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Zum Tod von Glen Campbell : Wie sein großer Ruhm nachglühte

Sänger Glen Campbell auf einem Archivfoto von 2008 Bild: Reuters

Glen Campbell wusste mit der Gitarre, dem Mikrofon, dem Schießeisen, dem Pferd und mit der Whiskeyflasche gleichermaßen umzugehen. Jetzt ist der Countrysänger gestorben. Ein Nachruf.

          Er entstammte der Epoche klassischen Entertainments, das sich dem, was in den späten Sechzigern „Subkultur“ hieß, noch nicht anzubiedern brauchte; es war schon aus eigenem Recht „Pop“ und für gesellschaftskritische Fragen zu erwachsen. Während sich die Blumenkinder im Schlamm von Woodstock wälzten und wenig später der Altamont-Horror die Party freier Liebe und freier Musik schnell wieder beendete, schwebte Glen Campbell mit seinem strahlenden Lächeln über Los Angeles.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          In jeder Hinsicht ein Autodidakt, hatte er, nach zum Teil bitteren Erfahrungen als Sessionmann für Genies wie Frank Sinatra, Elvis Presley und die Beach Boys, herausgefunden, dass man auch ein gesamtamerikanischer Star werden konnte, ohne etwas herausragend zu beherrschen – wahres Talent zeigte sich in seinem Fall darin, dass er mit der Gitarre, dem Mikrofon, dem Schießeisen, dem Pferd und mit der Whiskeyflasche gleichermaßen umzugehen wusste. Ende des Jahrzehnts erklärte ihn die Country Music Association zum Entertainer des Jahres, für „Gentle On My Mind“ bekam er fünf Grammys und eine Oscar-Nominierung für den Song „True Grit“ in dem gleichnamigem Western (deutsch „Der Marshall“), in dem er an der Seite von John Wayne auch als Heißsporn eine gute Figur machte.

          Wenn sein Stern zu dieser Zeit besonders hell leuchtete, dann natürlich wegen des Songmaterials, das Jimmy Webb ihm überlassen hatte. Es gibt von „By the Time I Get to Phoenix“, das eines der meistgespielten und -nachgesungenen Lieder der Popgeschichte ist, sicherlich kompetentere Versionen; aber Glen Campbell verlieh dem traurig-tragischen Stoff jene gefasste, geglättete Anmut, ohne die es nun einmal keinen Massenerfolg gab. „Wichita Lineman“ und „Galveston“, ebenfalls aus der Feder von Webb, katapultierte er mit seinem gefälligen Tenor, der in besonderer Gefühlslage leichte Jodler barg, ebenfalls in die Liga der absoluten Schnulzen-Kassenschlager. Bis heute hat er mehr als fünfzig Millionen Platten verkauft.

          Sein Ruhm war damals so groß, dass er lange nachglühte. 1975 präsentierte er sich mit einem Larry-Weiss-Titel als der, der er immer schon gewesen war: als „Rhinestone Cowboy“, der, ähnlich wie später Robert Redford als „Elektrischer Reiter“, in seinem strassbesetzten Anzug lächerlich wirken mag, seiner musealen Rolle mit der Treue eines Mannes, der nicht anders kann, aber doch Würde wahrt. Bevor er sich einer Frömmelei ergab, für die damals auch andere anfällig waren, sicherte ihm die vom New-Orleans-Midas Allen Toussaint und dem Rock-Veteranen Jack Nitzsche hochkommerziell produzierte Platte „Southern Nights“ Anschluss an die Disco-Ära.

          Die Schlagzeilen, die er danach machte, hatten mit seiner Kunst nichts mehr zu tun. „Ghost On The Canvas“ (F.A.Z. vom 15. September 2011) wurde sein Vermächtnis, die Alzheimer-Krankheit entließ ihn in eine Dämmerung, in der ihm jegliche Erinnerung an sein erfülltes Cowboy- und Countrysängerleben schwand. Am Dienstag ist Glen Travis Campbell, der aus Arkansas stammte, einundachtzigjährig in einem Pflegeheim in Nashville gestorben.

          „Rhinestone Cowboy“ : Countrysänger Glen Campbell gestorben

          Quelle: F.A.Z.

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