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Eric Clapton zum Siebzigsten : Die Lichtgestalt des weißen Blues

Eric Clapton bei einem Konzert in der Frankfurter Festhalle Bild: dpa

Mit „Layla“ und „Wonderful Tonight“ schrieb Eric Clapton zwei der berühmtesten Balladen der Welt. Sein Leben war von Schicksalsschlägen geprägt. Erst die vergangenen fünfzehn Jahre seiner Karriere sind so glücklich verlaufen wie die ersten sieben.

          Ausgerechnet beim Benefizkonzert zum siebzigsten Geburtstag des damals noch inhaftierten südafrikanischen Schwarzenführers Nelson Mandela am 11. Juni 1988 musste die britische Band Dire Straits ihren zweiten Gitarristen Jack Sonni ersetzen, der gerade Vater von Zwillingen geworden war. Im Londoner Wembley-Stadion, dem Ort des Konzerts, hörten damals 70.000 Menschen zu, weitere 600 Millionen waren weltweit vor den Fernsehern dabei. Der Ersatzmann hatte im Gegensatz zum Rest der Band noch nie in Wembley gespielt, aber zwei Jahrzehnte zuvor war in einer U-Bahn-Station von London ein Graffito aufgesprüht worden, das ihn wegen seines Gitarrenspiels zum Unsterblichen erklärt hatte: „Eric Clapton is God.“

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Nun stand der so Vergöttlichte im feinen Anzug auf der Stadionbühne, nahezu unbeweglich neben den gewohnt pathetischen Verrenkungen des Sängers und Leadgitarristen Mark Knopfler, aber seiner gleichfalls legendären, selbst zusammengebastelten Fender Stratocaster namens Blackie entlockte dieser Ersatzmann Töne, die dem Gute-Laune-Schunkler „Walk of Life“ der Dire Straits eine Bluesbasis unterschoben, als wollte Clapton eine Festung schleifen. Und genauso war es, seine ganze Karriere galt einem einzigen revolutionären Ziel: dem Umsturz der Popmusik. Als Achtzehnjähriger hatte er 1963 mit den Yardbirds zum ersten Mal weißen Bluesrock populär gemacht und als Zwanzigjähriger bei John Mayall angeheuert, mit dem er seine erste eigene Komposition, „Bernard Jenkins“, einspielte, die Blaupause für zahllose spätere Bluesklassiker aus Claptons Feder. Mit einundzwanzig gehörte er zum Rocktrio Cream, mit vierundzwanzig zum Quartett Blind Faith, und im selben Jahr wollte ihn John Lennon als Leadgitarrist für die Beatles gewinnen, als George Harrison sich mit den anderen Bandmitgliedern verkracht hatte. Clapton aber dachte nicht daran; er war mit Harrison eng befreundet.

          Der 1945 geborene Sohn eines kanadischen Soldaten, der die schwangere englische Geliebte sitzengelassen hatte, als es auf den Kontinent gegen Hitler ging, fand später seine Vaterfiguren unter den Besten der eigenen Zunft. John Mayall war der erste, B.B. King der größte – mit ihm sollte Clapton im Jahr 2000 ein gemeinsames Album aufnehmen, das er ehrfurchtsvoll „Riding With the King“ betitelte; der Gott unterwarf sich dem König. Die größte Achtung Claptons aber galt einem schon vor seiner Geburt verstorbenen Gitarrenkönig: Robert Johnson, dem King of the Delta Blues. Dessen Komposition „Crossroads“ machte der Brite zu seiner Erkennungsmelodie, Johnsons Gitarrenspiel zum Ideal, dem er bis heute nacheifert.

          Das weiße Milchgesicht

          Aber das Einzelkind Clapton fand auch Brüder unter den Gitarristen seiner Generation: neben Harrison vor allem Jimi Hendrix und Duane Allman, mit dem gemeinsam er 1970 „Layla“ aufnahm, das autobiographische Bekenntnisstück über Claptons Liebe zu George Harrisons Frau, Pattie Boyd. Es wurde sein größter Hit und überstand selbst die Misshandlung als elegische Akustikversion, die ihm Clapton 1992 auf seinem erfolgreichsten Album antat, „Unplugged“, mit dem er spät noch einmal zum Trendsetter wurde. Allerdings auch zum Weichspüler nach dreißig Jahren hartem Blues.

          Wie das weiße Milchgesicht Clapton diese schwarze Musik spielte, mochte man in den sechziger Jahren kaum glauben. In den Siebzigern kamen dann Schicksalsschläge in einer Dichte, als sollte alles Leid nachgeholt werden, das man im Blues verkörpert glaubt: die lange unerwiderte Liebe zu Pattie Boyd, Jimi Hendrix’ früher Tod und das gleichfalls tragische Ende Duane Allmans durch einen Unfall, wodurch das gemeinsame Bandprojekt Derek and the Dominos beendet wurde. Clapton flüchtete sich in Alkohol und Drogen; während des Benefizkonzerts für Bangladesch, das George Harrison 1971 organisierte, musste er auf der Bühne wiederbelebt werden. Dafür kam der große Erfolg unter eigenem Namen, wenn auch zunächst meist mit fremden Kompositionen: von J.J. Cale, Bob Marley, Jimmy Reed, Bob Dylan, Peter Tosh. Doch auf dem 1977 veröffentlichten Album „Slowhand“, dessen Titel den Spitznamen zitiert, den Clapton wegen seines souveränen Gitarrenspiels trug, fanden sich auch zwei eigene Lieder, mit denen der Bluesmann nun auch in den Pop-Olymp aufstieg: die Ballade „Wonderful Tonight“ und der Countrysong „Lay Down Sally“.

          1977: Clapton bei einem Konzert in Hamburg

          Den Refrain des letzteren Stücks flocht Mark Knopfler beim Konzert für Nelson Mandela zur Begrüßung des Ersatzmannes in „Walk of Life“ ein, „Wonderful Tonight“ spielte Clapton dann später selbst, und wie das ganze Stadion ihm dabei zujubelte, bewies, dass er auf dem Höhepunkt seiner Popularität stand. 1991 folgte dann die größte persönliche Katastrophe: der Unfalltod seines vierjährigen Sohnes, unter dessen Eindruck Clapton „Tears in Heaven“ schrieb, seine zweite weltbekannte Ballade. Erst mit dem seltsamen Experiment von Simon Climies T.D.F., für das Clapton 1997 anonym Gitarre spielte, befreite er sich wieder von der Trauer, und diesen Ausflug in ein elektronisches Retortenprojekt büßte er zur Jahrtausendwende lustvoll durch die Zusammenarbeit mit B. B. King ab.

          Seitdem ist der Blues wieder zur Konstante in Eric Claptons Musik geworden, und die letzten fünfzehn Jahre seiner Karriere sind so glücklich verlaufen, wie es die ersten sieben waren. Mögen ihm noch viele solche Jahre vergönnt sein. Heute wird Eric Clapton siebzig – so alt, wie es damals Nelson Mandela wurde, dem zu Ehren er 1988 bei den Dire Straits einsprang und dabei einmal mehr im unmittelbaren Zusammenspiel mit einem der Berühmtesten seines Metiers bewies, wer der größere Gitarrist ist.

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