27.07.2010 · Mit dem Gangstertum kann man auf der neuen Platte von Big Boi ebenso wenig anfangen wie mit der debilen Angeberei. Ansonsten aber sind auf diesem Album mehr Hits gesammelt, als im Hiphop in den letzten Jahren überhaupt erschienen sind.
Von Alard von KittlitzIm Herbst 2003 gab es auf der ganzen Welt bloß ein einziges Lied: „Hey Ya!“ vom Rapduo Outkast. Wenn man nachts zum Beispiel aus dem Club stolperte, wo man damit dauerbeschallt worden war, flimmerte einem das Musikvideo schon aus den Fernsehern der Dönerläden entgegen. Es zeigte eine Band aus acht Klonen: alle waren André 3000, eine Hälfte von Outkast. Big Boi, die zweite Hälfte, war nicht zu sehen, er hatte zu diesem Song aber auch nichts beigetragen. André 3000 war Sänger geworden und hatte einen Pophit geschrieben. Big Boi war Rapper geblieben und wirkte veraltet. 2003 begann Hiphop, Alterserscheinungen zu zeigen. Dieses Jahr aber kehrt die Musik plötzlich in die Gegenwart zurück, und zwar ausgerechnet mit Big Boi.
Im letzten Sommer hatte Sasha Frere-Jones, der Chefkritiker des „New Yorker“, noch das „Ende des Hiphop“ verkündet. Das war 2009 längst keine steile These mehr, das hatte vor ihm sogar der Rapper Nas gesagt. Es war damals wirklich schon lange nichts Neues mehr zu hören gewesen im amerikanischen Hiphop, und was doch noch so ein bisschen neu war, das war richtig schlecht: Kid Cudi und Drake und wie die nachkommenden Stars so hießen. Die konnten alle eigentlich gar nicht rappen und sangen deswegen lieber mit Autotune, dem grausamen digitalen Stimmeffekt.
Im Grunde ist Hiphop Musik für Demente
In der Totenstille des Sommers 2009 jedoch flogen plötzlich die Türen eines noblen New Yorker Seniorenstifts auf, und heraus kam, halb humpelnd, halb rappend, Jay-Z, der Rap-Millionär, gerade war er vierzig Jahre alt geworden. Auf der Schulter trug er einen Kassettenspieler, „Empire State of Mind“ hieß das Stück, das daraus über die Straßen dröhnte. Und auch wenn daran nichts Neues war, der Song war ein Hit, es ließ sich nicht leugnen, und die Nummer kletterte in den Charts der ganzen Welt auf den ersten Platz.
Jay-Z erzählte, ein bisschen bräsig, älter eben, aber so, dass man ihm gern zuhören wollte, von New York, Alicia Keys lieferte dazu einen Ohrwurmrefrain, und alle erinnerten sich auf einmal wieder daran, was so süß war an Rapmusik.
Im Grunde ist Hiphop ja Musik für Demente, die nach einem Takt schon wieder vergessen haben, was davor noch mal kam, eine einzige Wiederholung. Die Musik kommt allerdings auch genau aus dieser in Jamaika entstandenen DJ-Idee, die beste Stelle eines Stückes in einer Schleife zu wiederholen. Das Publikum wird mit einem Zuckersirup aus destillierter Popmusik übergossen, bis zum Überdruss: Das ist ein guter Beat. Ein guter MC ist dann der Rapper, der den Überdruss mit dem Getrommel seiner Verse hinauszögert, der einem Geschichten erzählt und einen staunen lässt darüber, wie er die Silben über die Schläge verteilt, wie er beschleunigt und verlangsamt, wie er einen Reim findet, wo gar keiner sein kann. Jay-Z kriegte das, auf die Krücken der wunderbaren Produktion gestützt, noch einmal hin.
Dieses Jahr legen die Alten nochmal nach
Und kaum, dass sich Jay-Zs Kassettenrekorderklänge allmählich in der Ferne verloren, tauchte gleich der nächste Rentner aus der Versenkung auf. Ende 2009 brachte Ghostface Killah vom Wu-Tang-Clan ein hochgelobtes Album raus, „Ghostdini“.
„Ghostdini“ machte Spaß und zugleich Sorgen: Die Platte klang so, dass sie auch 1995 hätte erscheinen können. Und wenn die alten Größen des Raps den Nachfolgern den Hintern versohlen konnten, indem sie einfach wieder machten, was sie Mitte der Neunziger schon hingekriegt hatten, wenn alles, was der Hiphop an Spaß zu bieten hatte, eisenharte Retronummern waren, dann war das Genre wohl wirklich nicht mehr zu retten.
Dieses Jahr aber legen die Alten offenbar noch mal nach. Man hat das Gefühl, im Altersheim sei man unzufrieden mit der Gegenwart und fürchte um die Zukunft des eigenen Nachlasses. Also müssen die Senioren ihre Musik eigenhändig in die Zukunft tragen. Den Anfang machte im Mai ausgerechnet der Rapper Nas (siebenunddreißig Jahre alt, erster Hit 1994), als er mit Bobs Sohn Damian Marley das wunderbare „Distant Relatives“ veröffentlichte. „We no play Willy Wonka“ singt Marley, den Beat besorgt der äthiopische Jazzer Mulatu Astatke, die beiden fliegen über die Beats wie karibische Staffelläufer, fehlerfreie Übergabe bei den Versen, großer Spaß oder schöner Ernst mit dem Beschwören der panafrikanischen Träume ihrer Vätergeneration. Wieso waren Reggae und Hiphop nicht schon früher so befreundet?
Outkast waren immer eine Sondererscheinung
Und jetzt also: die Soloplatte von Big Boi. Outkast kam 1994 groß raus, also vor sechzehn Jahren. Im Video zum ersten Hit, „Player's Ball“, war Big Boi noch so schüchtern, dass er sich kaum in die Kamera zu gucken traute, während sein Partner André 3000 schon damals so cool und schön aussah, dass es kaum zum Aushalten war. André 3000 war dann auch immer das exzentrische Genie der Gruppe, während Big Boi sich zunehmend zum Gettozuhälter stilisierte und die eigenartige Musik von Outkast durch altbekannte Hiphop-Tropen wie Knarre, Knast und Hure begradigte.
Outkast waren immer eine Sondererscheinung, weil die beiden MCs höchstens einander das Wasser reichen konnten. André 3000 mochte der interessantere der beiden sein, rappen konnte Big Boi genauso gut - also in einer eigenen Liga. Seine Soloplatte macht jetzt deutlich, dass er seinem Kompagnon auch Konkurrenz machen kann, was die Ideen angeht. „Sir Lucious Left Foot: The Son of Chico Dusty“ ist tatsächlich die Hiphop-Platte, auf die niemand mehr zu hoffen gewagt hatte.
Wie bei vielen Reimen aus den schwarzen amerikanischen Gettos fühlt man sich als Europäer zwar auch bei Big Boi bisweilen etwas verloren. Man kann jedenfalls mit dem Gangstertum, dem ständigen „Nigga“-Sagen und dem erniedrigenden Slang kaum mehr anfangen als mit der debilen Angeberei, was die vielen Bräute betrifft und was man mit denen alles so anstellt. Auch wenn Big Boi metaphorisiert und erklärt, eine „bitch“ sei ein „girl dog“: ein paar Stücke auf der Platte sind deprimierender Regress in die dümmsten Seiten seiner Musik. Das ist schade, Big Boi ist mittlerweile ja doch ein großer Junge, hat selbstbestimmt einen Obama-Song und einen über den Hurrikan Katrina gemacht, er müsste wissen, dass die afroamerikanische Intellektuelle Tricia Rose recht hat, wenn sie sagt, Gangsta-Rap beklage die Misere der schwarzen Gettos nicht mehr, sondern institutionalisiere sie.
Der Nachwuchs springt zur Seite
Ansonsten aber hält das Album, was die Gerüchte schon seit einiger Zeit versprachen. Big Boi hatte lange Streit mit seinem Label und durfte seine Platte bei Jive nicht rausbringen, weil sie „zu innovativ“ sei. Wenn man so etwas hört, muss man sich wenigstens nicht mehr länger fragen, woran das Genre denn eigentlich krankt.
Es sind auf dieser einen Platte mehr Hits gesammelt, als im Hiphop in den letzten Jahren überhaupt erschienen sind, und jeder wirkt so frisch wie neu. Über das ganze Album wird der technisch wohl vielseitigste Rapper der Gegenwart von bunten Synthesizerblasen umspült wie in einem metallischen Sprudelbad. „Shutterbugg“, die erste Single, klingt so, als hätten Kraftwerk ein Barbershopquartett gegründet. „Train, Pt. 2“ pulsiert an einem vorüber wie ein Ambientstück, man kapiert erst auf der letzten Strecke, dass das gerade Hiphop gewesen ist. Auf „You Ain't No DJ“ heiratet die Ur-Beatmaschine Roland 808 ein zerbrochenes Xylophon, Big Bois Geschwindigkeit und die Erratik von Yelawolf, einem kommenden MC mit indianischen Wurzeln: Das Stück zieht die Klassik in die Zukunft. Sogar Sir Georg Solti hat auf der Platte einen Auftritt, seinen Verdi mit „Vieni, O Guerriero Vindice“ sampelt Big Boi auf „General Patton“.
Angeblich hat Big Boi noch Material für zwei weitere Alben. Man stelle sich einmal vor, das ginge so weiter. Ein Rentnerhammer nach dem anderen, dass der Nachwuchs zur Seite springt. „I'm defying all the laws like a caterpillar flying“, rappt Big Boi: die Alten machen das Neue. Und wo wir schon mal dabei sind: Wo bleibt eigentlich Busta Rhymes? Den könnten wir doch auch wieder gebrauchen.
Alard von Kittlitz Jahrgang 1982, Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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