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Giorgio Moroder zum Siebzigsten Ich fühle Liebe

 ·  Ob München oder Italien - Hauptsache, Discomusik: Was dieser Produzent anpackte, das glänzte. Er schrieb Hymnen für Olympische Spiele und vertonte „Metropolis“ neu. Heute wird Giorgio Moroder, der Neffe Luis Trenkers, siebzig Jahre alt.

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Marvin Gaye hat seinen letzten großen Hit „Sexual Healing“ in Ostende geschrieben. Brian Eno wohnte auf einem Bauernhof im Weserbergland. Und Donna Summer in der Nymphenburger Straße 124 in München, damals in den siebziger Jahren, als München dank ihr und dem Südtiroler, der sie produzierte, die Hauptstadt von Disco war oder besser noch: der Regierungssitz. Denn in München residierte Giorgio Moroder mit seinem „Musicland“-Studio im Arabellapark, und alle kamen sie zu ihm, selbst Rocker wie die Rolling Stones oder Led Zeppelin. Weil Moroder offenbar Zauberhände hatte. Oder mit seinen Synthesizern einfach nur so gut rechnen konnte, dass sie Rhythmen pumpten wie ein aufgeregtes Herz, kurz vorm Ausgehen in die Nacht: „I Feel Love“, gesungen von Donna Summer, der Discosong aller Discosongs, war eigentlich ein siebzehn Minuten langes Kardiogramm.

Die Hauptstadt von Disco wurde dann New York, aber das ist eine andere Geschichte. Die Geschichte von Hansjörg Moroder dagegen, der aus dem Grödnertal kam, ein Verwandter Luis Trenkers, und dann von München aus dem Elektropop auf die Welt half; der drei Oscars einstrich für Filmmusiken, Hymnen schrieb für Olympische Spiele und Fußballweltmeisterschaften; der Fritz Langs „Metropolis“ mit neuem Soundtrack ins Kino brachte und einen Luxussportwagen für sechshunderttausend Dollar entwarf - diese Geschichte handelt auch von den wundersamen Adressen, die internationale Popmusik beziehen kann. Ein Weltsänger des Soul schrieb im Exil an der belgischen Nordseeküste das eine Lied für gewisse Stunden. Ein Revolutionär der elektronischen Komposition zog von London in ein bundesrepublikanisches Mittelgebirge, um dort von den hellsten Köpfen der als „Krautrock“ verunglimpften deutschen Supermusik zu lernen, wie man noch besser Traditionen links liegen lässt, auf der Suche nach ungehörten Klängen.

Vorläufer der „Love Parade“

Dieser Londoner, Brian Eno also, sah dann mit Giorgio Moroders „I Feel Love“ den neuen Tag gekommen. Eno war selbst in Deutschland - nicht bei Harmonia im Weserbergland, sondern in Berlin mit David Bowie - gewesen, als der Song 1977 herauskam, den Donna Summer mit Moroder und Pete Bellote in München geschrieben hatte. Was muss die Bundesrepublik damals nur für ein Ort gewesen sein, wie muss sie sich selbst bestaunt haben! Es gab natürlich auch Gegenstimmen: „Alle woll'n dasselbe / Travolta in die Elbe“, verkündete die Zeitschrift „Musik Express“ damals, von Disco und seinen Vortänzern hielt man offenbar nichts.

Aber wer etwas davon verstand, wie Eno zum Beispiel, der erkannte in den elektronischen Impulsen aus Moroders Synthesizer eben die Zukunft: Eno selbst phantasierte davon, die Kälte von Kraftwerk aus Düsseldorf mit der Hitze der amerikanischen Funkband Parliament zu koppeln, die Reaktion müsse doch enorm sein. Ein Lied wie „I Feel Love“ oder „No. 1 Song in Heaven“ von den Sparks, das Moroder 1979 produziert hatte, oder sein eigenes Synthesizer-Album „From Here to Eternity“ (1977), ohne das es weder Depeche Mode noch die „Love Parade“ gegeben hätte, kamen diesem Ziel sehr nahe.

Dieses euphorische, gefährliche Herz

In den achtziger Jahren begann dann die Zeit der Großprojekte für Moroder, Hymnen, Autos, „Metropolis“, wofür er schwer kritisiert wurde; aber weil er so oft genau richtig lag, traute er sich eben einfach alles zu. Wer vom letzten WM-Sieg der deutschen Fußballnationalelf 1990 in Italien träumt, singt bis heute Moroders „Un Estate Italiana“ dazu, im Chor mit Gianna Nannini. Und vielleicht hilft auch der Fußball, eine Figur wie Giorgio Moroder besser zu verstehen, denn im Grunde ist er eine Art Franz Beckenbauer der Popmusik: aufgewachsen im Alpenland, zu Hause im Kosmos New York.

Seinen letzten großen Augenblick hatte Moroder in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“, in der ergreifendsten Szene des Films: Da macht sich Shosanna alias Mèlanie Laurent hübsch, um in ihrem Pariser Kino die versammelte Nazibande samt Hitler abzufackeln, und während sie sich die Lippen nachzieht, läuft „Putting out fire with gasoline“, gesungen von David Bowie, produziert von Giorgio Moroder. Und wieder pochte da dieses euphorische, gefährliche Herz vor dem großen Auftritt. Giorgio Moroders Musik ist immer Selbstinszenierungsmusik gewesen. Längst lebt der Südtiroler in Los Angeles. An diesem Montag wird er siebzig Jahre alt.

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26.04.2010, 12:22 Uhr

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