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Can-Bassist Holger Czukay tot : Als Rock noch rollte

  • -Aktualisiert am

Holger Czukay (1938 - 2017). Bild: Imago

Die Gruppe „Can“ verschaffte der Rockmusik in den Siebzigern eine fortschrittliche Physiognomie. Das war auch dem Bassisten Holger Czukay zu verdanken. Nun ist er im Alter von 79 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

          Die Rockmusik lebt auch von ihren Missverständnissen. Gut so. Ein geistvoller Irrtum bewirkt oft mehr als eine belanglose Richtigkeit. In den sechziger Jahren glaubten die Rocker auf der Suche nach Erleuchtung, die indische Klangwelt als einen verwandten kulturellen Ausdruck entdeckt zu haben. Im Crashkurs waren die hochkomplexen Ragas und Talas zwar nicht zu bewältigen; aber wenigstens hat sich seitdem das Spektrum der Rockmusik durch Sitar, Tanpura und Tabla erweitert, man wurde offener für andere musikalische Formen. Als Karlheinz Stockhausen Mitte der fünfziger Jahre in Köln seinen „Gesang der Jünglinge im Feuerofen“ – fast ein prophetischer Titel für die Popkultur – als frühes Meisterwerk der elektronischen Musik entwickelte, hätte er wohl auch nicht damit gerechnet, seinen Namen eines nahen Tages in den Lexika der Rockmusik zu finden und zum Guru der Szene ausgerufen zu werden. Seine avantgardistisch-kryptische Musik blieb weiten Kreisen immer noch schleierhaft. Aber das Image vom Stammvater der elektronisch ausgerichteten Popmusik blieb an ihm haften.

          Großen Anteil daran hatten ein paar Schüler von ihm, die seinerzeit im elektronischen Studio des WDR mit ihm arbeiteten und ihr Wissen nutzten, um der Rockmusik eine fortschrittliche Physiognomie zu verpassen. Der Keyboard-Spieler Irmin Schmidt und der Bassist Holger Czukay gründeten nach dem Kompositionsstudium bei Stockhausen die Experimentalgruppe Inner Space, aus der wenig später The Can und noch später schlicht Can wurde. Zur Stammgruppe gehörten nach dem Ausscheiden des vom immer größer werdenden Anteil an Rockelementen frustrierten Elektronikdozenten David C. Johnson jene Musiker, die durch ihre unterschiedlichsten musikalischen Erfahrungen das schillernd progressive Klangbild von Can prägten: neben Schmidt und Czukay waren das der Schlagzeuger Jaki Liebezeit, der vom Freejazz kam und mit Manfred Schoof zusammengespielt hatte, und der stilistisch offene Gitarrist Michael Karoli – ein Quartett, das bis in die siebziger Jahre immer wieder durch weitere Musiker ergänzt wurde. 1971 bezog die Band ein bis heute existierendes Tonstudio, das Inner Space Studio, nahe Köln.

          Originalbesetzung: Die Band „Can“, aufgenommen 1971, mit Holger Czukay ganz rechts im Bild.

          In diesen Jahren bis zur Auflösung der Gruppe im Jahr 1978 entstanden zehn Studioalben, die den Ruf der Band als eine der experimentierfreudigsten des gesamten Rockgenres begründeten. Vor allem in England wurden Can nahezu enthusiastisch gefeiert, wobei in der Bewunderung immer auch ein leichter Schauder mitschwang, als steche dem Publikum bei den Auftritten der progressiven Krautrocker, den Séancen des Teufelsgeigers Paganini nicht unähnlich, Schwefelgeruch in die Nase. Manche Exegeten der in ihren minimalistisch vor sich hinblubbernden Elektronikstrukturen magisch wirkenden Musik wurden nicht müde, darin parapsychologische Zeichen zu entdecken, wobei die Band selbst solche Ideen durch eine Reihe von akustischen und optischen Symbolen beförderten; etwa mit Zeichen aus dem chinesischen Orakel- und Weisheitsbuch „I Ging“ auf dem Cover von „Future Days“ oder mit der Silbe „Aumgn“, die Irmin Schmidt auf der Schallplatte „Tago Mago“ singt, die von einer Beschwörungsformel des englischen Magiers Aleister Crowley abgeleitet wurde.

          Czukay war neben Irmin Schmidt der Can-Musiker, der mit seinen Collagen aus Radiosignalen und Material aus dem umfangreichen elektronischen Equipment am nachhaltigsten den Charakter der Musik, auch in den vielen Film-Soundtracks, bestimmt hat. Nach deren Auflösung arbeitete er vorwiegend als Klangtüftler in seinem Studio. Hier fand man ihn nun tot auf. Holger Czukay wurde 79 Jahre alt.

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