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Veröffentlicht: 17.07.2017, 16:07 Uhr

Geschäftsmodell Pop-Festival Nur die Sonne ist gratis

Größer, lauter, teurer, immer die gleichen Stars: Manche Pop-Festivals sind zu international operierenden Marken geworden. Über das Geschäftsmodell Festival.

von Daniel Haaksman
© EPA Manche Popfestivals sind zu international operierenden Marken geworden – wie das „Lollapalooza“, das es in Berlin gibt, aber im brasilianischen Sao Paulo auch.

Sommerzeit ist Festival-Zeit, auch in der Pop-Musik. Unter dem Sternenhimmel bis in den Morgengrauen tanzen, für einige Tage die Routine durchbrechen und auf einem Platz mit vielen Gleichgesinnten feiern, dabei neue Musik und Künstler entdecken, notfalls auch im Regen. Musikfans können in Deutschland heute aus über zweihundert Festivals wählen, davon alleine über dreißig in Berlin und seiner Umgebung. Im Stadtbild begegnet man derzeit riesigen Postern, die die großen Open Airs in der Gegend bewerben: Sie heißen „Melt!“, „Splash!“ oder „Lollapalooza“.

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Überraschungen sucht man auf den großen Veranstaltungen aber vergeblich, die Macher gehen in Programmfragen kein Risiko ein. Beim „Melt!“-Festival stehen beispielsweise dieses Jahr Künstlernamen ganz oben auf den Plakaten, wie man sie seit Jahren auf Festivals sieht: Die Antwoord, M.I.A., Phoenix, Fatboy Slim oder Richie Hawtin . „Lollapalooza“, das einzige Sommerfestival, das in der Hauptstadt stattfindet, setzt auf Bewährtes, die Foo Fighters, Mumford + Sons und The xx – und dazu noch auf Künstler, die aus dem Hitradio bekannt sind, und auf EDM, so kürzt man die an Kirmes-Techno erinnernde, amerikanische Version elektronischer Tanzmusik ab. Die Avantgarde muss woanders tanzen. Gibt es in der Hauptstadt und seinem Umland vielleicht einfach zu viele Festivals?

Die Kultur der Gästeliste in Berlin ist ein Problem

Steffen Hack, Betreiber des Berliner „Watergate“-Clubs, antwortet: „In Berlin haben wir aufgrund der Club- und Veranstaltungsdichte eigentlich jedes Wochenende eine dezentralisierte Festival-Situation. Festivals sind als Großveranstaltungen nicht jedermanns Sache, Clubs dagegen sind cool.“ Das Berlin-Festival, das 2015 mangels Erfolg von der Bühne trat, ist ein Symptom dafür, dass Open Airs in der Hauptstadt schwierig zu organisieren sind. „In der Stadt existieren einfach immer weniger Veranstaltungsorte, bei denen es keinen Ärger mit Ämtern und Anwohnern gibt“, sagt Steffen Hack. Auch die Kultur der Gästeliste in Berlin – Veranstalter sprechen von dreißig bis fünfzig Prozent nicht zahlender, „auf der Gästeliste“ stehender Besucher pro Veranstaltung – schlägt sich natürlich auf die Einnahmen nieder.

Hohe Eintrittspreise lassen sich bei Großveranstaltungen nicht durchsetzen – weil das meist junge Zielpublikum sich das schlicht nicht leisten könnte. Ohne kommerzielle Sponsoren ist ein großes Festival kaum zu finanzieren, Marken-Banner und von Marken gesponserte Bühnen sind auf vielen großen Open Airs allgegenwärtig.

Eine Explosion der Gagen

Doch vor allem leidet die Programmgestaltung. „Die Gagenforderungen von angesagten Künstlern sind aktuell astronomisch – bei gleichzeitig hartem Wettbewerb“, erklärt Stefan Lehmkuhl, der „Melt!“ und auch „Lollapalooza“ veranstaltet. Generell spricht man in der Branche von einer Explosion der Gagen, rund die Hälfte des Budgets geben Festivals heute für Künstlerhonorare aus. Vor allem bei den Bieterschlachten um die sogenannten Headliner, also die großen Bands und Stars, die das Publikum auf die Veranstaltungen ziehen, geht es um viel Geld. Und an die richtig großen Künstler der globalen Pop-Musik kommt man nur schwer ran.

Beispielsweise Kanye West: Der amerikanische Superstar ist für Festivals nicht unter ein bis anderthalb Millionen Dollar pro Show zu buchen. Bei Rihanna, Drake oder Jay-Z sieht es ähnlich größenwahnsinnig aus, dazu kommen Exklusiv-Verträge mit weltweit operierenden Musikveranstaltern, für die der Berliner und deutsche Open-Air-Markt wenig lukrativ ist. Eine weitere Hürde ist die zunehmende Globalisierung des Festival-Geschäfts. Traditionsreiche Veranstaltungen in Europa stehen plötzlich in Konkurrenz mit neuen Festivals in Südostasien oder Südamerika, wo die neue Mittelklasse sich ebenfalls amüsieren möchte – und oft weitaus höhere Gagen gezahlt werden als bei deutsche Veranstaltungen.

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