20.03.2006 · Herbert Grönemeyer und Helge Schneider singen die „Fehlfarben“ - kann das gutgehen? Peter Heins legendäre Band hat eine Sammlung alter Hits mit neuen Sängern eingespielt. Und es finden sich einige Kostbarkeiten auf „26 1/2“.
Von Andreas RosenfelderIn den Achtzigern, als jeder Pausenhof noch in Punks und Popper zerfiel, wäre die Idee nur als schlechter Witz durchgegangen: Herbert Grönemeyer übernimmt bei den „Fehlfarben“ den Gesangspart. Jetzt ist das Unmögliche geschehen, und zwar ausgerechnet bei „Grauschleier“, der in ihrer verwaschenen Tristesse vielleicht größten Hymne der Düsseldorfer Punkband.
„Es liegt ein Grauschleier über der Stadt“, näselt Grönemeyer - und es hört sich so an, als sei mit dem Refrain nicht Düsseldorf gemeint, sondern jene Stadt, in deren Königsallee keine Modenschauen stattfinden. Herbert Grönemeyer preßt die Zeilen, die man mit Peter Heins hingerotztem Gesang verbindet, einfach durch sein pneumatisches Hochdruckorgan. Und überraschenderweise klingt das nicht schlecht, ganz im Gegenteil.
Nur bei Campino wird es langweilig
Sind die „Fehlfarben“-Klassiker über ein Vierteljahrhundert nach Gründung der Band in der Schublade für unverwüstliche Evergreens gelandet? Oder ist das fast nur mit Gastsängern eingespielte Album zum Bandjubiläum, das die „Fehlfarben“ etwas verspätet unter dem halblustigen Titel „261/2“ vorlegen, mehr als ein bunter Strauß von hingeträllerten Geburtstagsständchen? Immerhin lebt der Sound der „Fehlfarben“ ganz von Peter Heins derbem und trotzdem unendlich feinfühligem Gesang - wie auch von seinen Texten, deren krasse Lyrismen von keiner Deutschpop-Nachwuchsband eingeholt werden.
Wenn die „Fehlfarben“ nun, drei Jahre nach ihrem immer noch umwerfenden Album „Knietief im Dispo“, eine Sammlung alter Hits mit neuen Sängern einspielen, könnte man Angst um die Seele der Songs haben. Und tatsächlich gibt es auf dem Album ein paar Fälle von langweiligem Vorsingen. Herbert Grönemeyer gehört nicht dazu, wohl aber Campino, der als alter Kumpan aus den Zeiten des „Ratinger Hofs“ in der Düsseldorfer Altstadt mit von der Partie ist und „Paul ist tot“ im nervigen Pathos der „Toten Hosen“ ertränkt.
Der eine neue Song: kein Glanzlicht
Aber obwohl die Instrumentalbasis der Stücke meistens nur wenig vom Original abweicht, finden sich auf diesem Album ein paar Kostbarkeiten, die es als Überbrückung bis zum nächsten Meisterwerk rechtfertigen. Zum Beispiel Helge Schneiders tieftraurige Einspielung von „Einsam“, mit herzzerreißender Baßstimme gesungen und ohne jeden Anflug von Klamauk. Oder Bernd Begemanns Fassung der wundervollen „Geldwäscherei“ - ein lakonisches Abschiedslied wie gemacht für den Hamburger Sentimentaliker, der dem Stück eine ganz andere Wehmut verleiht.
Auch sonst geben sich die Helden des untergründigen Bardentums auf diesem Album die Klinke in die Hand. Sven Regener von „Element of Crime“ liefert unter dem Decknamen „Die Falschen Farben“ eine schnodderige Version von „Der Himmel weint“ ab, Frank Spilker von den „Sternen“ singt „Schlaflos nachts“, Dirk von Lowtzow von „Tocotronic“ intoniert die desillusionierte „Internationale“ mit düsteren Stimmschwankungen, und Jochen Distelmeyer von „Blumfeld“ grölt das erfrischende Sauflied „Alkoholen“.
Nur ein Song auf „261/2“ ist neu, und er gehört leider nicht zu den Glanzlichtern: „Chirurgie 2010“ wirkt wie ein etwas halbgarer Politsong, der trotz gelungener Zeilen - „Deine Mutter könnte mein Sohn sein in den Klojahren, dem Doppelnulljahrzehnt“ - ein wenig lustlos daherkommt. Aber irgendwie ist man trotzdem froh, Peter Hein wieder mit vertrauter Stimme zetern zu hören, und freut sich auf das nächste richtige „Fehlfarben“-Album, das offenbar schon fertig produziert ist. Denn auch wenn die Karaoke-Party großen Spaß macht - ohne Peter Heins Organ fehlt den „Fehlfarben“ einfach die wichtigste Farbe.