22.06.2010 · Wenn die vier wichtigsten Bands des Heavy Metal aufeinandertreffen, dann fliegen die Funken: Auf einem ehemaligen Militärflugplatz bei Prag treten Metallica, Slayer, Anthrax und Megadeth auf und liefern sich eine harte Schlacht.
Von Peter Richter, MiloviceWenn bei einer Safari die „Big Five“ versprochen werden, Elefant, Löwe, Nashorn, Leopard und Schwarzbüffel, dann kann man schon froh sein, wenn man tatsächlich vier davon zu sehen bekommt. Wenn bei einem Rockfestival die „Big Four“ angekündigt werden, Metallica, Slayer, Anthrax und Megadeth, verhält sich das ähnlich. Die „Big Four of Thrash Metal“, die vier amerikanischen Expeditionstrupps, die Anfang der Achtziger auszogen, sich ein Wettrennen um die Pole der Geschwindigkeit, der Wut und der Präzision zu liefern, diese vier, die die Welt des Heavy Metal für immer und zu ihrem Besseren verändert haben, einmal auf einer Bühne zu sehen: das ist etwas, worauf die, die erst glücklich sind, wenn ihnen das Blut aus den Ohren läuft, seit einem Vierteljahrhundert warten.
Das wäre noch nicht einmal dann mit dem Auftreten der „Drei Tenöre“ zu vergleichen, wenn die sich zuvor fünfundzwanzig Jahre lang gegenseitig die Kehlköpfe zugedrückt hätten. Ganze Musikzeitschriften haben in dieser Zeit davon gelebt, die epischen Konflikte zu beschreiben, sowohl zwischen den Bands als auch innerhalb, die Hänseleien wiederzugeben (etwa, wenn Dave Lombardo von Slayer seinem Kollegen Lars Ulrich von Metallica öffentlich Schlagzeugunterricht anbot) oder die Saga der Erniedrigten und Beleidigten fortzuschreiben. Herrlich war das.
Der Ostblock ist ein dankbarer Amboss für dieses Gehämmer
Allein die Geschichte des Dave Mustaine, der wegen Drogeneskapaden bei Metallica rausflog, als die „professioneller“ werden wollten, dann eben seine eigene Band Megadeth gründete, wo kurz auch Kerry King spielte, bevor der doch lieber zu Slayer zurückging. Die alle auf einer Bühne, und zwar sicher nicht nebeneinander, denn so weit geht die Freundschaft auch nicht. Aber wie dann? Wer nach wem? Und wie werden sie aufeinander reagieren? Das sind so die Fragen auf dem Weg zu diesem ehemaligen Militärflugplatz Milovice bei Prag, denn es sind nur wenige Konzerte, die die vier zusammen geben, und fast alle im ehemaligen Ostblock, der immer schon ein dankbarer Amboss für derartiges Gehämmer war.
Das heißt aber auch: rund hunderttausend Autos aus fast genauso vielen Ländern im zähen Anfahrtsstau durch das Militärgelände. Ausgerechnet Anthrax werden dann zum Opfer dieses Zuspruchs. Die New Yorker, die ohnehin immer ein bisschen abseits standen mit ihrer dissidentisch guten Laune, ihrem bunten Urlauber-Look und ihrem - nach Rauswurf nun wieder eingestellten - Sänger Joey Belladonna, der sich neben seinen herumwütenden Kollegen immer eher ausnahm wie ein fröhlich gurgelnder Gondoliere: Sie sind einfach zu früh dran für die meisten. „Tod am Nachmittag“ könnte man das nennen, aber bei Hemingway spielt das Ganze wenigstens erst um fünf; Anthrax mussten schon um vier ran. Das ist ein musikhistorisches Urteil eigener Art, auch wenn ein Fachmann, der extra aus Lyon angereist war, später den Auftritt sehr lobte (Sänger Belladonna wacklig, Gitarrist Scott Ian aber überragend, so jedenfalls der Franzose).
Musik mit der Streitaxt
Dann Auftritt Megadeth: Sie spielen mit makelloser Sauberkeit. Dave Mustaine, der, seit er damals verstoßen wurde, ein metaluntypisch weißes Büßerhemd trägt, lässt seine blonden Engelslocken fliegen und strotzt demonstrativ vor Gesundheit und Disziplin. Überhaupt ist Megadeth die Band mit dem eindeutig besten Haar. Die Männer sind insgesamt ganz gut konserviert. Sind die wirklich alle drei Meter groß? Gibt es im Himmel Hantelbänke? Geradezu zerbrechlich wirken in ihren Muskelarmen die Gitarren, mit denen sie eine Musik erzeugen, die am Ende so klingen muss wie mit der Streitaxt freigehauen. Die Diskrepanz zwischen der Wucht des Klangs und der Feingliedrigkeit seiner Herstellung, zwischen der anspruchsvollen Artistik und der dumpfen Wuchtigkeit des Publikums: das sind rezeptionsästhetische Widersprüche, die sich nur dann halbwegs auflösen lassen, wenn man den oft beeindruckenden Bauch des Hörers als Resonanzkörper zu begreifen lernt, der mit viel Bier bei Laune gehalten werden will.
Auch Slayer könnten hier ein Wörtchen mitreden, zumindest die beiden Gitarristen. Kerry King hat mittlerweile Nackenfalten, die er als CD-Regal benutzen kann; Jeff Hanneman kaschiert unter zeltartiger Sportmode. Aber das korrespondiert mit ihrem Aufgabenbereich, säureartig zersetzenden Soli abwechselnd mit genau der Art von Geprügel, der das Genre seinen Namen verdankt. Es ist dann natürlich immer gut, wenn die Rhythmusgruppe in der Hand von Lateinamerikanern ist: Was der Chilene Tom Araya und der Kubaner Dave Lombardo da nämlich machen, ist das, was man bei Sportwettkämpfen „vorlegen“ nennt, um die nachfolgende Konkurrenz zu düpieren.
Ein Gruß an die Kollegen
So kommt es, dass Lars Ulrich von der viel berühmteren und reicheren Band Metallica, die natürlich als letzte und am längsten spielen darf, von Anfang an hinterherjapst und sein Spiel vergleichsweise schlampig wirkt. Slayer als pacemaker, als der Maßstab aller anderen, der schon deswegen nie übertroffen werden kann, weil Lombardo kein Mensch im engeren Sinne ist, sondern eine vielarmige indische Gottheit. Wenn das dazu verführt, dass Metallica versuchen, ihre Stücke nicht nur doppelt, sondern dreifach so schnell zu spielen wie auf Platte, dann haben Slayer gewonnen, der Zuhörer aber auch: fast nur die harten Heldentaten aus den Achtzigern, bevor Metallicas erst vor kurzem so glücklich aufgefangener Absturz begann, der umso schlimmer war, als er zunächst einmal wie ein Aufstieg aussah, weil jetzt auch die Träger von randlosen Brillen ihre Balladen mochten.
Auch an so einem Abend kommt man um „Nothing Else Matters“ oder das populäre Schlaflied „Enter Sandman“ leider nicht herum. Aber hier ist das nur Teil einer Pointe. Das Stück, das Metallica zur Feier des Ereignisses den drei anderen Bands widmen, stammt nämlich auch von diesem unseligen „Black Album“, mit dem man sich 1991 von den thrashenden Kollegen in Richtung kommerziellen Breitenerfolg verabschiedete, um jetzt, ein paar Abstürze und Neuerfindungen später, vor allen anderen zu stehen. Es hieß „Sad but true“. So klingt ein „Ätsch“, wenn man Gitarren dafür nimmt.
Ist Geschwindigkeit jetzt der Maßstab...
Ruppert Behr (rupsk0)
- 21.06.2010, 23:13 Uhr
So WHAT?!
gerit weller (GeritW)
- 22.06.2010, 08:09 Uhr
Ich kann es (solche Kritiken) nicht mehr hören...
Christian Becker (cjb-78)
- 22.06.2010, 09:41 Uhr
Die wichtigsten vier Heavy Metal Bands?
Harald Möller (Velbert)
- 22.06.2010, 11:10 Uhr
Seit wann...
Bastian Hoffmann (explorer76)
- 22.06.2010, 14:05 Uhr