http://www.faz.net/-gqz-8znf6

Gerhard Polt und Tote Hosen : Die Leut’ kommen halt wegen dem Singen

Immer noch gut bei Stimme: Sänger Campino von den Toten Hosen. Bild: dpa

Was passiert, wenn die Well-Brüder und die Toten Hosen zusammen auf einer Bühne stehen? Punkrocker spielen auf einmal Zither und Hackbrett. Durch den Abend führt Gerhard Polt.

          Ein Risiko ist es für alle, wenn sich der bayerische Kabarettist Gerhard Polt und seine schelmisch musizierenden Partner, die Well-Brüder, gemeinsam mit der Düsseldorfer Rockband Die Toten Hosen auf eine Bühne begeben. Polt und die Wells können sich der Hochachtung respektabler Kulturkenner sicher sein. Warum sollten sie die aufs Spiel setzen? Doch vielleicht ist das Risiko für die Toten Hosen noch größer: Die Band pflegt, wie man im Fußball sagen würde, über den Kampf ins Spiel zu kommen.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Sänger Campino spricht kurz vor Konzertbeginn von einer „inneren Ritterrüstung“, mit der sie sonst nach draußen stürmen. Das geht auf der gemeinsamen Tour „Im Auge des Trommelfells“ nicht. Da kommt es auf Sensibilität für subtile Regungen im Publikum an, da sehen sich die Toten Hosen Instrumentalvirtuosen gegenüber, den Wells, vor denen sie bestehen wollen. Das gelingt am Sonntagabend im ausverkauften Ludwigsburger Forum am Schlosspark – so gut, dass sich die drei Parteien auf der Bühne nicht nur nichts wegnehmen, sondern sich ergänzen, anstacheln, bereichern. Schon zum Einstieg merkt man: Da hat jemand Lust. Die Well-Brüder bieten ein zum Ort passendes Gstanzl dar: „Und wie der Stuttgarter Kessel entstanden is / woß bei uns jedes Kind / da hot a Schwob fuffzg Cent verlorn / und hot gschaut, dass ers wieder findt.“ Durch den Abend führt Gerhard Polt als Musikagent von einer windigen „Eagle Wing Event Association“, der die Toten Hosen unter Vertrag nehmen will. „Wir haben immer versucht, junge Menschen, die noch unbekannt sind, noch im Ungefähren, zum Durchbruch zu verhelfen“, sagt Polt alias Agent Schikaneder. Eine Figur mit diesem jedem Mozart-Freund geläufigen Nachnamen kennt man aus früheren Polt-Programmen, auch sonst taucht bewährtes Personal auf: der Hinreiner Rudi etwa, ein Mensch, der wie so viele in Polts Kosmos direkt dem Leben abgeschaut ist. Der Musikagent ist dabei sicher nicht seine stärkste Figur. Aber nicht die stärkste heißt in Polts Fall immer noch: sehr lustig.

          Einladung zur Hausmusik

          Der erste Song der Toten Hosen, bei dem selbstverständlich die Well-Brüder mitspielen, heißt „Strom“ – vor Jahren ein Paukenschlag zum Konzertbeginn. Diesmal fügt er sich organisch ins Ganze ein. Das liegt auch daran, dass es, anders als bei früheren gemeinsamen Auftritten, nicht zum Konzept des Abends gehört, sich zu duellieren. Landsmannschaftliche Frotzeleien bleiben auf ein Minimum beschränkt, und die Toten Hosen spielen im Wesentlichen unplugged. Dass sie das beherrschen, haben sie schon vor Jahren am Wiener Burgtheater gezeigt. Die Verbindung zwischen den Düsseldorfern und den Bayern währt schon lange. Kennengelernt haben sie sich vor dreißig Jahren bei einem Festival gegen die geplante atomare Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf. Sie einte das Bedürfnis, sich politisch zu engagieren, aber auch das Gefühl, bei den Weltverbesserern nicht hundertprozentig richtig zu sein. Später wurden die Toten Hosen in die Großfamilie Well zur Hausmusik eingeladen, wo sie mit den Instrumenten in Berührung kamen, an denen sie sich auch in Ludwigsburg versuchten: Hackbrett oder Zither.

          Duett: Campino und der Gitarrist Kuddel.

          Aus welchen Gründen auch immer gilt in Deutschland gerade nicht Polt, sondern Jan Böhmermann als Goldstandard der hintersinnigen Gesellschaftskritik. Campino hat sich mit ihm im Frühjahr verbal beharkt, manche haben ihm deshalb vorgeworfen, er habe so das – gute – neue Album der Band bewerben wollen; andere, er habe nun wirklich überhaupt nichts verstanden, Spaß schon gar nicht. Mag sein, dass sich Campino etwas verkämpft hat, weil er halt immer kämpft; aber an Humor oder Subversion mangelt es den Toten Hosen durchaus nicht.

          Das zeigte sich auch in Ludwigsburg, als die Band genüsslich ihren größten, meistens verhöhnten Hit auseinandernehmen ließ: „An Tagen wie diesen, muss jeder einmal pieseln.“ Auch dass der Musikagent Schikaneder vor allem Volksmusikstars unter seinen Fittichen hat, entbehrt im Hinblick auf mehrheitsfähige Vorhaltungen, die Toten Hosen seien Mainstream, nicht einer gewissen Ironie. Polt erzählt, wie er einst den „sagenhaften Karl Moik“ auf einer Kegelbahn entdeckt habe. „Als der gesungen hat: Wir in Oberösterreich trinken heut an Most – da habe er gewusst: Des isser!“

          Man kennt sich: Gerhard Polt (links) und Campino von den Toten Hosen

          Ein netter Kerl, der Karl Moik

          Polt kann in seinen Figuren brutal sein. Manchmal macht das Angst, weil man denkt: Das ist doch so ein netter Mann, wo nimmt der all die Abgründigkeit her? Bei seiner Persiflage der Volksmusikszene überwiegt aber das Versöhnliche. Nach dem Konzert sagt Polt, er habe Moik mehrmals persönlich erlebt. Das sei ein netter Kerl gewesen, Jazz-Fan übrigens.

          Polt und die Well-Brüder sind immer dann am stärksten, wenn sie aus ihrem enormen Bildungsschatz schöpfen. Als einer der Wells sagte, der Mozart sei vor so und so vielen Jahren ausgerechnet am 9. Juli in Ludwigsburg gewesen, da denkt man, das sei ein Witz – ist es auch, stimmt aber trotzdem. Genauso, dass Moik das mit dem Most gesungen hat. Die Toten Hosen haben an dem Abend auf ihre absoluten Gassenhauer weitgehend verzichtet, erst gegen Ende hauen sie noch „Auswärtsspiel“ raus.

          Unser Angebot für Erstwähler
          Unser Angebot für Erstwähler

          Lesen Sie 6 Monate die digitalen Ausgaben von F.A.Z. PLUS und F.A.Z. Woche für nur 5 Euro im Monat

          Zum Angebot

          Das ist der Moment, in dem man denkt, vielleicht ist die Musik ja doch stärker als das Wort und vielleicht stimmt, was der Polt gesagt hat, dass ihm der „Herr Campino“ gesagt habe, dass nämlich die Leute „wegen dem Singen“ kommen. Die Leute strömen dann auch tatsächlich in Scharen zur Bühne, und bei „You’ll never walk alone“ haben die Toten Hosen den Saal zu ihrem Terrain gemacht. Da kommt ganz zum Schluss, nach mehreren Zugaben, noch mal Polt auf die Bühne und stellt das natürliche Gleichgewicht, das diesen Abend bestimmt hat, wieder her. In einer Art Frack persifliert er einen Wiener Intellektuellen, André Heller dürfte er bekannt vorkommen, und schraubt sich in geistige Höhen: „Was ist der Mensch, wieso, weshalb, warum?“ – um dann wieder auf dem Ludwigsburger Boden zu landen: „Die Antwort heißt: diedldum.“

          Weitere Themen

          Käfer- und Katzen-Mumien Video-Seite öffnen

          Grabstelle in Ägypten : Käfer- und Katzen-Mumien

          Archäologen in Ägypten haben am Wochenende seltene Grabfunde vorgestellt. Sie fanden am Rand der Totenstadt von Sakkara mumifizierte Katzen und eine ganze Sammlung mumifizierter Skarabäen. Diese Käfer wurden als Symbol für den Sonnengott verehrt.

          Hauptsache, Mensch

          Herbert Grönemeyer im Gespräch : Hauptsache, Mensch

          Er ist einer der erfolgreichsten deutschen Sänger: Herbert Grönemeyer spricht über sein neues Album „Tumult“, über die Fehler von Mesut Özil und Angela Merkel sowie über vergebliche Anrufe bei dem legendären Produzenten Rick Rubin.

          Topmeldungen

          AfD gegen Merz : Angriff mit Ansage

          Friedrich Merz galt für AfD-Chef Gauland schon als möglicher Partner. Nun nennt der Kandidat für den CDU-Parteivorsitz dessen Partei „offen nationalsozialistisch.“ Die Rechtspopulisten blasen zum Angriff.

          SAP kauft Qualtrics : Die neuen Mormonen im SAP-Reich

          SAP zahlt 8 Milliarden Dollar für Qualtrics. Viel Geld für ein Unternehmen, das wenige kennen. Was also macht Qualtrics? Wer steckt dahinter? Und was denkt sich SAP bei der Übernahme?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.