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Ex-Helden der Popkultur : Phantastische Typen von früher, die heute alles falsch machen

Bryan Ferry sucht neue Lieder, eins würde schon reichen. Bild: Reuters

Der eine, Bryan Ferry, nimmt immer die gleiche Platte auf, der andere, Morrissey, verbietet sein eigenes Buch, und Bret Easton Ellis beschimpft die Helden von heute: Was ist da nur schiefgelaufen?

          Es ist fast so, als wäre jetzt ein später Roman aus dem Nachlass von Thomas Mann aufgetaucht, bislang unbekannt und nicht veröffentlicht, der „Die magische Insel“ hieße und die Geschichte eines jungen Mannes namens Carl Hanstop aus den Alpen erzählte, der seine Cousine für zwei Wochen auf Norderney besucht, aber sechs Jahre bleibt, und dann bricht der Zweite Weltkrieg aus. Die B-Seite vom „Zauberberg“, sozusagen, neu aufgelegt, weil die A-Seite so erfolgreich war.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Aber es ist nur die neue Platte des Popsängers Bryan Ferry. Sie erscheint am nächsten Freitag und heißt „Avonmore“. Und sie klingt nicht mal wie die B-Seite, sondern eher wie die C- oder D-Seite einer Platte, die Ferry vor dreißig Jahren schon einmal mit seiner Band Roxy Music aufgenommen hat: Die hieß „Avalon“, wie der Zufluchtsort des verwundeten Königs Artus, es war die letzte Platte dieser sagenhaften Band, danach ging sie auseinander.

          Aus Schwärmerei wird Wut

          Auf dem Cover von „Avalon“ posierte damals Ferrys Freundin Lucy Helmore mit einem Falken, später haben die beiden geheiratet (also Lucy und Bryan, nicht Lucy und der Falke oder Bryan und der Falke). Die Songs waren softer, smarter Superpop, „baby-makin’ music“ hat mal jemand dazu gesagt, Männer im Smoking, Frauen mit Cocktailkirschen, wilde Tiere, Cabrios und Kaminfeuer: Großstadtpop erwachsener Menschen mit Weltfluchttendenzen, aber dann reicht es nur für einen neuen Anzug.

          Ich könnte stundenlang von dieser Platte schwärmen und sie tagelang hintereinander hören, aber als hier jetzt „Avonmore“ ankam, habe ich doch einen Wutanfall bekommen. Und dann Bryan Ferry mit gebrochenem Herzen auf meine Liste großer Künstler geschrieben, die mit jedem Jahr ein bisschen schlimmer nerven. Der Popsänger Morrissey und der Schriftsteller Bret Easton Ellis stehen auch schon drauf.

          Gitarren aus Buttercreme

          Das ist keine Altersdiskriminierung, denn parallel führe auch ich eine Liste großer Künstlerinnen, die mit jedem Jahr nicht nur etwas, sondern immer größer werden: Diane Keaton und Meryl Streep und Joan Didion und Helen Mirren und Judi Dench und Senta Berger und Katrin Sass und Kathryn Bigelow und Kim Gordon und Marianne Faithfull und Vivienne Westwood. Und es ist ebenso wenig Männeraltersdiskriminierung: Clint Eastwood und Udo Jürgens werden ja auch nicht jünger, sondern interessanter.

          Morrissey, wie er sich am liebsten sieht.
          Morrissey, wie er sich am liebsten sieht. : Bild: dpa

          Das Cover von „Avonmore“ zeigt nicht den neunundsechzigjährigen Bryan Ferry von heute, sondern den Mittdreißigjährigen von damals. Die Schrifttype ist ziemlich exakt die, die Peter Saville für „Avalon“ entworfen hatte, die Sounds auf der Platte sind genauso reaktiviert: Gitarren aus Buttercreme, Perlenpiano, und der Produzent ist auch derselbe wie 1982: Rhett Davies. Hat Ferry gedacht, dass wir es nicht merken? Hat er gedacht, seine Fans würden schon so glücklich über ein neues Lebenszeichen sein, dass sie ihm das verzeihen? Und dann dieser kurze Sprung von Avalon über Helmore zu Avonmore - ein Artus des Pop, als Lord Helmchen gelandet.

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