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„Gorillaz“ auf DVD Masken aus Licht

08.08.2006 ·  Wenn es je ein multimediales Pop-Projekt gegeben hat, dann sind es die „Gorillaz“. Trotzdem gab es von ihnen bislang nur einzelne Songs auf DVD. Jetzt hat die virtuelle Band einen großartigen Konzertfilm produziert.

Von Andreas Platthaus
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Die Gäste, die sich im November 2005 an fünf Abenden hintereinander im Opernhaus von Manchester versammelten, schienen ungewöhnlich gehobener Stimmung zu sein. Dabei ging es auf der Bühne zwielichtig zu - sowohl was die Beleuchtung als auch was den Auftritt betraf. Angekündigt waren die „Gorillaz", doch die hatte noch nie jemand zuvor gesehen. Nun sollte in Manchester etwas geschehen, was bei den wenigen Konzertauftritten, die die Band absolviert hatte, immer erwartet worden, doch noch nie passiert war: Die Musiker, so hieß es, würden nicht mehr wie bisher hinter Leinwänden verborgen agieren.

Auf diesen Leinwänden waren immer Trickfilme mit den Bandmitgliedern als affenartigen Wesen gezeigt worden. Immerhin war es den „Gorillaz" gelungen, damit auch ihre fiktiven Existenzen zu vollwertigen Stars zu machen. Und jedes Video der Gruppe bastelte weiter an den individuellen Eigenschaften der Figuren namens 2D, Murdoc Nicolls, Noodle und Russel Hobbs. Hinter diesem graphischen Konzept steckt kein Geringerer als der Brite Jamie Hewlett, der in den neunziger Jahren bereits mit seiner rabiaten Comicfigur „Tank Girl" für Furore gesorgt hatte.

Multimediales Pop-Projekt

Hewletts Stil erkennt man, und über die Identität des Sängers bestand nie ein Zweifel; die markante Stimme von Damon Albarn, dem Kopf der britischen Popgruppe „Blur", war unverkennbar. Damit waren zwei „Gorillaz" bereits der Anonymität entrissen, doch fortan wurde die Fiktion nur noch konsequenter betont.

Die erste „Gorillaz"-Platte fand 2001 sechs Millionen Käufer, deshalb erschien auch ein Video nach dem anderen, die sich sämtlich als kleine Geniestreiche des Animationsfilms entpuppten. Und für die seltenen Bühnenshows entwickelte Hewlett eine ausgefeilte Projektionsdramaturgie, die die musikalische Eklektik der „Gorillaz" um eine filmische ergänzte. Wenn es je ein multimediales Pop-Projekt gegeben hat, dann sind sie es.

Keine Überkünstelung

Trotzdem wurde bislang eine seltsame Zurückhaltung gegenüber dem Medium DVD geübt. Nur einzelne Musikstücke wurden publiziert, zuletzt das wunderbare „Dirty Harry", von dem es nicht nur das Video auf DVD zu bestaunen gibt, sondern als Bonus auch Teile von Hewletts Storyboard-Zeichnungen. Um so größer war die Neugier auf den Mitschnitt der Konzerte in Manchester.

Herausgekommen ist einer der schönsten Konzertfilme - was angesichts der gegenwärtigen Schwemme solcher Produktionen einiges heißen will. Natürlich erweist es sich als hilfreich, daß die Regie nicht nur aufgerufen war, ein paar herumspringende Musiker aufzunehmen. Die „Gorillaz" traten zwar tatsächlich selbst auf die Bühne, doch sichtbar gemacht wurden sie nur als Silhouetten vor großen transparenten Farbpaneelen, während die zahlreichen Gaststars, die man für die zweite Langspielplatte „Demon Days" gewonnen und nun fast vollständig mit nach Manchester gebracht hatte - Neneh Cherry, De La Soul, Ike Turner, Roots Manuva und „Happy Mondays"-Sänger Shaun Ryder, um nur die bekanntesten zu nennen -, ins volle Scheinwerferlicht gesetzt wurden, so daß der Konzertfilm nie Gefahr läuft, ins Überkünstelte abzugleiten.

Meisterstücke der Bildregie

Bemerkenswert ist denn auch weniger die Einspielung von zahlreichen Trick- und auch Dokumentarfilmchen (die auf der DVD alle separat betrachtet werden können) als vielmehr die fulminante Licht- und Farbregie. Nicht nur, daß plötzlich wie aus dem Boden gewachsen ein Kinderchor auf der Bühne steht, der sich in einer dunklen Bühnenzone aufgestellt hatte - die Kamera schafft es auch, jene Momente einzufangen, in denen ein einzelner Scheinwerfer die Hände des Gitarristen Simon Tong aus dessen Schattenbild herauslöst. Ohne daß das Incognito komplett gelüftet würde, ist so im Bild inszeniert, was den eigentlichen Kern von Tongs Existenz als „Gorillaz"-Mitstreiter ausmacht.

Die Silhouette von Albarn am Klavier ist in der Mitte der schmalen Opernbühne plaziert. Doch neben dem vollständig sichtbaren zwölfköpfigen Streichensemble und den gleichfalls komplett ausgeleuchteten vier Backgroundsängern tritt sie nicht in den Vordergrund - Hewlett hat hier sein Meisterstück als Bildarrangeur abgeliefert. Wenn dann bisweilen noch durch Infrarotaufnahmen die Reaktionen des Publikums im nachtschwarzen Saal sichtbar gemacht werden oder die Figuren 2D und Murdoc plötzlich aus einer Loge herab die Zuschauer zum Jubeln anstacheln, dann ist eine geradezu traumwandlerische Mischung aus Fiktion und Realität erreicht.

Demaskierung als ästhetischer Leitbegriff

Und schließlich, in dem zauberhaften Stück „Hong Kong", das die „Gorillaz" für die Hilfsorganisation „War Childs" geschrieben haben, tritt plötzlich Alharn ins Licht und ans Mikrophon. Erstmals werden die Masken ganz fallen gelassen, und das Opernhaus dankt es ihm mit stehenden Ovationen. Doch nach diesem schüchternsten aller denkwürdigen Auftritte der Rockgeschichte wird noch eine Zugabe gespielt: „Latin Simone", für das die „Gorillaz" vor fünf Jahren Ibrahim Ferrer als Gastsänger gewinnen konnten. Er starb im August 2005, und so vermag seine Stimme von Alharns Demaskierung wieder zurückzuführen in den Bereich des Zwielichtigen, das als ästhetischer Leitbegriff über allem steht, was diese atemraubende DVD bietet.

Gorillaz: „Demon Days - Live at the Manchester Opera House“, EMI. Großbritannien 2006. 70 Minuten. Extras: Separateinspielung aller auf der Bühne projizierten Filmsequenzen.

Quelle: F.A.Z., 08.08.2006, Nr. 182 / Seite 35
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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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