Home
http://www.faz.net/-gsd-utkf
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Emmylou Harris Die First Lady des Countryrock

02.04.2007 ·  Emmylou Harris ist der nicht und nie gefallene oder sonstwie beschmutzte Engel des Country. Sie hielt sich fern von Nashville, hat aber nie ihre künstlerische Integrität eingebüßt. An diesem Montag wird sie sechzig.

Von Edo Reents
Artikel Bilder (5) Lesermeinungen (0)

Es ist das Schicksal der Countrymusik, dass ihre breitere, auch kommerziell zu Buche schlagende Wirkung erst dort beginnt, wo sie als Antithese zu ihrem eigentlichen Kraftzentrum gehört wird. Nashville-Gewächse sind im Popmainstream praktisch unbekannt, und je mehr Abstand jemand zu der Stadt in Tennessee hält, desto größer die Chance auf eine genreübergreifende Karriere. Emmylou Harris hat davon in hohem Maße profitiert; aber sie hat dabei nie ihre künstlerische Integrität eingebüßt. Niemand käme auf die Idee, in ihr etwas anderes zu sehen als eine der drei Countrysängerinnen schlechthin (neben Dolly Parton und Linda Ronstadt); der Rang als eine der wichtigsten Rocksängerinnen ist ihr trotzdem nicht streitig zu machen.

Mit untrüglichem Geschmack bewegte sie sich von Anfang an zwischen den Lagern, wenn man einmal von ihrem Debüt von 1969 absieht, mit dem sie sich an einer zwar in sich stimmigen, aber zu ihr nicht recht passenden Joni-Mitchell-Imitation versuchte. Purismusfragen perlten an ihrer Anmut stets ab. Schon bald wurde der rocknahe Country-Adel auf sie aufmerksam, der sie in Gestalt von Gram Parsons zu dem machte, was sie bis heute ist: der nicht und nie gefallene oder sonstwie beschmutzte Engel des Country. Parsons, einer der großen Unvollendeten der Rockmusik, machte sie für zwei bis heute legendäre Platten zu seiner Muse und ermutigte sie überhaupt erst dazu, ihren glasklaren Sopran dem Genre entsprechend einzusetzen, und gab ihr mit seinem steten, aber selten eingelösten Neuerungsanspruch das Rüstzeug für eine eigene Karriere. Er befreite die in Alabama geborene, in Virginia aufgewachsene ehemalige Drama-Studentin, die die New Yorker Folkszene von Greenwich Village verspätet betreten hatte, von ihrer Kopflastigkeit und gab ihr das Vertrauen in die Tragfähigkeit auch des ganz weichen, kitschnahen Gefühls.

Unter Aufsicht ihrer Ehemänner

Nach Parsons Tod im September 1973, den sie mit „Boulder to Birmingham“, einer ihrer wenigen Eigenkompositionen, gefasst beweinte, stand sie noch lange unter dessen Einfluss. Erst „Quarter Moon In A Ten Cent Town“ von 1978 kam ohne Parsons-Material aus und bot mit Songs wie „To Daddy“ (Dolly Parton) oder „I Ain't Living Long Like This“ (Rodney Crowell) eine ideale Plattform für ihre makellose Vortragskunst. Aber schon mit den von Warner davor herausgebrachten Platten hatte sie eine Position erreicht, die weder im Country noch im Rock jemals angetastet wurde und deren Eigenständigkeit auch dadurch nicht in Zweifel zu ziehen war, dass sie oft unter der Aufsicht ihrer diversen Ehemänner agierte.

„Pieces Of Sky“ (1975) wurde dank der Reinheit des Ausdrucks in beiden Lagern als Offenbarung aufgenommen und setzte den hohen Standard eines Eklektizismus, der sich selten im Ton vergriff; dies passierte allenfalls dann, wenn Emmylou Harris eine forciertere Gangart anschlug und dabei die Distanz, die ihren Darbietungen prinzipiell anhaftet, aufgab; so etwa bei Songs von Hank Williams oder Chuck Berry, die zur Profilschärfung beitragen mochten, aber eben doch zeigten, wie wenig ihr das Leichtsinnige lag. Allemal stärker, berührender war und ist sie, wenn sie traurige Lieder singt, vor allem die von Folkaußenseitern wie Townes Van Zandt („Pancho & Lefty“) oder Jesse Winchester, dessen waidwund-weltverlorenes „Defying Gravity“ eine ihrer besten Interpretationen überhaupt ist.

Außergewöhnliche Erscheinung

Um ihre Wirkung zu begreifen, darf man nicht nur auf Gesangstechnik schauen: Dass sie buchstäblich zu everybody's darling fast der kompletten amerikanischen Rockprominenz - inzwischen, wie das Duett mit Mark Knopfler zeigte, auch der britischen - wurde, wird auch mit ihrer außergewöhnlichen Erscheinung zu tun haben. Dies konnte man besonders an ihrem Auftritt beim „Last Waltz“ von „The Band“ 1976 sehen, wo sie „Evangeline“ zum Besten gab und, obwohl noch keine dreißig, schon wie eine reife, unantastbare Dame wirkte - ein Eindruck, der bei heutigen Popsängerinnen undenkbar ist.

Anders als bei der kumpelhaften Linda Ronstadt und der (scheinbar) billigen Dolly Parton - mit denen sie zwei sehr erfolgreiche Platten machte - hatte man bei ihr immer das Gefühl einer gewissen persönlichen Herablassung, wenn sie ihren Beruf ausübte. Dies tat sie in den folgenden Jahrzehnten mit kaum nachlassendem Erfolg, auch wenn der vielfach Grammy-Prämierten einige Platten doch reichlich zuckerhaltig gerieten. Emmylou Harris blieb und bleibt die First Lady des Countryrock, über den heutigen Montag hinaus, an dem sie sechzig Jahre alt wird.

Quelle: F.A.Z., 02.04.2007, Nr. 78 / Seite 35
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1965, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

Jüngste Beiträge

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr