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Hip-Hop : Der Geisterbahnfahrer

  • -Aktualisiert am

Rapper-Leben als Start-Up-Märchen: Sido Bild: AGGRESSIVES AUSSEHEN 2006

So klingt Hip-Hop, der es allen recht machen möchte: Sido, der Rapper aus der Berliner Trabantenstadt, lüftet seine Totenkopfmaske und will auf seinem zweiten Album einfach nur noch ein Straßenjunge sein.

          Das lustigste Kapitel in der eben erschienenen Biographie über den Rapper Sido ist das, in dem Sido den Bundestag besucht. Vielleicht erinnert sich jemand: Im Sommer 2005 gab es eine große Debatte über deutsche Rap-Musik, Gewaltverherrlichung und Jugendschutz. Pro- und Contra-Interviews wurden ausgestrahlt, CDs landeten auf dem Index oder knapp daneben. Am Ende saß Sido im Büro der SPD-Politikerin Monika Griefahn und erklärte ihr, daß Rap übrigens aus Amerika komme. Und daß es unter Rappern üblich sei, zu fluchen und sich mit dem Tod zu drohen. Die Politikerin fragte zurück, ob er nicht auch über Liebe und andere schöne Sachen rappen könne. Ihre Abschiedsworte sind überliefert: „Sido, aus dir ist was geworden. Mach was draus, und trag dazu bei, daß unsere Gesellschaft und unsere Sprache besser werden!“

          Sido nahm es ernst und dichtete gleich einen besonders unflätigen Rap, in dem sich „Griefahn“ auf „Skifahr'n“ reimte. Seine Plattenfirma Aggro Berlin lehnte das Stück ab, man hatte ja schon genug Ärger. Also stellte Sido es einfach ins Internet. Und schnell wurde es mehr als zehntausend Mal heruntergeladen. Irgendwie ging es also auch in der Debatte um deutschen Hip-Hop um das, worum es im Hip-Hop immer geht: darum, wer das letzte Wort hat.

          Eher drollig als furchteinflößend

          Sido, das ist der Rapper mit der silbernen Totenkopf-Maske, die Kinder eher drollig als furchteinflößend finden. Der Typ, der im Frühjahr 2004 über seinen Wohnblock im Märkischen Viertel von Berlin rappte, über 16 Stockwerke, randvoll mit Dealern, Prostituierten und Kriminellen. Das Lied war bei aller Verdorbenheit so herzergreifend, daß es Sido wie ein Hochhauslift aus dem Proll-Rap-Untergrund nach oben holte, in eine Scheinwerferhitze, in der so schöner Schweinkram schnell zu stinken anfängt. Rund zweihunderttausend Mal verkaufte sich sein Album „Maske“, vor allem an die Töchter und Söhne der Bessergestellten. Sido lud alle zur Geisterbahnfahrt durchs sogenannte Getto, und die wenigsten störten sich daran, daß jeder Joint-Stummel und jedes Brustwarzen-Piercing so justiert wurden, daß sie gut im Bild waren.

          Auch im Ghetto wachsen Blumen

          Hier liegt das größte Dilemma des deutschen Kleinkriminellen-Raps: Wenn ein Künstler die Brutalität und den Sexismus in seinen Texten beim Publikum damit beglaubigt, daß das wahre Leben im sozialen Brennpunkt nun mal kein Kindergeburtstag sei - wie soll er Leuten wie Monika Griefahn dann gleichzeitig klarmachen, daß das alles nur Kulturpflege und gar nicht so ernst gemeint sei? Man kann das erklären, aber es klingt nach Ausrede.

          Ambitionierter Kindskopf

          Das sind die schönsten Fotos in der Biographie: Wie die zwölfjährigen Fans beim Startreff feixend neben den bordsteinharten Jungs sitzen. Wie die Kinder sich gutgelaunt verderben lassen, während die Eltern draußen im Auto warten. Sido, bürgerlich Paul Würdig, 25, wird vom Biographen Marcel Feige als harmloser, aber ambitionierter Kindskopf beschrieben.

          Das Wort „Armut“ fällt in den Kindheitskapiteln. Als der Junge nach der abgebrochenen Ausbildung zu Hause auszieht, kommt Mutter noch regelmäßig zum Putzen. Drogenkapriolen, Delikte und Sex, die Leitmotive von Sidos Lyrik, werden so beiläufig behandelt, daß jedes Studententagebuch dagegen reiner Exploitation-Porno ist. Das Rapper-Leben liest sich hier wie ein Start-up-Märchen, und zum Beweis wird auch gern aus der „Zeit“ zitiert.

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