die Menge, wir konnten weiterspielen.

„You Could Have It So Much Better“ erschien 2005, „Tonight: Franz Ferdinand“ erst knappe vier Jahre später. Wie haben Sie die Zwischenzeit verbracht?

Hardy: Die vergangenen eineinhalb Jahre haben wir zusammen Musik gemacht: Lieder geschrieben, geprobt, aufgenommen. Wir haben weiter als Franz Ferdinand gearbeitet - nur eben nicht in der Öffentlichkeit.

Kapranos: Wenn es nichts zu sagen gibt, wieso sollten wir dann mit der Presse sprechen? Eine Weile fühlte ich mich nicht so wohl damit, mein Gesicht überall zu sehen. Jetzt haben wir eine neue Platte. Wir haben etwas zu erzählen. Es gibt Leute, die haben der Welt etwas mitzuteilen, und es gibt Celebrities. Letztere brennen darauf, im Fernsehen oder in der Zeitung aufzutauchen, ohne Grund. Damit wollen wir nichts zu tun haben.

Entspringt die lange Pause einer bewussten Entscheidung?

Hardy: Nach der Veröffentlichung unseres ersten Albums tourten wir fast drei Jahre um die Welt. Danach mussten wir uns erst einmal aus dem Weg gehen. Wir entschieden, uns eine Weile nicht zu sehen. Jeder sollte sein eigenes Leben führen. 2007 fingen wir dann wieder an, Musik zu machen, aber überstürzten auch nichts. Die Songs sollten sich entwickeln. Wir wollten nicht, wie beim zweiten Album, schnell Lieder schreiben, ins Studio hetzen und sofort aufnehmen.

Kapranos: Wir haben uns keine Frist gesetzt, sondern den Grundsatz: Wir brauchen so lange, wie wir brauchen. Wir nahmen zum Beispiel einen Song in fünf verschiedenen Versionen auf - das ist natürlich schon Luxus. „Lucid Dreams“ hatten wir vorab im Netz veröffentlicht, als tanzbare Nummer mit eingängigen Gitarrenriffs. Die Albumversion fällt wesentlich vertrackter aus. Wir haben mehr experimentiert als zuvor. „Ulysses“ etwa verglimmt mit einer elektronischen Improvisation. Außerdem haben wir nicht jede Spur einzeln aufgenommen, sondern das meiste zu viert live eingespielt.

Experimentierfreude und Publikumsgunst gehen ja nicht immer gut zusammen. Hatten Sie keine Angst, Ihre Fans vor den Kopf zu stoßen?

Hardy: Jeder Musiker, der behauptet, es interessiere ihn nicht, ob seine Musik dem Publikum gefällt oder nicht, erzählt Mist. Im vergangenen Jahr haben wir immer wieder einzelne Lieder der neuen Platte auf Konzerten ausprobiert. Wir spielten öfters kleine Gigs vor sechzig Leuten. Erreichen die neuen Songs unser Publikum? Funktionieren sie auf der Bühne? Was zündet, was überhaupt nicht?

Kapranos: Die Lieder haben sich dadurch stark verändert. Manche flogen raus, manche wurden komplett neu arrangiert. Für mich ist das ein natürlicher Prozess - fast wie bei unserem Debüt: Von den Liedentwürfen zur fertigen Albumversion haben wir auch ungefähr eineinhalb Jahre gebraucht. Eine gute Zeitspanne, um eine eigene akustische Identität zu entwickeln.

Und die wäre?

Kapranos: Wir haben versucht, den Sound unserer vorherigen Alben weiterzudenken: Also wieder tanzbare Beats, flammende Gitarren - aber auch jede Menge Synthesizer und Drum-Computer. Aber bei aller Innovationslust: Ich denke, unsere Zuhörer erkennen, dass es ein Album von Franz Ferdinand ist. Wir machen noch immer keine Dinner-Party-Musik.

Was verstehen Sie denn unter Dinner-Party-Musik?

Kapranos: Portishead zum Beispiel passt wunderbar, wenn ich Freunde zum Essen einlade.

Das klingt nach anstrengenden Abendessen. „Tonight: Franz Ferdinand“ wäre zumindest nicht so düster wie Portishead.

Kapranos: Unsere Musik und Essen gehen überhaupt nicht zusammen. Bob, findest du, unser Album passt zu Essen?

Hardy: Nein. Na ja, höchstens zu etwas, das man nachts isst. Essigchips zum Beispiel. Oder etwas ganz Leichtes, wonach man noch tanzen kann.

Kapranos: Wir machen die Art von Musik, die komplett losgelöst ist von Essen: „Tonight: Franz Ferdinand“ ist ganz klar Musik für die Nacht. Es geht um Hedonismus und Abstürzen, Flirten und Sich-Verlieren. Kurzum: das Ausgehglück, konserviert auf einer Platte. Wenn ich ausgehe, ist Essen das Letzte, was ich will. Ich denke überhaupt nicht an meinen Magen, eher an andere Körperteile.

Wenn Ihr Album vom Ausgehen handelt, dürfen natürlich auch Frauen nicht fehlen, zum Beispiel im Song „Live Alone“.

Kapranos: Viele meiner Freunde finden das Lied sehr deprimierend. Ich halte es für unbedingt optimistisch. Ich verspüre eben wie so viele andere den Drang, möglichst unabhängig zu sein. Oft denke ich: „Ach, ich würde lieber alleine leben, dann müsste ich mich nicht mit dem Alltagsärger einer Beziehung herumschlagen.“ Aber immer, wenn meine Freundin nicht da ist, vermisse ich sie trotzdem schrecklich. „Live Alone“ handelt von dem paradoxen Wunsch der ungebundenen Gebundenheit. Ich schreibe nicht zwangsläufig Lieder mit linearer Struktur. In dem Lied gibt es mehrere Gedankenströme ohne Zusammenhang, also auch viel Raum zur Interpretation. Wir machen Musik zum Tanzen - ohne banale Texte.

Wohin gehen Sie, wenn Sie ausgehen?

Kapranos: Ich liebe es, wenn mich ein DJ überrascht, zum Beispiel mit elektronischer Musik, von deren Existenz ich keine Ahnung hatte. Überhaupt bin ich ein großer Fan von Überraschungen. Deswegen gehe ich sehr gerne in Städten aus, die ich nicht gut kenne. Jemand schleppt mich in irgendwelche Läden, und wir erleben ein kleines Abenteuer. Das ist auch ein Thema unserer neuen Platte: Sich in der Nacht einer fremden Stadt zu verlieren - das liebe ich!

Haben Sie keine Stammkneipe?

Kapranos: Doch, natürlich. Zu Hause in Glasgow heißt unsere Stammkneipe „Nice 'n' Sleazy“. In Deutschland ist es die „8mm“-Bar in Berlin: Immer, wenn wir in der Stadt auftreten, landen wir dort.

Mir kommt es in der „8mm“-Bar oft so vor, als ob sich die Gäste als Band verkleiden würden. Wie ist es tatsächlich, als Mitglied einer bekannten Band auszugehen?

Hardy: Wenn wir touren und nach einem Konzert etwas trinken gehen, werden wir oft erkannt. Wir ziehen meist zu viert um die Häuser, da liegt es auf der Hand. Meistens finde ich es lustig, wenn uns jemand anspricht.

Kapranos: Je nach Laune gehen wir in einen Club, in dem uns niemand kennt, oder in einen, in dem die Gäste zu cool sind, zuzugeben, dass sie uns erkennen. Uns interessiert es nicht, in einem VIP-Bereich abzutauchen.

„What She Came For“, ein zackiges Gitarrenrockstück, spielt auch in einem Club. Darin singen Sie: „I got a question for you / Where'd you get your name from? / Do you feel the pressure? / Why you're wearing what you're wearing? / Where do you see yourself in five minutes time?“. Ein Song über langweilige Interviews?

Kapranos: Das Lied spielt mit der Idee, dass in einem Club eine enigmatische, unwiderstehliche, charmante Frau auftaucht - und ihr Vokabular dann leider das eines Journalisten ist, dessen Fragen nicht zu den einfallsreichsten zählen.

Hardy: Das Schlimmste am Musikerdasein ist, über die eigene Musik sprechen zu müssen. Zum Glück wurden wir schon eine Weile nicht mehr gefragt, was es mit unserem Namen auf sich hat.

Das Gespräch führte Christina Hoffmann.

„Tonight: Franz Ferdinand“ erscheint am 23. Januar bei Domino (Indigo).

Quelle: F.A.S.
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