25.08.2011 · Hymnen und Tattoos: Dave Grohl und seine Band Foo Fighters halten in Köln einen Rock-Gottesdienst ab und huldigen unironisch der großen klassischen Rockmusik.
Von Eric PfeilEs gibt nur wenige Musiker, die es schaffen, die beleidigend hässliche und akustisch widerspenstige Kölner Lanxess-Arena für die Dauer eines Konzerts zu ihrem Zuhause zu machen. Zu diesen Wenigen gehören so unterschiedliche Künstler wie Bruce Springsteen, Die Ärzte, Howard Carpendale - und die Foo Fighters. Als um kurz nach neun das Licht ausgeht, springt selbst auf den Rängen alles auf. „Ist ja wie im Gottesdienst“, raunt einer und bezeichnet damit, vermutlich ungewollt, exakt das, was auch im Jahr 2011 immer noch eine gute Arena-Show ausmacht. „Foo-Foo-Foo...“, tönt es aus Tausenden Kehlen. Als es wieder hell wird, steht Dave Grohl plötzlich inmitten seiner Musiker auf der Bühne, spielt einen Power-Chord auf seiner Gitarre und wirft sich in einen Auftritt, für den man entweder irrsinnig viel Ausdauertraining absolvieren muss - oder keines Ausdauertrainings mehr bedarf.
Dave Grohl eilt der Ruf voraus, der netteste Mensch im gesamten Rockbetrieb zu sein. Und noch jeder, der den Mann zum Interview traf, mochte diesen Ruf bestätigen. Der notorische Kaugummikauer, dessen Karriere als Schlagzeuger von Nirvana begann, hat es geschafft, zum Superrockstar-Kumpeltyp von Millionen von Rockfans zu werden. Möglicherweise, weil er - trotz gut zwanzigjähriger Karriere, prominenter Freunde und hochkarätiger Gastauftritte - immer wirkt, als könnte er genauso gut unten im Publikum stehen, als sei er eben erst auf irgendeinem Festivalgelände aus dem Zelt gekrabbelt. Im Februar bekam der Mann aus Warren, Ohio vom britischen Musik-Revolverblatt NME als erster Amerikaner den „Godlike Genius Award“ verliehen: Grohl ist eben das, was man gemeinhin als „coolen Typen“ bezeichnet. Der Zweiundvierzigjährige weiß das natürlich, aber er ruht sich nicht darauf aus.
Eine Musikfestival-Instanz
Sein größtes Verdienst: Mit seiner Band, den Foo Fighters, verwaltet er- unter Verzicht auf Pomp, Schweinesoli und Machismo so erfolgreich wie kein Zweiter das Erbe des klassischen Rocks. Und das wohlgemerkt ohne je mit dem ironischen Zaunpfahl zu wedeln. Den bracht er auch nicht: Grohl ist der klassische Led-Zeppelin-Fan, der in den Achtzigern auf Punk und Indierock gestoßen ist und in der Folge gelernt hat, alte Klischees zu überwinden. Dass er selbst ein paar neue Klischees miterfunden hat, steht auf einem anderen Blatt. Grohl und seine Foo Fighters haben alles, was man braucht im Rock: Haare, Hymnen, Tätowierungen - und ein Bandlogo, das sich vortrefflich dazu eignet, um es in Schulbänke zu ritzen oder sich irgendwohin zu tätowieren. Damit ist die Band zu einer Musikfestival-Instanz geworden, die noch jeden Matschplatz in obere Euphorie-Stadien gespielt hat.
Als hätten Tom Petty und Hüsker Dü die Gitarren gekreuzt
Heute gelingt der Band sogar noch mehr. Nachdem er vier Songs lang ununterbrochen vom linken zum rechten Bühnenrand gerast ist, Fäuste gereckt und seine Haare geschüttelt hat, gibt es nach „My Hero“ eine erste Pause: Bei eingeschaltetem Hallenlicht steht Grohl einfach nur da, schnappt nach Luft und lässt sich ein Wasser reichen. Je länger er steht, desto lauter wird der Jubel in der Halle. Ob jemand morgen arbeiten müsse, fragt er scheinheilig. Anders als auf Festivals, wo man stets nach zwei Stunden aufhören müsse, gedenke er heute nämlich deutlich länger zu spielen. In den Jubel hinein bricht die nächste Hymne, der Power-Pop-Hit „Learn To Fly“.
Sicher, diese Musik ist die Blaupause für all den öden Emo-Gitarrenkram, den die jugendlich orientierten Mainstream-Radios spielen. Aber in den Stücken der Foo Fighters steckt tatsächlich noch die Seele der großen amerikanischen Rockmusik - auch wenn manchen genau davor ja gruselt. In den besten Momenten klingt es tatsächlich, als hätten Tom Petty und Hüsker Dü die Gitarren gekreuzt. In den schlimmsten ist es eben Festivalrock. Doch heute macht das für kaum jemanden hier einen Unterschied. Heute ist Gottesdienst.