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„Hot Sauce Committee Part II“ Zurück aus der Zukunft

 ·  Dokumente allerbester Laune: Die Beastie Boys melden sich mit einem neuen Album und dem Kurzfilm „Fight For Your Right - revisited“ zurück. Fünfundzwanzig Jahre nach ihrem Durchbruch ist das ein riesengroßer Spaß voll Nostalgie.

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Das muss Glück sein: Ganz oben zu sitzen und großzügig auf den Rest der Welt hinabzuschauen. Wie Tibet über den Dingen zu schweben und gelegentlich mal was herauszuhauen, einen Konzertfilm, eine Instrumentalplatte, ein Festival für den Dalai Lama, Zeitschriften, in denen Artikel über die Adidas-Kollektionen der siebziger Jahre und Moog-Synthesizer und Bruce Lee stehen, und ab und zu wieder ein richtiges Album, in solchen Abständen aber, dass die Sehnsucht im Rest der Welt inzwischen stark genug geworden ist und die Dankbarkeit programmiert, wenn auch nicht einkalkuliert: Denn die Platten sind dann immer so gut, dass es nichts mit Verknappung zu tun hat, wenn man sie so liebt, die Beastie Boys.

Und die Leute lieben die Beastie Boys. Gehen Sie auf die Straße und halten Sie nur wahllos Menschen zwischen 25 und 45 an, die allermeisten werden sagen und manche werden sogar seufzen: die Beastie Boys. Und dann, mit einem Leuchten in den Augen: Damals war's. Weißt du noch. Kennst du schon. Den neuen Song, das Video dazu, wie machen die das nur. So ist das: Leute, die nicht tanzen können oder Humor haben, Leute, die sonst absolut nichts mit Hiphop anfangen können, und Leute, die es tun, lieben die Beastie Boys.

Es gibt sechzehn weitere, sehr vernünftige Gründe dafür auf „Hot Sauce Committee Part II“: Seit Freitag ist die neue Platte im Handel, die erste mit Raps seit sieben Jahren, ein Dokument allerbester Laune, gleich mit dem ersten Stück bricht sie aus. „Make Some Noise“ heißt es, ein Songtitel, der gut auch auf eine der älteren Platten gepasst hätte und mit einer genialen Umdrehung im Text auch auf eine dieser älteren Platten anspielt, auf die allererste nämlich: „We got a Party on the Left, a Party on the Right, we have a Party for our motherfucking Right to Fight.“ Und bam! ist es 1986.

25 Jahre zurück

Damals hatten die Beastie Boys - also Mike D, MCA und Ad-Rock, eben noch waren sie drei jüdische Punkrocker aus Brooklyn - auf „License to Ill“ wie kaum eine zweite und erst recht keine weiße Crew gezeigt, dass und wie lustig Hiphop ist. Und deswegen nahm sie erst mal keiner für voll. Angeblich ist der amerikanische Hiphop ja historisch und sehr ernst geteilt in Ostküste und Westküste. Man könnte aber auch sagen: Eigentlich verläuft der Riss im Hiphop zwischen den Rappern mit Humor und denen ohne, dann wären auf der einen Seite Leute wie Snoop Doggy Dogg, Busta Rhymes, Run DMC und die Beastie Boys und auf der anderen Puff Daddy, Public Enemy, Kanye West und Eminem.

Die erste Single von „License to Ill“, 25 Jahre ist das her, hieß jedenfalls „(You gotta) Fight for Your Right (To Party!)“, und wenn man das so liest, denkt man vielleicht erst: bisschen viele Satzzeichen für Rap; aber wenn man das Stück dann hört und vor allem das Video dazu sieht, in dem die drei Beastie Boys eine Brillenträgerparty auseinandernehmen, will man auch eine Gang gründen, sich blöde VW-Abzeichen um den Hals hängen, ständig „Word!“ schreien und Budweiser aus Dosen trinken. (Oder all das noch einmal tun.)

Es hat etwas gedauert, bis „Hot Sauce Committee Part II“ fertig wurde. Eigentlich war im Sommer 2009 schon Part I in Planung gewesen, dann wurde bei einem der drei Beastie Boys, Adam Yauch, Krebs diagnostiziert, den er aber, sagt er, überwunden hat. Yauch, der sich MCA nennt, hatte in den letzten Jahren, wenn er nicht Musik mit den anderen machte, vor allem Filme gedreht und produziert. Und er führte jetzt auch Regie bei einem halbstündigen Video, das 25 Jahre in der Zeit zurückgeht zu dem Abend, an dem die Beastie Boys die Brillenträgerparty sprengten.

Keinen Tag älter

Und zu dem, was danach geschah. Geschehen sein könnte. Hätte geschehen können. Geschehen sein würde: Mike D, MCA und Ad-Rock kugeln aus dem qualmenden New Yorker Apartment, in dem sie eben mit Torten um sich geworfen und Potenzmittel in die Bowle gekippt und den Fernseher mit einem Vorschlaghammer demoliert haben, sie trinken und randalieren auf der Straße weiter und begegnen schließlich sich selbst, zurück aus der Zukunft mit dem DeLorean von Michael J. Fox, um danach in einem Wettbewerb auszutanzen, wer die wahren Beastie Boys sind.

„Fight For Your Right - revisited“ ist alles, was die Beastie Boys sind. Erstens: die coolsten Kids vom Block. Weil Mike D, MCA und Ad-Rock nicht selbst mitspielen, 25 Jahre danach, sondern sich von Seth Rogen, Elijah Wood und Danny McBride und von John C. Reilly, Jack Black und Will Ferrell vertreten lassen, von den aktuell lustigsten Menschen Hollywoods also. Es wirken außerdem mit: Susan Sarandon, Stanley Tucci, Steve Buscemi, Ted Danson, Chloë Sevigny, Alicia Silverstone, Kirsten Dunst, Laura Dern, Orlando Bloom, Jason Schwarzman und noch ein halbes Dutzend anderer Stars, die sofort kommen, wenn die Beastie Boys rufen - das haben sie mit dem anderen jüdischen Stadtneurotiker aus Brooklyn gemeinsam, Woody Allen.

Und zweitens zeigen diese dreißig Minuten die Perfektion und Versessenheit, mit der die Beastie Boys historisches Coolwissen und Ambiente rekonstruieren. Das haben sie in ihrer Musik und vor allem in Videos nach „License to Ill“ immer so getan. Wie sie jetzt in ein paar Straßenzügen das New York der achtziger Jahre wiederaufstehen lassen, die Autos, die Schuhe, vielleicht sogar das Licht, macht einfach riesengroßen Spaß. Durch dieses Licht und in den Schuhen von gestern laufen dann die Figuren von heute, und genauso klingt letztlich auch die neue Platte: irgendwie vage nostalgisch und wie schon mal gehört, aber andererseits immer so, dass sie keinen Tag älter als von eben gerade sein kann.

Fenster runter, Arm raus, Kopfnicken

Und das steckt drittens auch in „Fight For Your Right - revisited“, eine ausgeklügelte nostalgische Methode, die sich nicht ernst nimmt, zum Glück: „Was glaubt ihr Typen, wer ihr seid?“, fragt Elijah Wood als Ad-Rock die drei Beastie Boys aus der Zukunft, und Will Ferrell als grauhaariger Ad-Rock von morgen antwortet (und man kann das schwer übersetzen): „We're the real Beastie Boys, motherfuckers. The ones from the future where the shit is really real.“ Und dass sie einen „superfresh Old School throw down dance contest“ aus der Zukunft mitgebracht hätten, komplett mit Ghettoblaster und Schachbrettteppich zum Ausrollen.

Während die drei Zukunftsboys diesen Teppich jetzt umständlich ausrollen, was sich hinzieht, weil er auf dem Dach ihres silbernen DeLorean mit Knoten und nicht mit Schleifen befestigt ist, denken die anderen drei darüber nach, was das Ganze nur soll. „Ich glaube, man hat uns damit beschenkt zu sehen, wer wir sein könnten, was wir werden könnten“, sagt Seth Rogen als Mike D, und Danny McBride als MCA antwortet: „Also sind diese Typen die Geister der Zukunft von ,License to Ill'?“ Und spätestens hier, nach einer Viertelstunde schwersten Schwelgens in der Vergangenheit, kippt das Ganze um in eine Reflexion darüber, wie es ist, als Beastie Boys älter zu werden und trotzdem dabei immer aus der Zukunft zu kommen. Und darüber, dass für Popmusik die Zeit anders verläuft, nicht stringent, sondern in Schleifen (aber bitte nicht in Knoten, sonst verhakt man sich). Zum Glück sieht aber all das, was hier nach Seminar klingt, im Video ganz leicht aus.

Und erst die Musik! „Too Many Rappers“ ist böse und laut, „Say It“ auch, „Don't Play a Game that I Can't Win“ ist eine entspannte Autofahrt zur Dancehall, Fenster runter, Arm raus, Kopfnicken. „Lee Majors Come Again“ will dann Hardcore sein, wie ihn die Beastie Boys, ganz am Anfang, 1982, 1983, vielleicht gespielt haben, ist aber in seiner Selbstbezüglichkeit doch ein kleines bisschen zu eitel, um nicht zu nerven.

Obsessive Sammler

Egal, dann eben schnell zurück zum ersten Stück, „Make some noise if you're living!“, singen die Beastie Boys im Refrain, und dass die Anti-Depressiva wieder zurück am Mikro sind, eine Party links, eine rechts und eine motherfucking party for our right to fight - und man kann das, man muss es aber nicht für ein Überlebenszeichen halten, eine Parole gegen Krebs, nur: So persönlich sind die Beastie Boys eigentlich nie gewesen.

Aber wer sind die Beastie Boys eigentlich? Als im Kurzfilm die sechs Doppelgänger aufeinandertreffen, weht kurz Tumbleweed über die Straße, ein Westernzitat, ein „Zurück in die Zukunft“-Zitat natürlich, aber Tumbleweed weht auch durch die Filme der Coen-Brüder, und weil es längst keine Konkurrenz mehr im Hiphop gibt für die Beastie Boys, auch weil, wie viele sagen, es gar keinen Hiphop mehr gibt, sind Joel und Ethan Coen vielleicht die Einzigen, mit denen man Mike D, Ad-Rock und MCA vergleichen kann: Hüter eines Schatzes von Popkultur und Americana, obsessive Sammler von Bildern und Styles, Spezialhumoristen. Ansonsten sind die Beastie Boys, seit mehr als 25 Jahren, unvergleichlich.

„Hot Sauce Committee Part II“ ist bei Capitol/EMI erschienen.

Quelle: F.A.S.
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Jahrgang 1973, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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