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Aktualisiert: 31.05.2014, 11:21 Uhr

Gitarrist Jeff Beck auf Welttournee Donnerschläge und Zungenküsse

Trotz seiner großen Karriere ist der Rockgitarrist Jeff Beck immer experimentierfreudig und risikobereit geblieben. Jetzt geht das Kraftpaket mit fast siebzig Jahren wieder auf Welttournee.

von Peter Kemper
© dpa Jeff Beck: Kein zweiter Gitarrist - von Jimi Hendrix abgesehen - ist im Laufe seiner Karriere so viele stilistische Wagnisse eingegangen wie er.

Es gibt heute keinen Gitarristen, der sein Spiel stärker der gesprochenen Sprache annähert, als Jeff Beck. Wenn er mit Hilfe seines Vibratohebels einen einzeln angeschlagenen Ton in Melodielinien auflöst, wenn er die Töne wie Wörter kombiniert und plötzlich ein trockenes Riff wie ein Ausrufungszeichen in eine Klangfolge einstreut, dann meint man einem Vorleser zu lauschen, der aus uralten Geschichten gänzlich neue Erzählungen destilliert. Immer wieder kehren Satzmelodien, wie wir sie aus der Alltagssprache kennen, in seinen Phrasierungen wieder, Bekenntnisse der Begeisterung, des Erstaunens, der Zustimmung oder des Protests, Wutausbrüche und Versöhnungsangebote.

Vielleicht musste er die vokalen Qualitäten seines Spiels perfektionieren, weil er kein großer Songwriter ist; singen kann er erst recht nicht. Wahrscheinlich wurde gerade deshalb sein „Hi Ho Silver Lining“ in englischen Fußballstadien längst Kult-Hymne. Noch in anderer Hinsicht ist Jeff Beck, der im Juni seinen siebzigsten Geburtstag feiert, ein Unikat: Kein zweiter Gitarrist - sieht man einmal von Jimi Hendrix ab - ist im Laufe seiner Karriere so viele stilistische Wagnisse eingegangen wie er.

Noch in der härtesten Attacke verbirgt sich ein Rest Zärtlichkeit

Als Einziger des legendären Gitarren-Triumvirats, das bei den Yardbirds regierte (Clapton, Beck, Page), ist er immer hungrig und risikobereit geblieben. Nie hat Beck sich auf dem Erreichten ausgeruht. Er sog alle musikalischen Einflüsse seiner Umgebung auf und vertraute sie der Umschmelzkraft seiner weißen Fender-Stratocaster an: vom frühen Heavy-Pop der Yardbirds-Jahre, dem rabiaten Bluesrock der Jeff Beck Group mit Rod Stewart und Ronnie Wood, dem kurzlebigen Power-Trio Beck, Bogert & Appice über die Fusionjazz-Manifeste mit George Martin, über Funk und Disco, Trance und Electronica, über Giacomo Puccini („Nessun Dorma“) und Gustav Mahler („Adagietto“), indische und zuletzt arabische Musik bis zu Industrial und Doom Metal.

Jeff Beck in concert in Seoul © dpa Vergrößern Auf Welttournee präsent sich das neue Quartett um Jeff Beck als unglaubliches Kraftpaket, muskulös und mit feinnervigem Groove.

Derzeit ist er mit neuer Band und neuem Material auf Welttournee. Nach Konzertreihen in Japan, Australien, Amerika und England ist er nun auch in Deutschland zu hören. Im ausverkauften New Theatre von Oxford präsentierte sich das neue Quartett gerade als unglaubliches Kraftpaket, muskulös und mit feinnervigem Groove. Der Song „Loaded“ kommt gleich mit schwerblütigen Industrial-Infusionen daher. Die neue Komposition „Nine“ vereint alle Ingredienzien, die ein Beck-Stück braucht, damit es seine Explosivkraft entfalten kann: riffbasierten Rock mit orchestralen Untertönen. Mit „You Know You Know“ legt er dann eine betörende Mahavishnu-Orchestra-Cover-Version nach, die mit ihren kalkulierten Stop-and-Go-Momenten die Rhythmusgruppe hörbar enthusiasmiert.

Ronda Smith am Bass wechselt zwischen elektrifizierten und akustischen Instrumenten, schärft ihr Spiel durch elektronische Modulationen und weiche Verzerrungen an und fühlt sich beim peitschenden „Slapping“ in einem Funk-Groove-Titel wie „Why Give It Away“ ganz zu Hause. Die frühere Prince-Bassistin lässt im Zusammenspiel mit Becks neuem Schlagzeuger Jonathan Joseph mit fast beängstigender Präzision eine mächtige Rhythmusachse rotieren.

Die Hendrix-Ballade „Little Wing“ beginnt wie ein zartes Gitarrenduett und mutiert zum Flügelschlag eines Metal-Monsters. Gerade noch im freundschaftlichen Zwiegespräch mit Nicolas Meier - dem wesentlich jüngeren zweiten Gitarristen -, lässt Beck plötzlich seine Stratocaster wie ein waidwundes Raubtier fauchen, nur um schon im nächsten Moment einen verführerischen Sirenengesang anzustimmen - der Meister braucht eben Material, das ihm Freiraum für überraschende Manöver lässt. „Big Block“ mit seiner betäubenden Schwerkraft schafft sich so ein eigenes Gravitationsfeld: Hier entstehen Gitarrensounds, die man bisher nicht für möglich gehalten hat.

Jeff Beck © AP Vergrößern Hat die Ausdrucksmöglichkeiten der E-Gitarre immer wieder über ihre bekannten Grenzen hinausgetrieben: Jeff Beck.

Beck vertraut noch immer auf seine subtile Fingertechnik und weniger auf elektronische Effekte. Er spielt vornehmlich mit dem Daumen, streut gern ein paar Hochgeschwindigkeits-Pickings ein und schafft durch feinfühligen Umgang mit dem Lautstärkeregler der Gitarre seine unverkennbaren Schwellton-Kaskaden. Bewundernswert ist die Ökonomie von Becks Spiels: Kein Stück gerät ihm zu lang, nie gibt es musikalischen Leerlauf, er beschränkt seine Soli stets auf die Essenz der melodischen Möglichkeiten. Während das neue Stück „Choral“ an die jubilierende Schwermut bulgarischer Frauenchöre erinnert, hat sich „A Day In The Life“ (Lennon/McCartney) in Becks Händen über die Jahre zu einem Lehrstück der Vergeblichkeit entfaltet.

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Donnerschläge und Zungenküsse: Jeff Beck kann noch in der härtesten Attacke einen Rest Zärtlichkeit verbergen. Mit einer einzigen melodischen Wendung packt er dich plötzlich an der Kehle, schüttelt dich durch und entlässt dich dann mit versöhnlichen Liebkosungen. So kultiviert er die hohe Kunst hinterhältiger Finesse. Selbst Jimmy Page, seit Jahren Besucher der Konzerte seines Freundes, tanzt am Ende regelmäßig vor Begeisterung auf dem Sitz. Er weiß, dass Beck die Ausdrucksmöglichkeiten der E-Gitarre immer wieder über ihre bekannten Grenzen hinausgetrieben hat. Der Mann machte zeitlebens ernst mit Rimbauds Credo „Ich ist ein Anderer“. Jeff Beck hat aus dem Schwanken seiner musikalischen Identität eine kostbare Tugend gemacht.

Jeff Becks Konzerte in Deutschland

30. Mai Berlin

1. Juni Offenbach

2. Juni München

15. Juli Hamburg

17. Juli Freiburg

18. Juli Stuttgart

19. Juli Singen-Hohentwiel.

Glosse

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Von Jan Brachmann

Auf dem alten Pfanni-Gelände soll der neue Konzertsaal Münchens gebaut werden. Doch erst mal erklingen an dieser Stelle andere Töne: Das Festival „Stars and Rising Stars“ kokettiert mit Arroganz und Kirschwasser. Mehr 1

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