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Werkschau von Paul McCartney : Ein Meister aller Genres

  • -Aktualisiert am

Im Schatten: Paul McCartney 1970 Bild: Linda McCartney

Die Werkschau „Pure McCartney“ gibt Gelegenheit, die ganze Größe Paul McCartneys zu erkennen. Sie ist das „Weiße Album“ seiner Solokarriere.

          Auf dem Cover sieht er mit seinem Vollbart aus wie ein Hipster von heute. Dabei ist das Foto von 1970. Die Chronologie ist aufgehoben auf „Pure McCartney“ (Universal), der Vier-CD-Sammlung, die Paul McCartney gerade als Werkschau vorgelegt hat. Kein Anfang, kein Ende: Songs aus mehr als vierzig Jahren in herrlichstem Durcheinander, ein Kaleidoskop der Stile und Formen, bekannte Hits neben übersehenen Kostbarkeiten: eine verschwenderische Fülle hinreißender musikalischer Ideen.

          Als vor fast einem halben Jahrhundert das „Weiße Album“ der Beatles erschienen war, hätte es auch „Pure Beatles“ heißen können: äußerlich in schlichtestem Weiß, aber musikalisch ihre bunteste Produktion, ein Zeugnis kreativer Überfülle. Tony Palmer dekretierte damals im „Observer“: Diese jungen Leute seien „the greatest songwriters since Schubert“.

          Wie lebt man weiter, wenn man das mit 26 gesagt bekommt? Und wenn man mit gerade 22 schon „Yesterday“ geschrieben hatte, von dessen Tantiemen allein man sich ein schönes Leben machen könnte? Paul McCartney hat jetzt die Antwort gegeben, an der er die vergangenen 46 Jahre gearbeitet hat. Die persönliche Werkschau ist ein Füllhorn kompositorischer Einfälle, eine Wunderkiste musikalischer Schätze. Sie ist das „Weiße Album“ seiner Solo-Karriere.

          Zu laut und wenig elegant

          Der trotzige Stolz in diesem Titel ist einem biographischen Trauma abgerungen: McCartney litt seit dem Ende der Beatles darunter, kein wirklicher Held, sondern nur noch Musiker zu sein. Und dann noch der ewig Brave: Weder hatte er die geheimnisvolle Tiefe Bob Dylans noch den Sex-Appeal Mick Jaggers, noch die rauhe Authentizität Neil Youngs. Inzwischen scheint er sich damit versöhnt zu haben, nichts weiter zu sein als der größte Melodienerfinder der populären Musik. Die Konkurrenz ist ja nicht klein: Paul Simon, Elton John, Billy Joel ... Und Bob Dylan bekennt, dass McCartney der Einzige sei, den er beneide, weil der praktisch alles könne: alle Instrumente spielen, Rock ’n’ Roll so gut wie Balladen singen und vor allem Melodien erfinden, die so damned effortless, so verdammt anstrengungslos erscheinen.

          Musikvideo von Paul McCartney : „Dance Tonight“

          Damit muss man leben können: zur Leichtigkeit verdammt zu sein. Dass einem alles so zufliegt. Im Wartezimmer des Krankenhauses, in dem McCartney eine Woche lang darauf wartet, dass seine Frau Linda die erste gemeinsame Tochter zur Welt bringt, sieht er jeden Tag auf einen Picasso-Druck mit einem Gitarrenspieler. Irgendwann fragt sich Paul, welchen verdammten Akkord der da mit nur zwei Fingern auf dem Griffbrett spielt. Und er erfindet eine Melodie, die sich mit Zwei-Finger-Akkorden begleiten lässt. Auf Youtube kann man das kleine Divertimento und die Geschichte dazu finden.

          Vielleicht hat er die Trennung von seinem Partner und ersten Kritiker John Lennon nie verwunden, weil sein künstlerisches Gewissen seinen eigenen Einfällen erst dann wirklich traute, wenn der unbestechliche John sie akzeptierte. In seinem Abschiedslied an den toten Freund heißt es deswegen: „You Were in My Song“. Leider hat sich dieses Gewissen nicht immer gemeldet: „With a Little Luck“ war nicht gerade ein Glücksfall, um nur dieses zu nennen. Ansonsten ist aber auf der nun vorgelegten Sammlung mit wenigen Ausnahmen fast nur von Glücksfällen zu sprechen. Dazu in der hervorragenden Tonqualität, die man von dem sensiblen Remastering der „Paul McCartney Archive Collection“ kennt. Die Stücke aus den neuesten Produktionen allerdings, etwa von der Platte „New“, wirken leider zu dick und laut, zu wenig elegant abgemischt.

          „Mull of Kintyre“

          Wer bisher nichts (gibt’s das?) oder wenig von McCartney kannte, der hat mit „Pure McCartney“ das große Los gezogen. Er kann fast alles hören, was in der Pop-Musik möglich ist – und alles, was Spaß macht: Eine Ballade voller Alltagspoesie? „Another Day“ oder lieber „Jenny Wren“? Ein krachender Rocker, der wegen sexueller Anspielungen von der BBC gebannt wurde? Bitte sehr: „Hi Hi Hi!“. Elektro-Avantgarde gefällig? Lieber „Coming Up“ oder „Temporary Secretary“? Folkige Nummern wie „Heart of the Country“ oder „Calico Skies“ hat er scheinbar ebenso locker aus dem Ärmel geschüttelt wie Singalong-Partien in „Uncle Albert/Admiral Halsey“. Oder die James-Bond-Titelmusik „Live and Let Die“. Wenn Paul McCartney sich ein Genre schnappt, dann haut er darin einen Klassiker raus und sei es den raffiniertesten Hitparaden-Pop wie „Jet“ oder „Silly Love Songs“.

          Und der Kenner? Hatte vielleicht gerade um diese „Silly Love Songs“ seit Jahrzehnten einen Bogen gemacht – und entdeckt jetzt beim Wiederhören, was für eine fette Bass-Linie diese Nummer so unwiderstehlich macht. Und das dreckige Klavier in „Nineteen Hundred and Eighty Five“. Und diese blitzsauberen Bläsersätze in „Wanderlust“ und die kontrapunktischen Gesangs-Harmonien in „Dear Boy“ und der Groove in „Say, Say, Say“. Sicher: Wir haben gewusst, dass „Too Many People“ als Kritik am politischen Engagement seines alten Freundes gemeint war – aber wie halten wir den Atem an, wenn wir plötzlich begreifen, dass Paul McCartney mit „Let Me Roll It“ eines der besten John-Lennon-Stücke selbst geschrieben und gesungen hat?!

          Man möchte sich gelegentlich selbst zur Ordnung rufen und sagen: Moment mal, da war doch früher zwischendurch auch viel Kitsch dabei? – und dann hört man in dem in der Erinnerung so klebrigen „My Love“ (zum ersten Mal?) das kleine widerborstige Gitarren-Solo. Und hat nicht „Mull of Kintyre“ mit den Bagpipes der Campeltown Pipe Band eine majestätische Größe? Doch, doch – und die wird danach sofort ironisch gebrochen vom fetzigen „Save Us“.

          Auf jede Überraschung folgt auf dieser Magical Mystery Tour sofort die nächste. McCartney selbst empfiehlt die Sammlung, um Spaß auf einer langen Autofahrt zu haben. Dass es auf dieser Fahrt einmal ein Ende geben soll (oder in der Kunst oder im Leben), das mögen wir nicht glauben, jedenfalls nicht, solange Paul McCartney kurz vor Schluss noch mal schnell ein neues Lied einfällt.

          Quelle: F.A.Z.

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