http://www.faz.net/-gqz-8zs9r

Geschäftsmodell Pop-Festival : Nur die Sonne ist gratis

  • -Aktualisiert am

Manche Popfestivals sind zu international operierenden Marken geworden – wie das „Lollapalooza“, das es in Berlin gibt, aber im brasilianischen Sao Paulo auch. Bild: EPA

Größer, lauter, teurer, immer die gleichen Stars: Manche Pop-Festivals sind zu international operierenden Marken geworden. Über das Geschäftsmodell Festival.

          Sommerzeit ist Festival-Zeit, auch in der Pop-Musik. Unter dem Sternenhimmel bis in den Morgengrauen tanzen, für einige Tage die Routine durchbrechen und auf einem Platz mit vielen Gleichgesinnten feiern, dabei neue Musik und Künstler entdecken, notfalls auch im Regen. Musikfans können in Deutschland heute aus über zweihundert Festivals wählen, davon alleine über dreißig in Berlin und seiner Umgebung. Im Stadtbild begegnet man derzeit riesigen Postern, die die großen Open Airs in der Gegend bewerben: Sie heißen „Melt!“, „Splash!“ oder „Lollapalooza“.

          Überraschungen sucht man auf den großen Veranstaltungen aber vergeblich, die Macher gehen in Programmfragen kein Risiko ein. Beim „Melt!“-Festival stehen beispielsweise dieses Jahr Künstlernamen ganz oben auf den Plakaten, wie man sie seit Jahren auf Festivals sieht: Die Antwoord, M.I.A., Phoenix, Fatboy Slim oder Richie Hawtin . „Lollapalooza“, das einzige Sommerfestival, das in der Hauptstadt stattfindet, setzt auf Bewährtes, die Foo Fighters, Mumford + Sons und The xx – und dazu noch auf Künstler, die aus dem Hitradio bekannt sind, und auf EDM, so kürzt man die an Kirmes-Techno erinnernde, amerikanische Version elektronischer Tanzmusik ab. Die Avantgarde muss woanders tanzen. Gibt es in der Hauptstadt und seinem Umland vielleicht einfach zu viele Festivals?

          Die Kultur der Gästeliste in Berlin ist ein Problem

          Steffen Hack, Betreiber des Berliner „Watergate“-Clubs, antwortet: „In Berlin haben wir aufgrund der Club- und Veranstaltungsdichte eigentlich jedes Wochenende eine dezentralisierte Festival-Situation. Festivals sind als Großveranstaltungen nicht jedermanns Sache, Clubs dagegen sind cool.“ Das Berlin-Festival, das 2015 mangels Erfolg von der Bühne trat, ist ein Symptom dafür, dass Open Airs in der Hauptstadt schwierig zu organisieren sind. „In der Stadt existieren einfach immer weniger Veranstaltungsorte, bei denen es keinen Ärger mit Ämtern und Anwohnern gibt“, sagt Steffen Hack. Auch die Kultur der Gästeliste in Berlin – Veranstalter sprechen von dreißig bis fünfzig Prozent nicht zahlender, „auf der Gästeliste“ stehender Besucher pro Veranstaltung – schlägt sich natürlich auf die Einnahmen nieder.

          Hohe Eintrittspreise lassen sich bei Großveranstaltungen nicht durchsetzen – weil das meist junge Zielpublikum sich das schlicht nicht leisten könnte. Ohne kommerzielle Sponsoren ist ein großes Festival kaum zu finanzieren, Marken-Banner und von Marken gesponserte Bühnen sind auf vielen großen Open Airs allgegenwärtig.

          Eine Explosion der Gagen

          Doch vor allem leidet die Programmgestaltung. „Die Gagenforderungen von angesagten Künstlern sind aktuell astronomisch – bei gleichzeitig hartem Wettbewerb“, erklärt Stefan Lehmkuhl, der „Melt!“ und auch „Lollapalooza“ veranstaltet. Generell spricht man in der Branche von einer Explosion der Gagen, rund die Hälfte des Budgets geben Festivals heute für Künstlerhonorare aus. Vor allem bei den Bieterschlachten um die sogenannten Headliner, also die großen Bands und Stars, die das Publikum auf die Veranstaltungen ziehen, geht es um viel Geld. Und an die richtig großen Künstler der globalen Pop-Musik kommt man nur schwer ran.

          Beispielsweise Kanye West: Der amerikanische Superstar ist für Festivals nicht unter ein bis anderthalb Millionen Dollar pro Show zu buchen. Bei Rihanna, Drake oder Jay-Z sieht es ähnlich größenwahnsinnig aus, dazu kommen Exklusiv-Verträge mit weltweit operierenden Musikveranstaltern, für die der Berliner und deutsche Open-Air-Markt wenig lukrativ ist. Eine weitere Hürde ist die zunehmende Globalisierung des Festival-Geschäfts. Traditionsreiche Veranstaltungen in Europa stehen plötzlich in Konkurrenz mit neuen Festivals in Südostasien oder Südamerika, wo die neue Mittelklasse sich ebenfalls amüsieren möchte – und oft weitaus höhere Gagen gezahlt werden als bei deutsche Veranstaltungen.

          Weitere Themen

          Kleiner Panda begeistert Franzosen Video-Seite öffnen

          Zoo von Beauval : Kleiner Panda begeistert Franzosen

          Der kleine Panda Yuan Meng verzückt derzeit die Besucher des Zoos Beauval im französischen Saint-Aignan. Dort wurde das Jungtier bereits Anfang August geboren. Jetzt feierte der neue Star des Zoos seinen ersten Auftritt vor den Besuchern. Seine Patin ist die Gattin des französischen Staatspräsidenten.

          Topmeldungen

          SPD vor Groko-Abstimmung : Muss Schulz Opfer bringen?

          In Bonn entscheiden am Sonntag 600 Delegierte darüber, ob die Sozialdemokraten regierungsfähig bleiben. In vielen Landesverbänden wird ein Zeichen des Neuanfangs verlangt – dabei geht es auch um die Zukunft des Parteichefs.

          Ein Jahr im Amt : „Trump hat Deutschland aufs Korn genommen“

          Von echter Zuneigung zwischen dem Kanzleramt und dem Weißen Haus lässt sich kaum sprechen. F.A.Z.-Außenpolitikchef Klaus-Dieter Frankenberger bezieht im FAZ.NET-Videointerview Stellung zum jüngsten Stand der deutsch-amerikanischen Beziehungen.

          Schmerzmittel : Ibuprofen am Pranger

          Viele Schmerzmittel versprechen Besserung, doch Nebenwirkungen werden oft unterschätzt. Eine neue Studie zeigt: Regelmäßige Einnahme von Ibuprofen kann den männlichen Hormonspiegel empfindlich verändern. Kann darunter gar die Zeugungsfähigkeit leiden?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.