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Techno : Herz macht bumm

  • -Aktualisiert am

Fritz Kalkbrenner in Aktion beim „Fly Bermuda Festival“ im Flughafen Tempelhof Bild: BrauerPhotos (c) J.Hornfeldt

Techno erobert von Amerika aus wieder die Welt. Ein lautes Millionengeschäft. Doch wenn der Berliner Fritz Kalkbrenner zu den Beats aus dem Computer singt, wird es ganz leise.

          Ja, es nervt. Fritz Kalkbrenner lacht zwar. Und eigentlich sieht er aus wie ein Mensch, der Ärger gar nicht kennt. Aber: Es nervt, dass die meisten ihn immer wieder nach seinem Bruder Paul fragen. Fritz will über seine eigene Musik reden.

          Der vier Jahre ältere Paul dürfte der bekannteste und erfolgreichste Musiker im deutschen Techno sein. Der 33-jährige Fritz aber ist im Moment der interessanteste. Große Hallen füllen sie ohnehin beide. Fritz Kalkbrenner aber baut nicht nur Techno-Tracks, er singt, und das mit einer traurigen, eher dem Soul verwandten Stimme. Zwei Platten hat er so schon gemacht. Aber die neue, „Ways over Water“, ist die erste großartige.

          Natürlich rummst auch bei ihm die Basstrommel auf jeder Zählzeit eins, zwei, drei, vier - die typische Figur des Techno. Im Musikmagazin „Spex“ haben sie damals in den Neunzigern eine ganze Philosophie von der „Negation des Grooves“ und dem dialektischen Über-sich-Hinauswachsen des Prinzips Beat herbeigeredet. Letztlich aber macht Ntz, Ntz, Ntz einfach Spaß.

          Bild: BrauerPhotos (c) J.Hornfeldt

          Bei Kalkbrenner folgt auch noch das genreübliche Handclap-Geräusch und ein treibender Bass. Dann aber kommt kein sägender Synthesizer und kein rhythmisch hämmerndes, digitales Pling-Plang. Sondern: eine Funk-Gitarre, eine verträumte, langsam ansteigende Holzbläser-Figur. Und dann diese Stimme. Eine Stimme, die in eine Soulband gehört.

          „Da gibt es gar keinen Bruch“, sagt Kalkbrenner. „Viele sitzen diesem Irrtum auf, dass Techno mit der Musiktradition breche. Unsinn.“ Er sieht sich als direkten Nachkömmling der schwarzen Musik. „Wir sagen das, was die vor vierzig Jahren sagten, und wir sind eine große Familie.“ Das wollte er diesmal auch zeigen. Damit seine Stimme eher nach Dean Martin klingt, benutzte er im Studio Tonbandmaschinen der Siebziger und ein Neumann U47, legendär unter Musikern - das große Mikrofon, auf das George Martin schwor, der Produzent der Beatles.

          Kalkbrenners Stimme versucht auf seiner dritten Soloplatte erst gar keine Coolness, sie klingt empfindlich. Da schwingt keine langjährige Ausbildung mit. Jemand geht das Risiko ein, zu scheitern, sich bloßzustellen. Wie schön. Und wie selten im aktuellen Pop.

          Tröstende Brakes für Atheisten

          Kalkbrenners Texte passen auch nicht recht in die Clubs, in denen er sie singt. Da versucht das lyrische Ich mal unter dem „leeren Himmel“ klarzukommen oder sehnt sich auf langen Seefahrten nach Heimat. „Ich bin ja Atheist“, sagt er. „Keiner kommt lebendig aus der Sache hier raus.“ Deswegen gebe es am Himmel nur Sterne, und nichts warte auf uns. Und genau solche Sätze stehen in seinen Texten. „Als Atheist hat man es viel schwerer. Die Wahrheit tut weh.“

          Das klingt ein wenig nach dem infantilen Existenzialismus, in den viele sich mit zwanzig hineinfühlen. Aber über die dreizehn so phantastisch gelungenen Songs hinweg entwickelt es einen Sog, da packt es irgendwann auch den abgeklärten Hörer, man fühlt dann eine Musik, die sich auflehnt gegen die Traurigkeit des Lebens. Dann greift jeder Beat nach neuer Hoffnung, die Breaks wollen trösten.

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