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Montag, 13. Februar 2012
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Grace Slick zum Siebzigsten Die verhängnisvolle Schönheit der Provokation

30.10.2009 ·  Sie wurde als „selbstbewusste Hurengöttin der Rockmusik“ bezeichnet, und niemand, der ihren Auftritt in Woodstock gesehen hat, wird ihre Aura je vergessen. Grace Slick von Jefferson Airplane predigte Chaos und behielt mit ihrem Alt doch immer die Kontrolle.

Von Edo Reents
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Es war im April 1970, als Grace Slick auf einen Empfang eingeladen war, den Richard Nixons Tochter Tricia im Weißen Haus gab. Die Organisatoren hatten keine Ahnung, wer Grace Slick war, und dachten womöglich, die Tatsache, dass sie eine elitäre New Yorker Mädchenschule besucht hatte, rechtfertige ihr Erscheinen. Sie wurde schon an der Tür abgewiesen, denn sie hatte den Politaktivisten Abbie Hoffman im Schlepptau und versicherte anschließend glaubwürdig, man hätte dem Präsidenten ohnehin nur LSD in den Tee schütten wollen.

Wer war Grace Slick? Franz Schöler nannte sie einst die „selbstbewusste Hurengöttin der Rockmusik“, und das Bemerkenswerte an dieser gar nicht einmal ungalant gemeinten Zuschreibung war das Wort „Rockmusik“, denn Popgöttinen gab es damals weiß Gott genug. Diese geradezu verhängnisvoll schöne Frau mit den eiskalten blauen Augen und dem festen, zuweilen arrogant-starren Blick war die erste und bis heute vielleicht auch Einzige, die nicht nur nicht unter die Räder kam (wie Nico von Velvet Underground), eine äußerst dominante Figur, die fast mit der kompletten Besetzung ihrer Band „Jefferson Airplane“ Affären hatte (mit einem sogar ein Kind, das sie, exaltiert, wie sie war, China taufte) und die das Geld, das sie in den ersten Jefferson-Airplane-Jahren reichlich und mühelos verdiente, mit vollen Händen ausgab. Grace Slick brüskierte die gutbürgerliche Welt, der sie entstammte, bisweilen drastisch, wobei die barbusigen Fotoposen noch zu ihren harmloseren Manövern zählten. In ihrer Widersprüchlichkeit zwischen Herkunft und hedonistischen Zielvorstellungen war sie der weibliche Mick Jagger, von dem sie das Meiste gelernt haben will, ein wenig auch wie die verrückte Linny Raven in Don Siegels Post-Western „Coogan's Bluff“: ein unberechenbares und nicht ganz ungefährliches Biest, das selbst den standfestesten Mann herumkriegt.

Hinterhältige Weise über Alice im Drogenland

Über ihrem Provokationspotential darf aber nicht übersehen werden, dass sie auch musikalisch eine immens wichtige Figur war. Grace Barnett Wing, als Bankierstochter in Chicago geboren, hatte den Filmstudenten Jerry Slick geheiratet und mit diesem in San Francisco die Gruppe „The Great Society“ gegründet, da bekam sie im September 1966 von dem Jefferson-Airplane-Bassisten Jack Casady das Angebot, dieser Band beizutreten, die gerade ihre Debütplatte herausgebracht hatte. Mit ihrem Einstand verpasste sie dem keineswegs reizlosen, aber noch etwas flügellahmen Ungetüm enorme Schubkraft; ihre Kompositionen „Somebody to Love“ und, vor allem, „White Rabbit“ waren Höhepunkte der ohnehin bahnbrechenden, legendären zweiten Airplane-Platte „Surrealistic Pillow“, die der Inbegriff psychedelischer Rockmusik wurde und die Band zu einer gefährlich schillernden Hauptattraktion des Westcoast machte. Wer „White Rabbit“, diese hinterhältige Weise über Alice im Drogenland, die David Fincher im Abspann zu seinem Film „The Game“ laufen lässt, je im dunklen Kinosaal gehört hat, kennt diese Magie: ein sich in bolerohafte Orgiastik steigerndes Kleinod, über das Grace Slicks glasklarer, jede rockspezifische Forcierung meidender, majestätisch nachhallender Alt eine fast unheimliche Kontrolle behält.

Mit verblüffend reservierter, sexuell absolut freizügiger Obszönität propagierte sie Chaos und Anarchie und reicherte auch das weitere Airplane-Repertoire mit Glanzstücken des Acid Rock wie „Lather“ oder „Hey Frederick“ an, bevor sich die Band Jefferson Starship und dann nur noch Starship nannte. Diese Häutungen brachten ungute stilistische Glättungen mit sich, und Grace Slick hatte, alkoholbedingt, irgendwann keine Kraft und Disziplin mehr für ihren einst lauernden Vortragsstil. Das Tina-Turner-Schicksal der Radiokompatibilität mit minderwertigen Titeln blieb ihr, die inzwischen nur noch malt, nicht erspart. Aber lassen wir das. Feiern wir vielmehr voller Verehrung den siebzigsten Geburtstag, den Grace Slick an diesem Freitag begeht.

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