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Sonntag, 12. Februar 2012
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Im Gespräch: Christian von Borries, Komponist Freiheit für Karajan!

03.08.2008 ·  „In den Neunzigern wurde der Sack zugemacht.“ Der Komponist Christian von Borries im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über das Urheberrecht in den Zeiten der Digitalisierung, DJ-Gewerkschaften und warum mit Tonträgern kein Geld mehr zu verdienen ist.

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„Das Sampeln ist eine uralte europäische Kulturpraxis“, sagt Christian von Borries. Das Urheberrecht für Musikaufnahmen hält er deshalb schon fast für Zensur: Will er einen Song der Beatles benutzen, muss er erst einmal Michael Jackson fragen. Der Komponist im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über DJ-Gewerkschaften und warum mit Tonträgern kein Geld mehr zu verdienen ist.

Auf Ihrer Visitenkarte steht „Music made from other Music“, Sie gehören zu den Unterstützern einer Protestresolution an den Präsidenten der Europäischen Kommission. Es geht um Pläne für eine Verlängerung der Urheberrechte auf Tonträger von fünfzig auf fünfundneunzig Jahre. Dieser „Beatles and Karajan Extension Act“ beschneide die künstlerische Kreativität, heißt es. Das sind zwei Dinge, die Sie uns bitte erklären müssen.

Demnächst würden normalerweise viele wichtige Aufnahmen rechtefrei, die vor fünfzig Jahren entstanden sind, nämlich vor allem die der Beatles und die von Karajan. Aber jetzt gibt es eine Gesetzesinitiative in der EU, die diese Rechte auf 95 Jahre verlängern will. Deshalb diese ironische Bezeichnung. Künstlern, die mit Aufnahmen aus der Vergangenheit arbeiten, werden dadurch die Hände gebunden.

Was macht man denn als Künstler mit einer Beatles-Platte?

Der kanadische Komponist John Oswald zum Beispiel, der Verfasser von „Plunderphonics“. . .

. . . Untertitel: Audio Piracy as a Compositional Prerogative . . .

. . . der hat Stücke gemacht, die auf Beatles-Songs beruhen, die aber aus rechtlichen Gründen nie veröffentlicht werden konnten. Das Sampeln ist eine uralte europäische Kulturpraxis. Man bezieht sich auf etwas, man verändert es, man macht etwas Neues draus. Im Moment ist es so: Wenn ich ein Beatles-Sample benutzen möchte, muss ich den Rechtebesitzer - das ist, glaube ich, immer noch Michael Jackson - fragen. Das wird schnell zu einer Art von Zensur, denn der kann immer sagen: Nein, passt mir nicht.

Mal versucht, aus der Sicht derer zu argumentieren, die das Gesetz wollen: Spricht aus dem Vorhaben nicht Respekt für diejenigen, die ein Werk geschaffen haben und sich dagegen verwahren möchten, dass es „weiterverarbeitet“ wird? Und wäre es der Kreativität vielleicht sogar förderlich, wenn Künstler gezwungen würden, eigene Bäume zu pflanzen, statt an den alten herumzuhantieren?

Die Frage ist, ob man den Unterschied so machen kann. Ich habe im Palast der Republik mit großem Orchester einen Soundtrack der deutschen Geschichte gemacht, Stockhausen mit Wagner und Eisler kurzgeschlossen, das gab es noch nie! Ich würde sagen, jede künstlerische Äußerung beruht immer auf Erfahrungen, im Zweifelsfall kulturellen.

Kulturelle Bezugspunkte zu haben ist nicht verboten.

Richtig, es ist aber die Frage: Wie explizit dürfen die sein im Zeitalter der Digitalkopie. Ich kann digitale Eins-zu-eins-Kopien machen, und ich habe eine preiswerte Software, mit der ich diese Sachen weiterverarbeiten kann. Die technischen Möglichkeiten haben sich verändert. Wenn ich aber gleichzeitig das Urheberrecht verschärfe, dann tue ich etwas Paradoxes: Das widerspricht dem Stand der Technik und den Möglichkeiten, die ja auch die Denkweise von Künstlern verändern. Aber es wird nichts nützen, Urheberrechte werden fallen. Herr Schäuble kann schlecht die ganze Bevölkerung kriminalisieren, nur weil sich Lobbyverbände das so wünschen!

Es sind ja nicht nur die Lobbyisten der Kulturindustrie, die sich mit der freien Verwendung fremden Materials schwertun; Millionen braver Abonnementsinhaber beklagen das, was auf der Bühne „Regietheater“ heißt.

Peter Stein kann ja weiter seine Originalfassung aufführen, das ist jedem unbenommen. Die Möglichkeit hermeneutischer Werktreue wird durch die Legalisierung des freien Gebrauchs von Quellen nicht verhindert. Ich möchte aber auch künstlerische Aussagen machen dürfen, die im weitesten Sinne in der Tradition des Regietheaters stehen, mit „Cut-up“-Techniken und Samplings. Hip-Hop in den frühen neunziger Jahren beruhte noch auf Samples, die explizit erkennbar waren. Das ist Mitte der neunziger Jahre komplett verschwunden, weil diesen Leuten der Prozess gemacht wurde. Der Grund, warum Hip-Hop diese Samples benutzt hat, lautete nicht: Wir klauen dem was, oder: Wir setzen uns auf die drauf; sondern es war eine Respektsbekundung, es war die Aussage: Da kommen wir her. Möglicherweise möchte ich ja ein paar Takte Karajan benutzen, weil ich sagen will: Das ist ein Einfluss, oder: Das ist das erste Beispiel kommerzieller Klassik oder ein Klangbezug aufs Dritte Reich! Warum soll ich daran gehindert werden, sie aussprechen zu können?

Die Gruppe Laibach hat mal eine ganze Platte gemacht, auf der Beatles-Songs weiterverarbeitet wurden, und zwar so, dass Paul McCartney keine Freude daran gehabt haben kann. Wieso durften die das?

Das war noch in den Achtzigern, und in den Achtzigern wurden diese Sachen noch nicht rechtlich verfolgt. Computertechnik und Digitalkopien sind Phänomene der neunziger Jahre. Und da wurde dann auch urheberrechtlich sozusagen der Sack zugemacht.

Ist es aber nicht gerade im Interesse von Musikern, wenn die Plattenindustrie da auf Schutz drängt, und zwar im ganz materiellen Interesse?

Die Musikindustrie behauptet gerne, dass es um Studiomusiker gehe, die alt und bedürftig und auf das Geld angewiesen seien. Aber das stimmt nicht, weil sie die Rechte für ihre künstlerische Tätigkeit gegen eine Einmalzahlung an die Plattenfirma abgetreten haben. Das ist in 99 Prozent der Fälle so.

An welchen Aufnahmen lässt sich denn nach so vielen Jahren überhaupt noch etwas verdienen?

An den Klassikern, die sich auch vorher schon gut verkauft haben. Letztlich stützt man mit der Gesetzesinitiative nur die, die ohnehin schon reich sind. Die kleinen Produktionen berührt das gar nicht. Die werden aber verschwinden, wenn sie sich auf Neuausgaben etwa des Erbes von Furtwängler oder Toscanini spezialisiert haben. Es gibt ja empirische Untersuchungen darüber, dass in dem Moment, wo bestimmte Stücke frei werden, sofort ein viel größeres und variantenreicheres Angebot an Aufnahmen auf dem Markt ist.

Aber mit Bestsellern finanziert man die Kleinen; wäre es nicht an der Zeit, dass auch querulatorische Künstler ein bisschen Mitgefühl für die darbende Plattenindustrie zeigen?

Nein, um die muss man sich keine Sorgen machen, die diversifizieren ja, die veranstalten jetzt zum Beispiel auch Live-Auftritte. Tonträger sind im Prinzip nur noch ein Werbemittel. Das hat die Plattenindustrie erkannt. Man sollte sich eher Sorgen um eine Kulturpraxis machen, die verboten werden soll. Es ist der kulturelle Reichtum, zugegebenermaßen der eher kritische, der da zur Disposition steht. Meine Partitur für die letztjährige Documenta zum Beispiel, die sich mit der Geschichte politischer Musik beschäftigt hat, wäre dann verboten, weil ich verschiedenste Nachkriegsaufnahmen benutzt habe.

Es geht schon auch ums Prinzip?

Natürlich ist das Thema grundsätzlich interessant, weil es auch die Frage nach Eigentumsrechten stellt, und beim Eigentum ist in der kapitalistischen Gesellschaft natürlich das Ende der Fahnenstange schnell erreicht. Es gibt Aktivisten in der Szene, die sagen, wir greifen Eigentumsrechte an und damit das Grundprinzip des Kapitalismus; wir ziehen hier einen Baustein raus - mal gucken, ob das ganze Ding nicht anfängt zu wackeln. Das gibt es, klar. Geistiges Eigentum ist schon im neunzehnten Jahrhundert ein handelbares Gut geworden wie eine Flasche Milch. Wie funktioniert das aber bei einer Digitalkopie? Letztlich ist der entscheidende Punkt der: Urheberrechte sind eine Einschränkung von Freiheitsrechten.

Sicher?

Über kurz oder lang werden Urheberrechte verschwinden, weil sie nicht durchsetzbar sind. Es gibt Bücher im Netz, es gibt Tonträger im Netz, Filme. Alle Leute benutzen das, alle Leute laden sich Sachen herunter, das Netz ist ein riesiges Nachschlagewerk. Je jünger sie sind, umso selbstverständlicher ist ihnen die Praxis. Was bisher passiert ist: Einzelne werden exemplarisch bestraft, plötzlich kriegt ein 15-jähriger Schüler oder 18-jähriger College-Student in Amerika eine Klage über 50 000 Dollar, weil er irgendwo ein paar Lieder heruntergeladen hat. Dann schlagen die Leute die Hände über dem Kopf zusammen, Eltern ermahnen ihre Kinder: Ladet bloß keine Inhalte runter. Aber das ist nicht zu verhindern. Dann musst du das Internet ausschalten. Die Musik- und Filmindustrie und die EU mit ihren Gesetzgebungen rennen dem Internet hoffnungslos hinterher, aber auch Musiker. Ich habe jetzt von Leuten gehört, die elektronische Musik machen - sie wollen eine Gewerkschaft gründen. In welchem Jahrhundert leben die? Eine Gewerkschaft gründen, für eine unsolidarische Klientelpolitik?

Verdi für DJs?

Sie sind stinksauer und fühlen sich in ihrer Existenz bedroht, weil die große Sause der Neunziger vorbei ist. Deren Sachen stehen im Internet, alle können sie haben, und sie wollen eine Gewerkschaft gründen, damit sie ihre Rechte besser vertreten können. Die wollen Kongresse machen, die heißen dann: Audio Poverty. Solche Sachen passieren jetzt. Die laufen einem Zug hinterher, der mit 300 Stundenkilometern durchs Land fährt. Man muss sich was anderes überlegen.

Sollen Musiker von vornherein auf ihr Geld verzichten?

Eine Kompensation könnte zum Beispiel darüber geregelt werden, dass Internetzugänge einer bestimmten Besteuerung unterliegen, die dann ausgeschüttet wird an die Urheber. Oder man tritt live auf. Mit Tonträgern ist kein Geld mehr zu verdienen.

Die Digitalisierung befördert den Rollback zum extrem Analogen?

Und zum Auratischen! Ich würde sagen, das war in den letzten Jahrzehnten auch unterbewertet, das Auratische. Erinnern wir uns noch an den Laptopmusiker, der eventuell seine Mails gecheckt hat auf der Bühne? Warum sind in Berlin zweihunderttausend Leute bei Obama gewesen? Das haben alle Fernsehsender der Welt übertragen. Warum haben die sich nicht vor die Glotze gehockt? Der einzige Grund ist das Auratische, kein anderer fällt mir ein. Es war heiß, es war voll, du hast eine Stunde bei der Leibesvisitation verbracht . . . Warum tun die Leute sich das an, die vielen jungen die da waren? Und warum gehen Leute zu Madonna, die playback singt?

Klingt so, als lachte die Zukunft ausgerechnet den Kulturkonservativen . . .

Mal sehen.

Das Gespräch führte Peter Richter.

Quelle: F.A.S.
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Von Martin Otto

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