Das Video zu Erykah Badus aktueller Single „Honey“ ist so simpel wie einfallsreich. Der Clip spielt in einem Plattenladen irgendwo in den Vereinigten Staaten. Beim Durchstöbern der Regale beleben sich die Motive auf den Covern, so dass die Sängerin nacheinander als Chaka Khan und Diana Ross, aber auch als der Rapper Nas oder John Lennon auftritt: eine charmante Möglichkeit, sich in die Tradition einzureihen und dabei gleichzeitig noch Seitenhiebe gegen die Kollegen auszuteilen.
Zwar firmiert „Honey“ als erste Auskoppelung aus Badus neuem Album, mit dem sich die Begründerin des Neo Soul nach kreativer Krise und fünfjähriger Abstinenz jetzt fulminant zurückmeldet. Im Inhaltsverzeichnis von „New Amerykah Part One (4th World War)“ sucht man das Stück jedoch vergebens. Abgeschlagen bildet es nur den Bonustrack. Verständlicherweise, denn die hochgestimmte Liebeserklärung unterscheidet sich grundsätzlich von den restlichen zehn Liedern einer Platte, die als Stellungnahme zum inneren Zustand des schwarzen Amerikas verstanden werden will.
Musikalisches Selbstporträt
Nicht ohne Grund ist das Werk deshalb in der Heimat seiner Schöpferin bereits am vergangenen Montag erschienen. Das war sowohl der siebenunddreißigste Geburtstag Badus als auch ein hoher Feiertag für die „Nation of Islam“: Mit dem „Savior’s Day“ ehrt die extremistische Muslimorganisation Wallace Fard Muhammad. Der Gründer der Religionsgemeinschaft gilt seinen Anhängern als Personifikation Allahs und soll die Afroamerikaner dereinst von ihrem Joch befreien. Auch in dem dritten Stück „Me“ bezieht sich Badu auf die „NOI“. In dem musikalischen Selbstporträt salutiert sie vor dem scheidenden Führer der Gruppierung, Louis Farrakhan, der aufgrund seiner umstrittenen Äußerungen immer wieder des Antisemitismus und Rassismus bezichtigt wurde.
Entsprechend radikal und zornig hört sich auch Badus Abrechnung mit dem „New Amerykah“ an. Schon die Eröffnungsnummer „Amerykahn Promise“ gibt die Stoßrichtung vor. Das Stück basiert auf dem gleichnamigen Rare-Groove-Klassiker von Ramp, den die Gruppe 1977 für die LP „Come Into Knowledge“ eingespielt hat. Von einer Coverversion im üblichen Sinne kann hier allerdings nicht die Rede sein. Badu hat das Original vielmehr nahezu unverändert übernommen. Damit deutet sie an, dass Ramps bitterböser Kommentar auf die kapitalistischen und ausbeuterischen Seiten des amerikanischen Traums selbst nach über dreißig Jahren nichts von seiner Aktualität verloren hat.
Fahrig und fragmentarisch
Auch wenn die aus Dallas stammende Badu einige gemäßigt-jazzige Töne wie in „Me“ anschlägt, orientierte sie sich im Ganzen mehr denn je an der Ästhetik des zeitgenössischen Hip-Hop. Für ihr viertes Studioalbum hat sie Produktionshilfe von den Vordenker des experimentellen Underground-Rap bekommen. Neben Madlib und 9th Wonder zeichnen vor allem die drei „Kreativpartner“ von Sa-Ra maßgeblich verantwortlich für die teilweise ungewöhnlichen rhythmischen Arrangements. Stücke wie das spärlich instrumentierte „My People“ oder „That Hump“, dessen Beat sich unfassbar träge vorwärtsschleppt, wirken beängstigend fahrig und fragmentarisch.
Das musikalische Gerüst unterstützt so kongenial die oft recht unzusammenhängend anmutenden Texte, die von Drogensucht, Gewalt in den Gettos und der Perspektivlosigkeit schwarzer Jugendlicher erzählen. Einen Hoffnungsträger in dieser ausweglos erscheinenden Situation sieht Badu nach wie vor im Hip-Hop. Wie in einem Mantra beschwört sich in „The Healer“ seine Kraft, die ihn über jede Religion oder Regierung erhebe. Mit einem persönlichen Abschied von der verstorbenen Produzentenlegende Dilla, mit dem auch Badu eng zusammengearbeitet hat, endet ein wagemutiges und insgesamt doch beeindruckendes Album.
Ein-Frau-Untergrund-Bewegung
Jedes Urteil über „New Amerykah“ kann momentan allerdings nur vorläufig sein. Wie der Untertitel ankündigt, handelt es sich bei „4th World War“ zunächst um den ersten von zwei Teilen. Das Gegenstück „Return of the Ankh“ folgt voraussichtlich im Sommer und soll wesentlich emotionaler und empfindsamer ausfallen als sein beklemmender und nüchterner Widerpart. Doch auch mit diesem Diptychon ist es für Badu noch nicht getan. In den nächsten zwölf Monate plant sie außerdem eine weitere live eingespielte Studioplatte und will auch das Debüt ihres Nebenprojektes Edith Funker herausbringen, bei dem unter anderen Wendy & Lisa aus dem Umfeld von Prince mitmachen.
Trotzdem steht so viel bereits fest: „New Amerykah Part One“ ist Badus bislang komplexeste und substantiellste Platte, die ihre volle Wucht langsam, dafür umso gewaltiger entfaltet. Und wenn sie ihre ehrgeizigen Veröffentlichungstermine tatsächlich einhalten sollte, dann könnte das Hip-Hop-Jahr 2008 ganz im Zeichen dieser Sängerin stehen. Nicht die schlechtesten Aussichten für das konformistische Rap-Geschäft also. Badus eigenwillige Ein-Frau-Untergrund-Bewegung streut jedenfalls schon jetzt ordentlich Sand in das seit langem viel zu gut geschmierte Getriebe von Hip-Hop und Rhythm & Blues.