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Vor den Grammys : Iggy wer?

Nur die Attitüde ist Hiphop: Iggy Azalea ist auf dem Weg zum Popstar Bild: AP

Regelmäßig werden Newcomer mit Grammys überschüttet, die hierzulande noch weitgehend unbekannt sind. In diesem Jahr sollte man sich zwei der meistnominierten Namen gut merken.

          Iggy Azalea hat etwas erreicht, was zuvor nur den Beatles gelungen war. 1964 belegte die Band Rang eins der American Billboard Charts mit „I Want to Hold Your Hand“, gefolgt von „She Loves You“ auf Rang zwei. Seitdem gelang es Jahrzehnte keinem Künstler, die beiden ersten Plätze der Charts gleichzeitig zu belegen. Bis Iggy Azalea kam: Ihr Lied „Fancy“ mit Charli XCX rangierte im Juni 2014 knapp vor „Problem“ von Ariana Grande, an dem sie ebenfalls mitgewirkt hatte.

          Der Songtitel gibt die Posen vor: Iggy Azalea (rechts) mit Jennifer Lopez bei einem Auftritt in Los Angeles

          Bei diesem Erfolg wirken die zahlreichen Grammy-Nominierungen geradezu folgerichtig. Am Sonntag entscheidet sich, welche Preise Iggy Azalea mit nach Hause nehmen kann: „Fancy“ geht als Aufnahme des Jahres und beste Duo- oder Gruppenperformance ins Rennen, die Platte „The New Classic“ als bestes Rap-Album. Auch eine Auszeichnungen als beste neue Künstlerin winkt. Ihr Künstlername ist übrigens nicht an Iggy Pop angelehnt, sondern an den Namen ihres Hundes aus Kindheitstagen. Im Alter von sechzehn Jahren verließ die Australierin ihre Heimat, um alleine in Amerika zu leben und Rapperin zu werden. Das ist der Stoff, aus dem elterliche Albträume sind. Für Iggy Azalea scheint es sich jedoch gelohnt zu haben.

          Dabei ist die Vierundzwanzigjährige durchaus umstritten. Die australische Rap-Szene möchte nicht mit ihr in einen Topf geworfen werfen, weil sie keinen echten Hiphop macht – ihre Lieder sind reinster Pop, zu dem sie eben rappt. In Amerika hingegen schütteln viele den Kopf, weil sie mit dem Akzent der Südstaaten rappt. Auch ihre Neigung, in Musikvideos ihrem wippenden Allerwertesten eine tragende Rolle zu überlassen, was in einer Kollaboration mit Jennifer Lopez namens „Booty“ seinen vorläufigen Höhepunkt fand, gefällt nicht jedem.

          Ein ganzes Album über unerwiderte Liebe: Das war bisher die Spezialität von Adele. Sam Smith hat aber auch einiges dazu zu erzählen

          Iggy Azalea vereint Widersprüche in sich: Sie gibt sich wie Miley Cyrus und hat den Slang von Missy Eliot – auch wenn ihre trägen Raps mit deren Flow nicht im Ansatz mithalten können. Auch ihre Musikvideos suchen sich Referenzen überall aus, ganz ohne Rücksicht auf einen bestimmten Stil. „Fancy“ wärmt ausschließlich Szenen aus der High-School-Komödie „Clueless“ mit Alicia Silverstone auf, deren Neunziger-Jahre-Garderobe heute fast schon wieder sehenswert ist. In „Black Widow“, turnt sie mit Sängerin Rita Ora durch die Welt der Filme von Quentin Tarantino, allen voran „Kill Bill“. Und im Video zu „Work“, einem ihrer wenigen Stücke, deren Texte inhaltlich über die branchenüblich prollige Angeberei hinausgehen, erzählt sie anhand zahlreicher Filmzitate ihren Karriereweg. Der ist übrigens nicht mehr auf Musik festgelegt: Inzwischen modelt Iggy Azalea auch.

          Viel weniger schrill gibt sich Sam Smith, der zweite multinominierte Newcomer des Jahres. Sein Hit „Stay With Me (Darkchild Version)“ könnte zugleich Aufnahme des Jahres, Lied des Jahres und beste Pop-Soloperformance werden. Der Langspieler „In the Lonely Hour“ ist als Album des Jahres und bestes Pop-Gesangsalbum nominiert. Außerdem konkurriert Sam Smith mit Iggy Azalea um den Titel des besten neuen Künstlers. Das alles erreichte der zweiundzwanzigjährige Brite mit einem Album, das ausschließlich von unerwiderter Liebe handelt – weil er, nach eigenen Angaben, bis dahin im Leben nur diese Erfahrung gemacht hatte.

          So viel Mut zur Verletzlichkeit konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass „Stay With Me“ frappierende Ähnlichkeiten mit „I Won’t Back Down” von Tom Petty aufweist. Sam Smith erklärte, er habe das Lied nicht gekannt, müsse aber zugeben, dass die Verwandtschaft groß sei. Deshalb einigten sich die Musiker darauf, Petty und dessen Kompagnon mit in die Liste der Songwriter aufzunehmen. Das klingt nur auf den ersten Blick nach einem faden Trostpflaster. Tom Petty erhält jetzt nämlich Tantiemen für den äußerst erfolgreichen Song.

          Sam Smiths Weg zur Pop-Karriere lässt sich nur als absolut geradlinig bezeichnen: Der Londoner war als Schüler Mitglied eines Kantatenchors und erhielt Unterricht im Jazzgesang. Später spielte er in mehreren Bands, bevor er das National Youth Music Theatre besuchte, das Musiker und Schauspieler ausbildet. Als Vorbilder benennt er nur Frauen, allen voran Amy Winehouse und Adele, doch seine Musik bedient sich modernerer Mittel: Im Refrain seiner Single „Money On My Mind“ kommt ein Stimmverzerrer zum Einsatz, den die beiden Damen nicht einmal mit der Kneifzange angefasst hätten.

          Der Wiedererkennungswert dieser Hookline ist allerdings enorm. Auch deutschen Radiohörern könnte er inzwischen bekannt vorkommen. Genau wie „Stay With Me“, mit dem die Fernsehsender zurzeit gern besonders rührende Szenen unterlegen. Schließlich liegt das Genre der Powerballade mit Unterstützung durch einen Gospelchor seit R. Kelly weitgehend brach. Eine Nische, für die nun ein Nachfolger gefunden sein dürfte.

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