01.07.2010 · Was sind Rockstars ohne die Fotos, auf denen sie sich inszenieren? Stumme Zeugen. Erst die Bilder machen sie zu Stars. Das Essener Folkwang Museum zeigt die Rockfotografie von Elvis bis heute - Bilder voller zerstörerischer, aber auch lebenströstender Energie.
Von Edo ReentsDie Rockmusik ging mit der Fotografie schon im zartesten Alter eine Liebesbeziehung ein; aber diese endete, wie viele Liebesbeziehungen, in anwaltlichen Auseinandersetzungen. Es kriselte seit den siebziger Jahren, als sich die Musiker auf der Bühne an den Blitzlichtern zu stören begannen und dafür sorgten, dass gewisse Regeln aufgestellt wurden.
Dafür mochte man noch Verständnis haben. Aber die Schikaniererei von Fotografen, die damals einsetzte, ist inzwischen an ihr groteskes Ende gekommen: Bevor sie heute auf den Auslöser drücken, müssen Konzertfotografen oft Knebelverträge unterschreiben, in denen sie sich dazu verpflichten, nicht nur ohne Blitzlicht zu fotografieren (das sowieso), sondern auch nur während der ersten drei Lieder; es darf dann manchmal nur ein Foto verwendet werden, die Rechte gehen natürlich an das Management der Band oder an eine Agentur.
Es kommt deswegen immer öfter vor, dass Redaktionen ganz auf Berichterstattung verzichten, wenn es nicht, wie bei Bob Dylan seit Jahren, inzwischen prinzipiell verboten ist, ihn zu fotografieren. Der Meister will das nicht, und damit kann man sich arrangieren.
Endlich museumsreif
Auch wenn die gestellten, arrangierten, inszenierten Fotos jenseits der Bühne ja bleiben, so hat man es doch mit einem alternden oder vielleicht sogar sterbenden Genre zu tun, das nun endlich museumsreif ist. „A Star Is Born – Fotografie und Rock seit Elvis“ heißt die an diesem Freitag eröffnende, von Ute Eskildsen und Christiane Kuhlmann besorgte Ausstellung im Essener Folkwang Museum. Wer sie sieht, spürt sofort die einzigartige Kraft dieser Musik, die auch optisch inszeniert sein wollte.
Ein Star zu werden war immer Flucht- und Zielpunkt jeder Musikerexistenz, und man konnte es in der Regel nur werden, wenn die Leute auch wussten, wie einer aussieht. Wenig überraschend setzt die Ausstellung erst Mitte der fünfziger Jahre an; vorher gab es im Blues, Rhythm & Blues und im Country als den Vorläuferströmungen des Rock ’n’ Roll – und sehr im Gegensatz zum Jazz – selbst von den wichtigsten Musikern bestenfalls Schnappschüsse mit Seltenheitswert, die kaum dazu geeignet waren, das aufzubauen, was man sehr bald ein Image nannte.
Elvis im Zug
Das spielte erst seit Elvis Presley eine Rolle, den wir in der Ausstellung in absolut rührenden, noch wie unschuldig wirkenden Aufnahmen von 1956 sehen: Einmal sitzt er versunken im Zug und hört sich, einen kleinen Plastikplattenspieler auf dem Schoß, eine Testpressung an; womöglich ist es seine neueste Single.
Die Bedeutung des Images ist, wie jeder weiß, seither gleichsam exponentiell gewachsen und heute praktisch alles. Wenn es einen Kratzer bekommt, wie Mitte der siebziger Jahre bei David Bowie, der an der Londoner Victoria Station bei einem angeblichen, von ihm selbst heftig bestrittenen Hitler-Gruß fotografiert wurde, dann kann das auch finanzielle Folgen haben.
Bowies theatralische Sendung
Bowie, das theatralische und in jener Zeit auch musikalische Genie, ist eines der Kraftzentren dieser Ausstellung, die nicht nur individuelle Karrieren nachzeichnet, sondern auch darüber Auskunft gibt, wie sich die Fotografie selbst verändert und wie sie sich, against all odds, behauptet hat gegen die Konkurrenz von Video, DVD und YouTube. So sehen wir ihn in mehr als gewagter Bühnenpose 1972 in Oxford: Der Sänger kniet halsbrecherisch vor seinem Gitarristen Mick Ronson und leckt die Saiten.
Kann es sein, dass in der Zeit, in der die Musik am besten war, also in den Spätsechzigern, Frühsiebzigern, die Bilder es auch waren? Damals hatte sich die Musik längst und in jeder Hinsicht durchgesetzt; aber das Skandalpotential war bei weitem noch nicht erschöpft, wie unter anderem an Alice Cooper und seiner Pythonschlange zu sehen ist – ein Requisit, das später die Red Hot Chili Peppers mit einem imponierenden Exemplar zitieren sollten, wie hier überhaupt die Methode des Kopierens und Parodierens gut zum Ausdruck kommt: Die Band The Residents arbeitete sich mit Plattencovern und sorgfältig arrangierten Fotosessions genauso an den Beatles ab wie Frank Zappa und die Mothers of Invention.
Ist die Wildheit echt?
Ging es in der Gründerzeit des Rock ’n’ Roll noch hauptsächlich darum, eine vordergründige, wenig geheimnisträchtige Wildheit zu inszenieren, die freilich schon für genug Aufsehen sorgte, so änderte sich die Motivlage, als Bandmanager nicht mehr nur über die Plattenaufnahmen nachdachten, sondern auch darüber, wie sich das Produkt jenseits seiner direkten Entstehungsbedingungen vermarkten ließ. Damit waren die schon gelockerten Anforderungen an ein vernünftiges Aussehen vollends außer Kraft gesetzt, wie man an den allerersten Fotos der Rolling Stones sieht.
Deren Manager Andrew Loog Oldham wusste, dass man, wollte man die Band als dreckig-obszönen Gegenentwurf zu den Beatles durchsetzen, auch beim Fotografieren nichts dem Zufall überlassen dürfe. Was er dazu sagte, verrät alles über eine Kunst, deren Beste wie Jill Furmanowsky, David Bailey, Annie Leibovitz, Anton Corbijn oder Jim Rakete selbst zu Superstars wurden: „1963 war es üblich, dass Popgruppen für Promotionsfotos steif, nett und reserviert posierten, alle auf dieselbe Weise, zwanghaft lächelnd, getaucht in ein an Softpornos erinnerndes Licht. Unten am Londoner Embankment-Gebiet stellte ich die Stones vor eine hässliche Mauer nah am Fluss. Die Gruppe gab vor, dass es ihr leid tue, ihre erst kürzlich angeschaffte Bandkleidung vergessen zu haben, und trug ihre eigenen Sachen. Dieser Aufzug, dieser ,Ich komme gerade aus dem Bett, und du kannst mich mal‘-Aufzug, der Fluss, die Backsteine, das Industriegebiet – das alles begründete das Image, das die Rolling Stones von nun an bestimmen und ganz nach oben bringen würde. Es sprach sich schnell herum: Das Ergebnis der Embankment-Aufnahmen ist ,widerwärtig‘.“
Man mag der Ansicht sein, Rockmusik spiele sich im Grunde nur auf dem eigenen Plattenteller ab; alles andere, diese inszenierte Wild- und Verwegenheit, ist Quatsch. Aber wie jede Kunst, so ist auch sie mehr, als sie selbst direkt zum Ausdruck bringt. Auch wenn in dieser imponierenden Ausstellung – angeblich nicht zuletzt wegen juristischer Probleme – gewaltige Lücken klaffen, so gibt sie uns einen Begriff von der zerstörerischen, aber auch lebenströstenden Energie, die davon auf uns übergeht.