Home
http://www.faz.net/-gsd-4a3z
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Heavy Metal Euer Heuligkeit „Metallica“

20.06.2003 ·  Das Wüste lebt noch: Im Sommer 2003 erleben die drastischeren Künste ihr Comeback. Dazu paßt das neue Album von „Metallica“, das laut und anstrengend ist - und gut. Gedanken eines altgewordenen Teenagers.

Von Dietmar Dath
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Der Sommer 2003 war die letzte Ausfahrt der drastischeren Künste: Als allen klargeworden war, daß die Töpfchen leer waren, daß man also keine Punkte mehr gewinnen konnte mittels Bravheit, Schmiegsamkeit, Konzessionen an das Normale - da setzten sich in backofenheißen Dachkammern unbekannte Dichterinnen an ihre Laptops und schrieben Neufassungen der "Ilias", die im Nahen Osten spielten, erfanden Humoristen, die, weil zu spät angetreten, keine Comedyshow im Fernsehen mehr abgekriegt hatten, plötzlich Scherze, die ihre Gegenstände wieder so respektvoll grausam zerlegten, wie sich das gehört, und Maler malten außer rauchig-trübem Neokitsch plötzlich wieder den köstlichen Dreck in Gottes Bauchnabelgrube.

Und es begab sich, daß der altgewordene Teenager und seine in launischen Ehren ermüdete Liebe unweit eines Grillfeuers beisammensaßen an einem Baggersee, den eine vergessene kosmische Katastrophe (Meteoriteneinschlag, Krieg, Landesgartenschau) zurückgelassen hatte, und gemeinsam die Vorzüge der neuen Platte von "Metallica" besprachen, die "St. Anger" hieß. Diesen Namen, der "heilige Wut bedeutet", trug die Platte als Ausdruck der Erkenntnis, daß die späte Rückbesinnung auf den ursprünglichen Zorn der Jugend künstlerisch ergiebig nur jemand leisten kann, der alle irdischen Erfolge durchlitten hat, die einem Rockmusiker erreichbar sind.

Komische Heilige

Wiederbelebt Wütende aber sind nicht bloß ergreifende, sondern auch komische Heilige: "Schon anstrengend, auf der Platte zu erleben, wie diese Heavy-Metal-Typen, die in den achtziger Jahren die harten Spielweisen Thrash- und Speedmetal mit erfunden haben, jetzt ihre Saiteninstrumente tiefer stimmen, ihr Schlagzeug beschädigen, kontrolliert alle drei Minuten kreischend entgleisen und Gerüchte lancieren, wonach Schlipsträger bei der Plattenfirma in diesem Produkt kommerziellen Selbstmord sehen: der vorhersehbar verkrampfte Versuch, bis in einzelne gebrüllte Textzeilen für die Sünde zu büßen, zwischenzeitlich satt gewesen zu sein, gelangweilt, gewinkelt, Rock-Profipack."

So sprach der altgewordene Teenager. "Anstrengend: Das ist ein Lob, oder?" fragte darauf seine in launischen Ehren ermüdete Liebe. "Das kannst du aber heulen!" stimmte der Teenager zu und hielt sodann den Mund, um dem falschfarbenen Sonnenuntergang überm Wäldchen nicht dreinzuquatschen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.06.2003, Nr. 141 / Seite 41
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr