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Grandmaster Flash „Ich bin ein Mischwissenschaftler“

15.06.2007 ·  In der Anfangszeit der Hip-Hop-Musik, Ende der siebziger Jahre, kreisten die Rapper noch um den Discjockey. Grandmaster Flash war nicht irgendein DJ, sondern Erfinder des Plattenspielers als Musikinstrument. Im Interview mit der F.A.Z. spricht er über den „Hip Hop“ als Wissenschaft.

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In der Anfangszeit der Hip-Hop-Musik Ende der siebziger Jahre kreisten die Rapper noch um den Discjockey. Grandmaster Flash war nicht irgendein DJ, sondern Erfinder des Plattenspielers als Musikinstrument.

Man hat Sie jetzt als ersten Hip-HopKünstler in die „Rock 'n' Roll Hall of Fame“ in Cleveland, Ohio, aufgenommen. Sollte es eines Tages eigentlich auch eine „Hall of Fame“ des Hip-Hop geben?

Eigentlich wäre die längst überfällig. Es gibt noch so viele andere Hip-Hop-Heroen, die diese Musik groß gemacht haben. Die passen gar nicht alle in eine Rock 'n' Roll Hall of Fame.

Wer sollte als Erstes aufgenommen werden?

Das hängt natürlich von den Regeln ab. Bei der Rock 'n' Roll Hall of Fame kommen nur die in Frage, die wie Grandmaster Flash and the Furious Five Aufnahmen vorzuweisen haben, die mindestens 25 Jahre zurückliegen und Musikgeschichte geschrieben haben. Das schließt manche von vornherein aus.

Zum Beispiel?

Kool Herc. Von dem gibt es überhaupt keine Platten, aber als erster Break-Beat-DJ ist er unbestritten einer der Gründungsväter des Hip-Hop. Kool Herc zusammen mit Afrika Bambataa - das wäre meine erste Wahl für eine Hip-Hop Hall of Fame.

Sie wurden als Joseph Saddler geboren. Bekannt sind Sie als Grandmaster Flash. Fans nennen Sie auch „Paganini des Plattentellers“ und „Scientist of the mix“. Welcher Name ist Ihnen am liebsten?

Flash hat mich ein Freund genannt, mit dem ich als Junge zusammen immer Flash Gordon angeschaut habe. Er hieß Gordon, da war es irgendwie logisch, dass ich Flash war. Als ich dann später DJ wurde, passte der Name immer noch. Flash - das ist der Superhero der Nacht, der seine Dinge schnell wie der Blitz erledigt. So wie ich am Turntable.

Und „Scientist of the mix“?

Ist mir als Künstlername am liebsten. Er trifft am besten, dass Grandmaster Flash seine Sache, nämlich die Erfindung des Turntablism, wie ein Wissenschaftler angegangen ist. Angefangen hat alles mit der Stereoanlage und der Plattensammlung meines Vaters. Uns war strikt verboten, beides auch nur anzufassen. Aber von klein auf hatte ich diesen Drang, es dennoch zu tun. Ich wollte herausfinden, wie es möglich war, dass so viel Musik in diesen kleinen, schwarzen Rillen steckte. Das brachte mir jede Menge Prügel meines Vaters ein, lehrte mich aber gleichzeitig den Wert des Vinyls.

Wann wurde diese Beschäftigung wissenschaftlich?

Als ich mir etwas zum Ziel setzte, was damals keinen anderen DJ interessierte: Ich wollte herausfinden, wie man aus Fragmenten verschiedener Aufnahmen - Pop und Rock, Jazz und Blues, R&B und Soul, Punk und Funk - einen ununterbrochenen Musik-Flow konstruieren kann. Live, aber so präzise auf dem Beat, als ob es im Studio aufgenommen wäre. Dazu musste ich das passende Equipment finden: den passenden Plattenspieler, die richtige Nadel, einen Mixer und so weiter. Und ich musste herausfinden, wie ich dieses Equipment so bedienen kann, als ob es ein Musikinstrument wäre. Mir war klar, dass ich dazu etwas machen musste, was ein DJ damals eigentlich nie tun sollte: Ich musste das schwarze Vinyl, die Schallplatte selbst anfassen. Ich musste lernen, wie man neue Klänge aus alten erzeugt, indem ich die Platte zum Beispiel vor- und rückwärts bewege. Im Grunde habe ich damals erfunden, was sich heute Sampling nennt.

Wie reagierten die anderen DJs?

Mit Unverständnis. Manche waren sogar zornig oder machten sich über mich lustig, weil ich das tat, was ein DJ angeblich nicht tun sollte: das Vinyl selbst anfassen. Ich war derjenige, der die Platten ruiniert. Es dauerte eine Weile, bis die Leute verstanden, worum es mir ging.

Die erste Hit-Single, die den Hip-Hop schlagartig bekannt machte, landete die „Sugarhill Gang“. Warum waren eigentlich nicht Sie und die anderen Pioniere des Old School-Hip-Hop?

Weil wir uns nicht vorstellen konnten, dass die Leute unsere Show - meine DJ-Performance und die Raps der Furious Five - auch auf Platte interessieren würde. Für uns war das eine Live-Sache. Die Leute konnten uns beinahe täglich live hören. Warum sollten wir das aufnehmen? Außerdem hatten wir damals noch keine Ahnung vom Plattengeschäft.

Was dachten Sie sich, als „Rapper's Delight“ aus allen Radios tönte?

Zuerst einmal war ich verdutzt, weil ich bis dahin noch nie von einer Sugarhill Gang gehört hatte. Ich kannte die Szene wie kein Zweiter. Ich wusste ganz genau, was die anderen - ein Kool Herc oder Afrika Bambataa - gerade taten, was sie auflegten, wie ihre MCs rappten, wie sie klangen. Aber bei Rapper's Delight hatte ich keine Ahnung, wer das sein konnte. Kein Wunder, wenn man die Geschichte der Sugarhill Gang kennt: Die waren von der Plattenfirma - Sugar Hill Records - zusammengestellt worden. Mit dem Rappen oder MC-ing fingen die erst an, als sie ihren Plattenvertrag hatten.

Haben Sie sich damals über „Rapper's Delight“ geärgert?

Sagen wir so: Ich war hin und her gerissen. Einerseits war ich froh, weil Rapper's Delight Hip-Hop auf ein ganz neues Level hob. Nicht so toll war, dass sich Big Bank Hank von der Sugarhill Gang seine Reime bei Grandmaster Caz von den Cold Crush Brothers abgehört hatte. Hank war eigentlich ja kein Rapper, sondern Türsteher. Er hätte nach Rapper's Delight eigentlich zu Caz gehen und sich bedanken müssen - mit Geld oder irgendeinem Dankeschön-Deal.

Im heutigen Hip-Hop geht es um Merchandising und Hip-Hop-Marketing. Es geht um alle möglichen Produkte, die mit der Marketing-Macht des Hip-Hop verkauft werden. Viele beklagen diese Kommerzialisierung. Was ist Ihre Meinung?

Ganz ehrlich: Ich finde das wunderbar! Ich sehe diese Kommerzialisierung als Vehikel für den Hip-Hop. Ohne das, was Journalisten gerne Kommerz nennen, wäre die Hip-Hop-Kultur niemals so groß und einflussreich geworden, wie sie heute ist. Ich würde nicht nach Europa fliegen, um dort aufzulegen, vermutlich würde ich auch keine Interviews geben. Mit dem Hip-Hop verhält es sich so wie mit anderen großen Sachen, die uns bewegen: Sie werden erfunden, sie werden geliebt, sie werden immer noch größer, und dabei verwandeln sie sich in etwas, was sie zu Beginn nicht waren. Ich sehe kein Problem darin, solange jeder seine Integrität bewahrt - das aber kann jeder nur für sich selbst. Warum sollte ich zum Beispiel nicht für einen Mixer werben, wenn ich mein ganzes Leben mit solchem Equipment zu tun habe?

Wie hält es DJ Grandmaster Flash mit dem Laptop?

Es wird leider immer schwieriger, all das, was man gerne spielen möchte, auf Vinyl zu bekommen. Vor allem neue Sachen, die ich genauso gern auflege wie das, was ich Old School nenne. Große DJs sind immer Diener ihres Publikums - und auch das tanzt gern zu aktuellen Songs. Ich könnte eines Tages also gezwungen sein, neben Vinyl MP3-Dateien zu verwenden. Dieser Gedanke macht mich manchmal etwas nervös, gleichzeitig spricht er den DJ-Wissenschaftler in mir an. Ich verfolge ganz genau, was die CD-DJs, die Laptop-DJs, die MP3-DJs so treiben. Aber bislang nutze ich nichts davon.

Eine Rock-Band nach der anderen verkündet derzeit ihre Reunion. Wird es auch eine Wiedervereinigung von „Grandmaster Flash and the Furious Five“ geben?

Sicher nicht. Und zwar deshalb, weil ich mich um das DJ-ing im Hip-Hop kümmern muss. Das ist von den vier Elementen des Hip-Hop - Graffiti, Breakdance, Rap und DJ-ing - jenes, das heute im Hip-Hop leider am wenigsten bekannt und anerkannt ist. Ich fühle mich persönlich dafür verantwortlich, dass diese Kunst nicht ausstirbt. Mit Grandmaster Flash and the Furious Five bliebe für diese Aufgabe keine Zeit.

Das Gespräch führte Claus Lochbihler.

Quelle: F.A.Z., 15.06.2007, Nr. 136 / Seite 48
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