26.11.2004 · Eminem weiß, was er uns schuldig ist: Auf „Encore“, seiner vielleicht letzten Platte, feuert er auf seine Haßobjekte wie Madonna, Michael Jackson und George W. Bush - und mäßigt doch seine Aggressionen.
Von Edo ReentsWar es in ihrer Gründerzeit so, daß die Popmusik selber als Skandal empfunden, als sogenannte Negermusik gehört wurde, so gelingt es in deren Spätzeit nur noch wenigen Interpreten, auf provozierende Weise von sich hören zu lassen.
Es ist eben, seit Elvis Presley mit seinem Hüftschwung die Sittenwächter auf den Plan rief, schwieriger geworden, auch das nicht geneigte Publikum aus der Fassung zu bringen. Trotzdem haben es immer wieder Musiker versucht: Alice Cooper mit einer Pythonschlange, Jim Morrison mit vertonter Psychoanalyse und öffentlicher Entblößung, die „Sex Pistols“ mit Majestätsbeleidigung, Kurt Cobain (vermutlich unbeabsichtigt) mit Selbstmord.
In diese Reihe gehört Marshall Mathers hinein, jener amerikanische Rapper, bei dem das vorgeschaltete „Skandal“ schon genauso zu seiner Existenz gehört wie sein Künstlername Eminem. Die Frage, ob er außer Brüskierung noch etwas anderes zu bieten hat, wurde, je nach Musikgeschmack und Toleranzgrenze, unterschiedlich beantwortet.
Es wirkt nicht stumpfsinnig
Wie ein Durchgedrehter eine abgesägte Schrotflinte auf die Menge hält und dabei vielleicht nicht gezielt, aber mit hoher Durchschlagskraft trifft, so wandte sich Eminem seinen Haßobjekten zu, unter denen von der eigenen Mutter und der Ehefrau über Homosexuelle, Liberale und Republikaner bis neuerdings zu Madonna, Michael Jackson und George W. Bush so gut wie jeder Amerikaner vertreten war und ist. Und das Gute dabei ist: Es wirkt nicht, wie bei anderen Amokdauerläufern, stumpfsinnig. Über alles - und das verbindet ihn mit dem jungen Zappa - macht er sich her und lustig; deswegen braucht sich auch niemand persönlich angegriffen zu fühlen, und deswegen kommen auch nur Homosexuellenverbände oder Politikerfrauen auf die Idee, gegen ihn vorzugehen.
Nicht zufällig ist Eminem neulich als „der Elvis des Rap“ bezeichnet worden - ein Vergleich, der sowohl seine Musik als auch deren Wirkung betrifft: Elvis machte Musik, die sonst nur Schwarze machten, Eminem tut das auch; Elvis wurde zum Helden eines ganzen Landes erklärt, Eminem auch. Ob dies für das heutige Amerika ein gutes Zeichen sein kann, mögen Wahlforscher beantworten. Tatsache ist, daß das kürzlich erschienene vierte Album „Encore“ (was soviel bedeutet wie „Zugabe“) die Wiederwahl des neuerdings von ihm so gehaßten Präsidenten nicht zu verhindern vermochte. Dafür kam es auch zu spät, und das vorher geschaltete Video zu dem Song „Mosh“ war eine zwar auffällig drastische, aber wirkungslose Einmischung in die Politik.
Slim Shady ist so gut wie tot
Dabei ist es durchaus so, daß die neue Platte trotz der nun ambivalenter gehaltenen Lyrik verbindlicher daherkommt. Das Sprechen in Rollen, sowieso Kennzeichen von Rap und Hip-Hop, hat Eminem jetzt weitgehend aufgegeben; Slim Shady, die Kunstfigur seiner Frühzeit, ist so gut wie tot. Und wenn man sich das Gerülpse, Gewürge und teilweise noch unappetitlichere Körpergeräusche in Songs wie „Puke“ und „Paul“ anhört, dann könnte man den Eindruck gewinnen, Eminem sei nun selber mundtot. Aber wie Elvis zuletzt nur noch durch seine Körperlichkeit wirkte, so setzt Eminem jetzt auf Allernatürlichstes.
Eine Preisgabe des Intimsten, Schambehafteten ist das trotzdem nicht; es ist, als direkter Ausdruck von Körperlichkeit, immer noch Mittel zur Kommunikation - ein Konzept, das in hart-martialischer Form auch Musiker wie Henry Rollins im Repertoire haben. Eminem hat mit dieser partiellen Sprachlosigkeit zweifellos einen Endpunkt erreicht - wie es heißt, soll dies sein letztes Album sein - und darüber hinaus noch etwas anderes: Der Mainstream, in dem er als einer der wenigen Rapper angekommen ist, duldet nun offenbar künstlerische Äußerungen, die über die bei Hip-Hop-Produkten mit den üblichen Hinweisen auf explizite Texte markierte Hemmschwelle noch hinausgehen.
Er kommt uns als Familienvater
Vielleicht ist das alles auch bloß Eminems lakonisch-lässige Reaktion auf die ewige Herumdeuterei an seinen Texten. Mir doch egal, was die Leute dazu sagen, hieße das in Sprache übersetzt. Das Vertrackte ist, daß Eminem trotzdem ein Sprachkünstler ist, der seine Salven so virtuos wie unbarmherzig abfeuert. Darum lohnt es sich eben doch, genauer hinzuhören, was er in der Parodie auf Michael Jackson („Just Lose It“), die vor allem im Video so brillant und bösartig wirkt, zu sagen hat. Eminem flankiert seine Aversionen aber mit neuen, deutlich positiveren Ideen: Er kommt uns jetzt außerdem als Familienvater, der sich nur noch um seine eigene Tochter, den adoptierten Neffen seiner Frau und seinen jüngeren Bruder kümmern und ihnen geben will, was er selbst entbehren mußte.
Dies ist ein klassischer Topos und ein für einen Künstler wie ihn höchst überraschender Zug ins Fürsorgliche - Mama und Papa mit Hinlegen gewissermaßen. Nun tritt offen hervor, was in seiner früheren Lyrik als Negativfolie immer schon angelegt war: Eminem arbeitete sich an Werten wie Familie und Geborgenheit immerhin noch ab und machte es nicht wie viele andere aus seiner Popgeneration, die sich in Indifferenz, Ironie und Lifestyle flüchteten. Deswegen ist er als Rapper auch so atypisch, nicht nur aufgrund seiner Hautfarbe: Mit Goldketten, Autos und Frauen als Statussymbol hat er nichts am Hut. Noch in den Attacken auf seine Mutter, die ihn in jeder Hinsicht vernachlässigte, auf seine Frau, die ihn betrog, und auf einen Präsidenten, der den falschen Kurs einschlägt, mißt er die Welt nur an deren besserer Möglichkeit.
Der Haß bleibt sein Elixier
Und nun ist alles gut? Der Zweiunddreißigjährige könnte sich, gleichsam nach einem letzten Rülpser, eigentlich zur Ruhe setzen wie ein Trinker, der dem Alkohol abschwört. Doch etwas scheint ihn in der Welt der Bösen und Verachteten noch zu halten. Der Haß bleibt ja sein Elixier; er ist auf dieser von seinem Mentor Dr. Dre perfekt produzierten und üppig arrangierten, aber immer noch gefühlsechten Platte nur in kleineren, gleichsam homoöpathischen, hochwirksamen Dosen anzutreffen. „Father forgive me for I know not what I do / I just never had the chance to ever meet you“: Die ersten Zeilen des ersten Songs „Evil Deeds“ sind deshalb auch nicht als Friedensangebot oder gar Zu-Kreuze-Kriechen zu verstehen, sondern als der Realismus eines immer schon Desillusionierten. Die vaterlos aufgewachsene und auch sonst benachteiligte Jugend, die sich selbst schon als white trash bezeichnet, hat in ihm ihr Idol.
Aber Eminem überzeugt nicht nur als Sozialreporter, sondern auch musikalisch. Die Platte enthält allerhand versteckte Anspielungen, die ihn als Kenner der Popgeschichte ausweisen, so im Intro zu „Spend Some Time“ ein Sample aus dem Song „Self Seeking Man“ der heute vergessenen britischen Heavy-Blues-Rockband „Spooky Tooth“. Ein self seeking man ist Eminem, bei aller scheinbaren Selbstgewißheit, natürlich selbst.
Einzigartige Energieleistung
Sein Affekt, der sich bei einem Geringeren wohl als Wehleidigkeit geäußert hätte, bleibt brutal und entstammt dem Milieu, dem der in Detroiter Wohnwagen groß Gewordene mit einer einzigartigen Energieleistung und viel Gespür für das, was man sich heute herausnehmen kann, entkommen ist. Niemand kann es ihm recht machen, aber er selbst kann es eben auch nicht. Das hält seine Kunst in Gang, ist aber auch genrebedingt: Wie das Englische die Sprache der Rockmusik ist, die Liebe die Sprache der Soulmusik, so sind Haß und Gewalt die Sprache von Rap und Hip-Hop. Worüber sollte Eminem auch sonst singen?
„I hate myself and I want to die“ - Kurt Cobain hatte den ganzen Zirkus viel zu persönlich genommen und sich, als er nicht mehr weiterwußte, eine Ladung Schrot in den Kopf gejagt. Eminem betreibt mit seiner neuen, eindrucksvollen Platte russisches Roulette: Jeden kann es treffen. Auf dem Frontcover tritt er vors Publikum, eine Hand auf dem Rücken, in der, wie dem Rückcover zu entnehmen ist, eine Pistole steckt, die er sich im Innencover in den Mund hält - auch dies ein Popzitat: Das Cover der ersten Platte von „The Beautiful South“ zeigte ein Mädchen in der gleichen Pose.
„Encore“, das letzte Stück der Platte, mündet in eine gewalttätige Publikumsbeschimpfung. Während der Entertainer zum Ende kommt mit dem Singen, verlangen die Leute nach mehr. Statt der Zugabe gibt es was aus der Pistole. Es fallen Schüsse. Panik bricht aus. Die Leute schreien. Aber Eminem lacht bloß. So funktioniert heute Unterhaltung. Eminem weiß, was er uns schuldig ist.