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Express Brass Band : Der Straßenfunk der Turbobläser

  • -Aktualisiert am

Man muss nicht Musik studieren, um in dieser Combo mitzuspielen, aber Euphorie ist Pflicht: Die Express Brass Band Bild: Trikont

Zu dieser Musik stillzustehen, wäre ein Verbrechen: Die Express Brass Band zählt zur Avantgarde eines weltweiten Blechbläser-Revivals - und zwar nicht nur im Bierzelt.

          In München gehört das schon zur Stadt-Folklore: Wolfi Schlick hängt sich seine Tuba um. Schickt eine gewaltige Basswelle aus seinem Trichter - weit hinaus Richtung New Orleans, Tanger oder Bukarest und tief in die Eingeweide aller Umstehenden. Dann fällt eine Handvoll Saxophonisten, Posaunisten und Trompeter in das Riff ein, nimmt die Conga den Rhythmus auf, kommt eine zehn- bis zwanzigköpfige Bläsertruppe gemeinsam in Fahrt, rollt der Express alle Stolperschwellen nieder, um immer wieder mäandernd seine Richtung zu wechseln. Nein, ganz durchgeprobt klingt das nicht. Eher wie ein kollektiver Euphorie-Ausbruch. Ständig ringt die Virtuosität mit dem Dreck, während weitere Bandmitglieder per Fahrrad oder Tram eintrudeln, ihre Instrumente auspacken, sich zwischen den Tänzern durchschieben und einreihen in die Groove-Walze. Lasst uns zusammen ein einziger atmender Klangkörper sein!

          Die Express Brass Brand schafft das immer wieder: Ob eine Demonstration für mehr Kindertagesstätten oder ein Auftritt in einer Schlingensief-Oper - ohne das Gebläse von Wolfi Schlicks Truppe würde etwas Entscheidendes fehlen: die schmutzige Lässigkeit, der Straßenfeger-Funk. Denn die Express Brass Band nimmt den Pioniergeist der frühen Brassbands aus New Orleans vor einem Jahrhundert wieder auf, funktioniert wie sie als ethnischer und musikalischer melting pot. Italiener, Spanier, Puertoricaner und Engländer jagen da Riffs von Jimi Hendrix, Fela Kuti und Snoop Dogg durch die Trichter. Und bewahren dabei das entscheidende Quentchen Unberechenbarkeit: Niemand kann beim Auftakt eines Stückes genau vorhersagen, wie es einmal enden wird.

          Bei gutem Wetter jammt die Brassband am Monopteros im Englischen Garten. Ansonsten treffen sich die Bandmitglieder in einem Hinterhofaltbau in der Nähe der Oktoberfest-Theresienwiese: Vierter Stock, eine knarzende Treppe hoch, der Blick aus dem Proberaum geht über die Dächer des Münchner Bahnhofsviertels. Es duftet nach Kaffee. Ein paar Musiker stimmen ihre Instrumente, fläzen sich zwischen Aschenbechern und Posaunenkoffern. Wolfi Schlick, ein freundlicher Schwärmer mit James-Last-Frisur, sagt die nächsten Einsätze an: eine Gezi-Park-Solidaraktion, ein Theaterfestival in Dresden, ein internationales Brassbandtreffen in Rom und dann noch eine Tournee als Begleitband des New-Orleans-Rappers Chuck Perkins. Wer wann dabei ist, hängt vor allem von den Jobs und Familienverpflichtungen der Bandmitglieder ab. Kaum jemand kann von der Musik leben. Das Kriterium fürs Mitmachen? „Enthusiasmus“, sagt Schlick, „und viel Opferbereitschaft.“ Das Kollektiv sei zwar nicht mehr so offen wie einst, als „noch jeder mit der verbeulten Trompete seiner Schwester mitspielen konnte“. Und doch hält Schlick Abstand zur professionelleren Konkurrenz. Denkt man etwa an La Brass Banda, eine Truppe von Konservatoriums-Absolventen, die inzwischen überall in Europa große Hallen füllen und mit ihrem Turbo-Bläser-Pop strikt auf Chartkurs segeln, wirkt die Express Brass Band wie ein anarchischer Gegenentwurf. „Ein Studium der Musik ist kein Ausschlusskriterium“, frotzelt der Bandleader, „wirkt sich aber andererseits nicht unbedingt förderlich aus.“

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